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Impuls des Monats

Das "Geistliche Vorwort" des aktuellen Mitteilungsblattes MITEINANDER für die katholische Pfarrei St. Bonifatius Gießen 

"Was verbindet uns zutiefst?“

Liebe Leserinnen und Leser,

liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

nun ist aus dem Pastoralraum Gießen-Stadt die neue Gesamt-Pfarrei St. Bonifatius Gießen geworden, bekräftigt im festlichen, von unserem Bischof Peter Kohlgraf geleiteten Gründungsgottesdienst, in dem vieles vom Reichtum katholischen Lebens sichtbar, hörbar und spürbar wurde. Vielen herzlichen Dank allen, die diesen Gottesdienst so engagiert mitgestaltet und mitgefeiert haben!

Ein Wort in eigener Sache: Mit größtem Bedauern konnte ich diesen Gottesdienst nicht mitfeiern, was ich trotz längerfristiger Krankheit sehr gerne getan hätte. Es versteht sich von selbst, dass es dabei nicht um Erkältung oder Kopfschmerzen ging, sondern um schwerwiegende gesundheitliche Gründe. Mit „blutendem Herzen“ habe ich den Gottesdienst über den Stream verfolgt und empfand ihn als sehr gelungen und ansprechend, so wie wir es uns im Vorbereitungsteam erhoft hatten. Die Vielfalt der katholischen Kirche in Gießen mit den Gemeinden deutscher und anderer Muttersprachen, den vielen anderen seelsorglichen und diakonischen Diensten sowie Verbänden wurde deutlich und zeigt, in wie vielen Aspekten sich kirchliches Leben in Gießen entfaltet.

So hilft uns der Pastorale Weg und auch der Gründungsakt einem „Tunnelblick“ vorzubeugen und nicht nur auf den „eigenen Kirchturm“, die eigene Gruppe etc. zu schauen, sondern die Mannigfaltigkeit dankbar wahrzunehmen und auch die Chancen für die Zukunft darin zu sehen.

„Katholisch“, „allumfassend“, bedeutet nie nur der engste Kreis, sondern immer Weite, Vielfalt, Ofenheit und Integration.

Die Pfarrei-Gründung ist kein Endpunkt, sondern ein Zwischenschritt. Der Pastorale Weg geht weiter und kann dann seine positive Wirkung entfalten, wenn er in einer geistlichen, pastoralen, seelsorglichen, diakonischen und auf Gemeinschaft hin orientierten Dimension beschritten wird.

Vielleicht hat auch der Gründungsgottesdienst etwas von den Chancen wiedergespiegelt, die ich gerne die „Gießen-spezifischen Faktoren“ nenne: Die große Internationalität als „Weltkirche vor Ort“ mit einer Vielfalt auch an unterschiedlichen spirituellen Akzenten, die einander befruchten können, die sehr große Präsenz junger Menschen, von denen viele auf der Suche und hoch motiviert auf ihrem Glaubensweg sind, die große Bedeutung und Ausstrahlung der Kirchenmusik, die ein intensiviertes Erleben der Liturgie ermöglicht, Initiativen wie die „Kulturkirche“, die kategorialen Dienste, z.B. in der Klinik-, Telefon-, Gefängnis-, City- und Hochschulseelsorge, die diakonischen Einrichtungen von Caritas und SkF sowie die vertrauensvolle Ökumene und die gute Zusammenarbeit mit anderen Akteuren der Stadtgesellschaft.

In ihrem Grußwort zur Gründung sprach Schwester Monika von Prozessen der Zusammenlegung auch bei den Ordensgemeinschaften und der dort gestellten Leitfrage:

Was verbindet uns zutiefst?

Das kann auch für uns eine gute Leitfrage sein, in der neuen Gesamt-Pfarrei und für unser Kirche-Sein überhaupt. Gedanken und Äußerungen, die eine Fremdheit oder Spaltung betonen, haben keinen guten Geist. Sie sind kleinlich und in einem unguten Sinne „weltlich“. Sie kommen nicht von Gott. Äußerungen und Handlungen die einem „Separatismus“ das Wort reden, können auch nicht „katholisch“ sein, denn „katholisch“ heißt „allumfassend“, also verbindend, integrativ.

Insofern ist die Leitfrage „Was verbindet uns zutiefst?“ wirklich eine Frage, die auch in die Tiefe führt und uns helfen kann, das Eigentliche und Wesentliche am Glauben und am Kirche-Sein immer wieder bewusst zu suchen und uns danach auszurichten. Auf diese Frage gibt es zum Glück viele richtige Antworten, die doch wohl alle etwas mit der „Mitte“, mit Christus, mit Gott zu tun haben.

Auf den ersten Blick hat der Pastorale Weg viel mit Strukturen, mit Sparen und schmerzhaften Einschnitten zu  tun. Ohne das geht es auch nicht. Es sollte aber nicht zu viel Raum einnehmen, nicht unser Bewusstsein bestimmen.

Im Sinne einer „ecclesia semper reformanda“, einer Kirche, die sich fortwährend reformieren, also immer wieder neu nach Gott ausrichten und am Wohl des Menschen orientieren muss, kann der Pastorale Weg langfristig seiner eigentlichen Intention näherkommen, wenn er zu einer Vertiefung des (gemeinsamen!) Glaubens und der Seelsorge führt.

Die Frage „Was verbindet uns zutiefst?“ kann uns helfen, zu einer geistlich und inhaltlich fundierten gemeinsamen Identität als katholische Kirche in Gießen, als neue Pfarrei St. Bonifatius zu finden. Dazu wünsche ich unserer Pfarrei, Ihnen und uns allen Gottes Begleitung und reichen Segen!

Ihr Pfarrer Erik Wehner

(s. MITEINANDER, Februar 2026)