Liebe Schwestern und Brüder,
liebe Leserinnen und Leser,
„eines der Feste im Kirchenjahr“ fehlte noch: Mit dieser Erkenntnis „schaute“ Juliana von Lüttich (1191, 1192 oder 1193* -1258) im Alter von 16 Jahren, dass es zur Verehrung der Heiligen Eucharistie noch einer Feier bedürfe: Denn ein eigenes Fest zur Verehrung der Heiligen Eucharistie fehlte noch. Dabei behielt die junge Frau, die schon mit fünf Jahren Vollwaise war und bei Ordensfrauen großgezogen wurde, ihre Erkenntnis erst einmal für sich. Sie hatte wohl Angst, von anderen „belächelt“ oder „nicht ernst genommen“ zu werden. Juliana, die bei Lüttich (heutiges Belgien) geboren wurde, fiel schon in jungen Jahren durch ihre Neugierde aber auch durch ihre tiefe Verehrung der heiligen Eucharistie auf. Viele Stun-den ihres Lebens verbrachte sie mit der Anbetung vor dem Allerheiligsten. Die vielleicht einprägsamste Episode ihres Lebens ereignete sich um das Jahr 1209 – und später immer wieder: Vor der Scheibe eines Mondes zeichnete sich ein dunkler Fleck ab. Das war für Juliana ein deutliches Zeichen dafür, dass da noch ein wichtiges Fest fehlte. Historiker und Astronomen sahen in der Vision der Heiligen Juliana oft auch eine Beschreibung für einen sogenannte „Venustransit“– ein sehr seltenes Phänomen, bei dem sich die Venus vor die Son-ne schiebt und dann als dunkler Fleck auf der Sonne zu erkennen ist (tatsächlich wird Juliana dieses Phänomen im Spätherbst 1208 mitbekommen haben). Erst 20 Jahre später vertraute sich Juliana anderen Schwestern an, die sie dann er-mutigten, über ihre Vision zu sprechen: Julianas Beichtvater war Jakob von Troyes: Dieser wirkte länger in Lüttich, bevor er zu Papst Urban IV. wurde. Sechs Jahre nach Julianas Tod erhob er mit der Bulle „Transiturus de hoc mundo“ das "Hochfest des Leibes und Blutes Christi" zum allgemeinen Kirchenfest.
Bis Fronleichnam aber zu dem Fest wurde, was es heute ist, dauerte es noch einige Jahrzehnte. Der Brauch, dass an Fronleichnam Prozessionen stattfinden, verbreitete sich dann jedoch recht schnell: Denn für die Prozession ist Fronleichnam bis zum heutigen Tag bekannt. Es gibt einen Blumenteppich, einen feierlich geschmückten Altar, den „Himmel“, unter dem das Allerheiligste durch die Straßen getragen wird, Fahnen… Später in der Zeit der NS-Diktatur mit den dort stattfindenden Aufmärschen war die Teilnahme an der Fronleichnamsprozession eine bewusste Gegenbewegung. Die Teilnehmenden an der Prozession verdeutlichten: Herr unseres Lebens ist unser Gott, ist Jesus Christus, der mit uns unterwegs ist und kein weltlicher Führer. Diese Haltung trägt bis in die heutige Zeit: Katholikinnen und Katholiken tragen den Glauben an die Auferste-hung, ein Leben nach dem Tod, den Glauben an eine bessere Welt und dass sie bereits im Heute möglich ist, ganz bewusst auf die Straßen. „Gott ist mit uns!“
Das Fest Fronleichnam ist auch für unsere Gießener Pfarrei ein wich-tiges Ereignis. Alle Gemeindegruppen kommen zusammen: Die mut-tersprachlichen Gemeinden, genauso wie unsere drei Gießener Innenstadtgemeinden und Heuchelheim. Nach dem festlichen Gottes-dienst und der danach stattfindenden Prozession kommen wir noch in einem großen Gemeindefest zusammen. Und so ist das Fest, das uns verbindet, auch eine Mahnung an uns alle, dass wir als Christinnen und Christen tatsächlich nur in Gemeinschaft mit den Herausfor-derungen unserer Zeit umgehen können. Für mich wird auf diese Wei-se noch einmal mehr deutlich, dass Kirche aus sehr unterschiedlich veranlagten Personen besteht: Es ist eine große Bereicherung, dass sich hier bei uns in Gießen so unterschiedliche Gruppen einbringen und dass dann daraus immer wieder etwas Großes und auch Schö-nes entstehen kann. An dieser Stelle gilt es für mich auch Danke zu sagen – Danke allen, die sich hier engagieren, sich hier einbringen, an den Planungen beteiligt sind und uns so unterstützen.
Manchmal – da braucht es Visionärinnen und Visionäre – im Heute wie in der Vergangenheit: So wie die Heilige Juliana, die in ihrer Zeit gemerkt hat, dass da noch ein Fest fehlt.
Ihr Benjamin Weiß Pfarrer
(aus: "Geistliches Wort", MITEINANDER Juni 2026)