Schmuckband Kreuzgang

Semesterthema Sommersemester 2021

Osiander_Mosaik_Kavala (c) Andreas Osiander

"Europa"

Europa ist mehr als ein geographischer Begriff. Das große Mosaik aus der nordgriechischen Stadt Kavala fasst einen historischen Moment ins Bild: Mit Paulus kommt das Christentum nach Europa. Und der Künstler illustriert dazu einen folgenreichen Traum aus Apostelgeschichte 16, in dem Paulus einen Makedonier sieht, der ihn bittet: ‚Komm herüber und hilf uns.‘ Paulus wäre nicht Paulus, wenn er dieser Bitte nicht gefolgt wäre. Im Jahr 49 geht er im damaligen Neapolis auf der Insel Samothraki an Land.

Der Völkerapostel bringt Europa den christlichen Glauben, der zugleich das Erbe Israels in sich trägt, und dieser verbindet sich mit griechischer und römischer Kultur. Biblisches Glaubenszeugnis, das Verständnis von Kirche, Recht und Reich, religiöse und ethische Werte, nicht zuletzt auch das monastische Leben als überpolitische Größe, prägen Europa. Die Vielgestaltigkeit nationaler Kulturen gehört zu seinem Reichtum, doch weder für europäische Universitäten noch für europäische Künstler gab es hemmende nationale Grenzen.

Dieses Erbe Europas in bleibenden Zeugnissen, die Unterscheidung von sakraler und politischer Zuständigkeit, mit der daraus sich ergebenden Problematik verbindlicher Normen, aber auch die Vielfalt nationaler Kulturen, werden wir in unterschiedlicher Perspektive im Rahmen unseres Semesterthemas ansprechen.

  • Die konkrete politische Gestalt Europas wird uns ein Abgeordneter des Europäischen Parlaments vorstellen.
  • Antworten auf die Frage, ob Europa noch eine kulturelle Einheit darstellt und welche Rolle das Christentum dabei spielen kann, erhoffen wir uns aus Sicht eines Kulturphilosophen.
  • Ein Hochschulprofessor und Informatiker wird mit uns über Digitalisierung im europäischen Kontext nachdenken.
  • Eine offene philosophische Diskussionsrunde bietet Gelegenheit, all dies und noch mehr auch ganz persönlich weiterzudenken.
  • Ein Musiker stellt uns das Instrument des Jahres, die Orgel, als Kulturdenkmal Europas vor
  • und ein Glockensachverständiger wird uns Formen und Läuteordnungen der Kirchenglocken erklären.
  • Das Erasmus-Studienprogramm, samt seinem Namensgeber, wird an einem Abend vorgestellt und
  • bei unseren Länderabenden werden wir Italien, Kroatien und die Schweiz in unterhaltsamer Form präsentieren.

Auch unsere Freizeitveranstaltungen haben wir unter dem Gesichtspunkt Europa  ausgewählt. Das von Euch gewählte Thema ist nicht nur brandaktuell, sondern sicher auch für die akademische Zukunft ein unverzichtbares und komplexes Thema.

Gegen Oskar Spenglers gar nicht neue These vom Untergang des Abendlandes möchten wir zeigen, dass Europa Zukunft hat. Ob diese Zukunft davon abhängt, dass kreative Neuanfänge – von Einzelnen und Gruppen von Minderheiten - die religiösen Grundlagen Europas wiederbeleben können, wie wesentlich der Gottesbezug in einer Verfassung ist oder ob das laizistische Staatsmodell mit dem Vorrang der Vernunft, trotz seiner Fragilität die Zukunft ist, darüber lässt sich streiten. Deutlich wird jedenfalls schon im Bereich digitaler und medizinischer Kontroversen, dass es ethische Maßstäbe braucht, um ein Europa der Zukunft zu bauen. Auch Covid 19 und der Umgang mit einer Pandemie führt uns das ja momentan vor Augen. So laden wir gerade auch unsere internationalen Studierenden aus außereuropäischen Ländern ganz herzlich zu all unseren Veranstaltungen ein. Der Schritt des Paulus, der einst in Griechenland seinen Fuß auf europäischen Boden setzte, ist dafür mehr als ein schönes Bild. Das Ziel, statt trennender Nationalismen eine gemeinsame Identität, ja einen Zusammenschluss gegen zerstörerische Nationalismen und gegen hegemonistische Ideologien zu bilden, kann Kraft gewinnen aus der Ehrfurcht vor dem Heiligen, vor dem was mir und dem anderen heilig ist, als Grundpfeiler für alle Kulturen. Gerade die Herausforderung durch erlebte Multikulturalität verweist uns so wieder auf die europäischen Wurzeln.