Schmuckband Kreuzgang

Das Wort zum Sonntag

Von Pfarrerin Johanna Gotzmann

Liebe Leserin, lieber Leser,

noch zwei Wochen sind es bis zum Osterfest, dem wichtigsten Fest der Christinnen und Christen. Die Sonntage in der Passionszeit, also der sieben Wochen vor Ostern, haben immer einen Namen. Der morgige Sonntag heißt „Judika“, an den lateinischen Vers aus Psalm 43 angelehnt „Schaffe mir recht, Gott!“.

Sicherlich kennen Sie das Gefühl, dass Sie unrecht behandelt werden. Sei es, dass eine Lehrerin unfair benotet, oder der Chef nicht die Anstrengung im Beruf würdigt oder eine Freundin nicht mehr mit mehr wegen eines Streits mit einem reden will. Auch wir verurteilen Menschen oft zu Unrecht. Weil wir nur unsere Sicht sehen, weil wir meinen, diese wäre einzig richtig und die andere falsch. Dadurch entstehen leider Konflikte, sei es in der Familie, Freundeskreis, in der Schule, Arbeit, Verein oder Gemeinde. In vielen Ländern dieser Erde gilt das Recht nicht neutral und gleich für alle. Dies erleben ganz besonders die Frauen, aber auch Männer im Iran, die seit Monaten auf die Straße gehen, um zu demonstrieren. Gleiche Rechte für Frauen und Männer, Selbstbestimmtheit, keine Diskriminierung von Minderheiten, Religionen oder aufgrund der sexuellen Orientierung –solches gilt leider nicht in allen Ländern dieser Erde. „Schaffe mir Recht, Gott“ – ist ein Wunsch des Psalmbeters, dass wenn schon nicht die Menschen, dann wenigsten, Gott sieht, dass mir Unrecht getan wird.

Bei aller Kritik an unserem Staat finde ich es wichtig zu sehen, dass wir doch einige Ziele der Gleichberechtigung schon in unserem Land geschafft haben, so z.B. als im Jahr 2017 die gleichgeschlechtliche Ehe juristisch als zivilrechtliche Ehe beschlossen wurde.

Besonders gefreut hat mich, dass neben der evangelischen Kirche nun auch jüngst die katholische Kirche in Deutschland verabschiedet hat, dass gleichgeschlechtliche Ehen im Gottesdienst gesegnet werden dürfen. Letztes Jahr war ich zur Hochzeit meines Studienfreundes und seines Mannes eingeladen und es hat mich im Gottesdienst zu Tränen gerührt, dass beide so glücklich sind und ihr Glück mit Gott und Familie und Freunden teilen können.

Mit meiner Konfirmandengruppe besuchte ich letzte Woche im „Haus der Kirche“ in Heppenheim die Ausstellung „selbstbestimmt bunt“. In verschiedenen Stationen konnten die Jugendlichen sich informieren und ins Gespräch kommen, wie man sich selbst sieht, welche Beziehungen man hat, welche Rolle Liebe und Sexualität spielen und was Homosexualität und Transgender bedeuten.

„Schaffe mir Recht, Gott“ – ist ein Wunsch, den viele LSBTTIQ Menschen haben (lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, transsexuelle, intersexuelle und queere Menschen). Sie wollen dazu gehören, angenommen werden so wie sie sind, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Als Christin glaube ich daran, dass Gott uns bewusst vielfältig geschaffen hat, wir offen auf unseren Nächsten zugehen sollten und ihn annehmen sollten wie er ist.

An Karfreitag erinnern wir uns daran: Jesus wurde zu Unrecht zum Tode verurteilt. Wie viele Menschen werden auch heute noch zu Unrecht zum Tode verurteilt, im wörtlichen wie im sozialen und gesellschaftlichen Sinn?!

Deshalb gilt mein Wunsch und meine Hoffnung so vielen Menschen: „Schaffe ihnen Recht, Gott!“