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Geistliches Wort

Die Oster-Botschaft des Lebens für eine Welt des Karfreitags

Liebe Leserinnen und Leser!

Liebe Schwestern und Brüder!

Wer hat Jesus ans Kreuz gebracht? War es der Hohe Rat, die Rö-mer, Pontius Pilatus, das aufgewiegelte Volk oder Judas, der ihn verriet? Oder die zwei falschen Zeugen, von denen in den Evangelien die Rede ist? Wer trägt die Verantwortung: Alle oder keiner? Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld.

Menschlich betrachtet oder im Sinne der Lebenserfahrung könnte man es als ein unheilvolles willentlich-unwillentliches Zusammenwirken fragwürdiger Kräfte verstehen, dass immer mehr destruktive Eigendynamik aufnimmt und zum Selbstläufer wird.

Anthropologisch-theologisch zeigt es etwas von ganz verschiedenen Verstrickungen der Sünde. Selbst die Jünger spielen keine wirklich rühmliche Rolle, wenn sie Jesus verleugnen und fliehen. Der Karfreitag ist ein Extrembeispiel, aber immer wieder in der Ge-schichte der Menschheit und in persönlichen Lebensläufen ereig-nen sich solche Abwärtsspiralen des Unheils, Beispiele für eine Unkultur der Oberflächlichkeit, der Unwahrheit, des Bösen, der Zerstörung, eigentlich einer Unkultur des Todes. Schon die Psal-men im Alten Testament berichten immer wieder davon, dass Menschen solche Erfahrungen machen und ihnen ohnmächtig ge-genüberstehen. Jesus am Kreuz, das ist dann der Gipfel absoluter Ohnmacht – weltlich betrachtet.

Zum Glück ist das noch nicht das Ende der Geschichte!

Aber leben wir in so einer „Welt des Karfreitags“?

Eine Gesprächspartnerin sagte mir kürzlich, wie sehr gerade junge Menschen verunsichert sind, angesichts einer Welt, die ziemlich aus den Fugen geraten zu sein scheint, mit Kriegen, Klimakrise, Künstlicher Intelligenz, der Infragestellung politischer und sozialer Werte sowie rasanten gesellschaftlichen Veränderungen, deren Folgen kaum abzusehen sind, usw. Wie und woran soll man in einer solchen Welt Orientierung finden? Internetblasen liefern und verstärken oft eine Unzahl widersprüchlicher und oft einseitiger Informationen und begünstigen eine Tendenz zu einer immer krasseren Spaltung und Segmentierung der Gesellschaft.

Ich möchte da nicht zu schwarzmalen, denn Vieles in der Entwicklung der Gesellschaft wird ja auch besser. Das übersehen wir vielleicht manchmal zu leicht.

Aber die gerade beschriebenen Beobachtungen beschäftigen und sorgen schon viele Menschen. Mich ebenfalls.

Jesus am Kreuz ist nicht ohnmächtig! Das bedeutet Hofnung!

Durch Jesus geht Gott für die Menschheit den Weg zur Auferstehung und zum Leben! Das ist die Kernbotschaft von Ostern und das ist die Kernbotschaft des christlichen Glaubens.

Deshalb ist Ostern unser höchstes Fest (nicht Weihnachten).

Gott will die ganze Existenz des Menschen, des einzelnen Menschen und des Menschen an sich zu einer Perspektive des Lebens, der Erlösung, der Freude und der Hoffnung führen. Ostern lässt sich weniger gut bildlich vorstellen als Weihnachten. Aber Ostern ist mehr als ein leeres Grab. Ostern ist die Transformation der gesamten menschli-chen Existenz hin zur Befreiung und zum Leben. Deshalb dürfen wir als Christen unser Leben immer in einer österlichen Perspektive leben und der oben skizzierten Unkultur des Todes und der Brutalität selbstbewusst und hofnungsvoll eine Kultur des Lebens, der Freiheit und der Wahrheit entgegensetzen, eine Kultur des Friedens, der Gerechtigkeit, des Mitgefühls und der Menschenfreundlichkeit.

Man könnte sagen, eine bestimmt „Logik“ hat Jesus ans Kreuz gebracht, eine Logik des Kalküls, des Machtmissbrauchs, der Wankel-mütigkeit und Manipulierbarkeit, eine Logik vom brutalen Recht des Stärkeren, wie sie z.B. für die Römer selbstverständlich war. Eine Logik des Todes. Es ist auch die Logik Putins und vieler Despoten und Zyniker, die in unseren Zeiten zu neuer Macht kommen, aber auch die Logik der manchmal erschreckend populären Nationalismen und Egoismen. Die Grenzen zur Logik der „Ellenbogen“ sind fließend. Sie sollten uns bis in die Reihen der „politisch korrekten Gesellschaft“ und auch der Kirche fragen lassen: Haben wir tatsächlich eine Kultur der Solidarität und der Nächstenliebe? Gibt es bei uns wirklich Verständnis und Mitgefühl für Leid, Schwäche, Krankheit und Unglück oder priorisieren wir letztlich eher die „Werte“ von Leistung, Erfolg,

„Funktionieren“ und Efizienz? Auch diese Fragen schwingen in der Thematik des Karfreitags mit und konzentrieren sich in der Grundfra-ge, welcher „Logik“ wir in unserem Leben als Menschen und Christen folgen und die Priorität geben wollen.

In Christus überwindet Gott eine zynische, den Maßstäben der „Welt“ folgende „Karfreitags-Logik“ hin zur Logik des Lebens und der Liebe. Das wird schon deutlich in dem, was Jesus gelehrt, gelebt und verkündet hat, bis dahin, dass er eine manchmal doch harte Schein-Moral entlarvt und ihr eine wirkliche Kultur der Liebe und des Frie-dens entgegengesetzt hat. Was er verkündet und gelebt hat, kulminiert in Jesu Tod und Auferstehung. So wird durch Christus das Kreuz vom Zeichen der Ohnmacht und des Todes zum Zeichen der Hingabe und der Liebe und vollendet sich im Höhepunkt der Auferstehung.

Das Osterfest als Fest des Lebens zeigt in eine jenseitige Perspektive der Vollendung bei Gott. Aber seine Botschaft der Lebens- und Menschenfreundlichkeit Gottes wirkt auch in das Leben im Diesseits, gibt Hofnung und Orientierung und ermutigt uns, an die alles umfassen-de Liebe Gottes zu den Menschen zu glauben.

Der Karfreitag hat nicht das letzte Wort. Die befreiende Kraft Gottes transformiert ihn zum österlichen Leben, durch die göttliche Liebe, die tröstet, heilt, erlöst, aufbaut, ermutigt, verbindet und zum wahren Leben  führt  und  uns  damit  wichtige  Hinweise  gibt  auf  quasi „österliche Werte“, die uns auch im Hier und Jetzt helfen  können, einer lebenswerten Welt, einer humanen Gesellschaft und einer Kultur des Lebens näher zu kommen, damit schon im Alltag etwas Ostern werden kann.

Ihnen allen, liebe Schwestern und Brüder, und allen, die Sie im Her-zen tragen, wünsche ich im Namen des ganzen Pastoralteams ein gesegnetes und hofnungsvolles Osterfest!

Ihr Pfarrer Erik Wehner

 

"Geistliches Vor-Wort" aus MITEINANDER März 2026