Ist das nicht widersinnig? Wenn die Passionszeit auf ihren „Höhepunkt" zustrebt, auf das Leiden und Sterben Jesu. werden in vielen katholischen Kirchen ob dem fünften Fastensonntag - der oft auch als ..Passionssonntag" bezeichnet wird - die Kreuze (und andere Jesusdorstellungen) verhüllt. Als sollten die Gläubigen doch nicht so genau hinschauen oder als wäre ihnen die Brutalität - die, Nebenbemerkung, häufig gar nicht mehr so empfunden wird, da die Sehgewohnheiten aus Nachrichten oder Filmen Schlimmeres gewohnt sind - nicht zumutbar. Was hat es aber tatsächlich mit dem Brauch, die Kreuze zu verhüllen, auf sich?
Der Ursprung ist nicht bekannt. Eine Deutung aus dem 13. Jahrhundert verweist darauf, dass sich Jesus laut Johannesevangelium vor seinem Leiden aus der Öffentlichkeit zurückzog und seine Göttlichkeit verbarg und dieses Verhalten mit der Kreuzverhüllung nachempfunden wurde. Ebenfalls einleuchtend ist der Hinweis, dass sich im Mittelalter die Kreuze (als goldene, juwelengeschmückte Triumphkreuze) mehr und mehr zu einem Auferstehungssymbol wandelten und die Passion zurückgedrängt wurde.
Eine dritte Deutung verweist auf die mittelalterliche Praxis, dass die, die Buße tun mussten, bis Ostern von den Gottesdiensten ausgeschlossen waren - das Verhüllen der Kreuze war ein Zeichen der Solidarität mit ihnen.
Ich persönlich sehe zwei Motive. Was ich verberge, wird neu und anders sichtbar. Eine Erfahrung, die viele Menschen bei der Verhüllung des Berliner Reichstages durch das Ehepaar Christo 1995 machen konnten; die aber auch jeder Geschenkverpackung zugrunde liegt. Und das zweite Motiv: Wenn das körperliche Sehen mit den Augen eingeschränkt ist, wird der innere Blick mit Herz und Verstand schärfer. Nichts soll mich ablenken von dem inneren Dialog mit dem leidenden Gott. Wer weniger oder gar nicht sieht, kann besser hören: auf das Wort Gottes wie auf die Stimmen der leidenden Menschen.
Für mich eine wichtige Erfahrung in den Passionstagen: Nicht sehen, um genauer wahrzunehmen.
Michael Tillmann