Die Orgel im liturgischen Gebrauch

Im Chorgestühl unserer Pfarrkirche sind den Stützen für die Baldachine die vier frühen Repräsentanten der Kirchenmusik in Holz geschnitzt und farbig gefasst vorangestellt:

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König David mit Harfe
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König David auf einer Harfe musizierend (lebte um 1000 bis 950 v. Chr.), großer Sänger, selbst Dichter und Komponist vieler kraftvoller Psalmen,

St. Cäcilia, mit einer Handorgel, Patronin der Kirchenmusik (um 200 bis 22. November 230), Märtyrerin. Das Patronat entstand aus der Erzählung wie sie anlässlich ihrer Vermählung mit dem zunächst heidnischen Jüngling Valerianus ihrem Bräutigam gestand allein Christus geweiht zu sein. „Während die Musikinstrumente (zur Hochzeit) erklangen, sang Cäcilia in ihrem Herzen nur zu Gott gewandt ...". Der ihr Angetraute akzeptierte ihr Gelübde, wurde selbst Christ und für seinen Glauben mit dem Schwert hingerichtet, wie kurz darauf auch Cäcilia.

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Papst Gregor I. „der Große" (um 540 bis 12. März 604), mit Tiara, Kreuzstab des Bischofs von Rom, ein Buch tragend, Hinweis auf seine theologischen Werke, Kirchenlehrer, Schöpfer des Gregorianischen Chorals und

Bischof Ambrosius von Mailand (um 330 bis 4. April 397), Kirchenlehrer, Hymnendichter und Komponist mit Buch, darauf ein Bienenkorb - Symbol für seinen „Bienenfleiß". Der „Ambrosianische Lobgesang", der von ihm komponierte liturgische Gesang der Mailänder Kirche wurde zu einem festen Begriff für die Feier der hl. Messe in der römischen Liturgie. Bischof Ambrosius benutzte als erster den Begriff „Messe" für die Eucharistiefeier.

Die so Dargestellten sind Vertreter früher Beispiele für musikalische Ausdrucksweisen des Gotteslobs, die als Psalmen, Psalter, Hymnen und Lieder Eingang in den christlichen Gottesdienst fanden. Gegenüber jeglicher Instrumentalmusik bestand im christlichen Gottesdienst zunächst Misstrauen und Abgrenzung von anderen Kulten wie dem jüdischen oder gar dem heidnischen Gottesdienst.

Orgel

Orgel

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Die Orgel (griech.: „organon" / lat.: „organum") war schon in der Antike als „Hydraulis" bekannt. Sie wurde in den Zirkusarenen von Rom und im Römischen Reich gespielt. Sie fand später Eingang am byzantinischen Hof für repräsentative Auftritte der oströmischen Kaiser und bei höfischem Zeremoniell. Die ursprüngliche Abneigung der ersten Christen gegenüber der Orgel könnte sich daraus erklären, wie in den römischen Arenen unter ihrem Klang viele tausend Christen einen grausamen Märtyrertod erlitten.

Als repräsentatives Instrument des oströmischen Kaiserhofes kehrte die Orgel als solches in das Abendland zurück. Der oströmische Kaiser Konstantin V. schenkte dem fränkischen König Pippin „der Kurze" im Jahr 757 eine Orgel. Mönche waren es, die dieses Instrument nachbauten. Sie galten noch während des Mittelalters als Bewahrer und Förderer der Orgelbaukunst. Wann die erste Kirchenorgel gebaut und im Gottesdienst benutzt wurde ist nicht bekannt. Es dauerte allerdings nicht lange bis die Klänge und die Würde dieses königlichen Instruments auch als angemessen für das Gotteslob erkannt wurde. Wahrscheinlich war es Karl der Große, der sie für den Gottesdienst in seiner Aachener Pfalzkapelle, die heute den Mittelpunkt des Aachener Domes bildet, einführte. Für Jahrhunderte blieb die Orgel im lateinischen Gottesdienst das einzige erlaubte Musikinstrument im Gegensatz zur Ostkirche, wo sie bis heute keinen Eingang gefunden hat.

Im Lauf des Mittelalters wurde der Bau von Orgeln infolge höherer musikalischer Ansprüche technisch ausgereifter und damit verbunden entstanden auch größere Orgelwerke allerdings vorwiegend in Klosterkirchen, Domen, Stifts- und größeren Stadtkirchen. Nur die allerwenigsten Pfarrkirchen verfügten über eine Orgel. Für Gau-Algesheim ist bekannt, dass Christian Erbach (1570-1635), späterer Domorganist und Kapellmeister in Augsburg, von Johannes Hademer (1570-1607), einem, man staune für die damalige Zeit, hauptamtlichen Organisten an der St. Martinskirche, seinen ersten Orgelunterricht erhielt. Demnach besaß die Gau-Algesheimer Pfarrkirche im 16. Jahrhundert bereits eine Orgel, die allerdings im 30jährigen Krieg bei ihrer Zerstörung durch die Schweden mit dem Inventar der Kirche verbrannte. Ihre Größe und die Disposition sind leider nicht bekannt. Nach der Wiederherstellung und der Einweihung der Pfarrkirche durch Weihbischof Gottfried Volusius, 1677, erstand die Gemeinde 1684 wieder eine kleine gebrauchte Orgel mit sieben Registern aus dem Rheingau. Aus den in unregelmäßigen Abständen erfolgten einzelnen Reparaturrechnungen ist die Disposition dieses Instruments in etwa nachvollziehbar. Erst 1851 wurde von den Orgelbaumeistern Bernhard und Hermann Dreymann aus Mainz wieder eine größere Orgel mit 24 klingenden Registern für die Pfarrkirche erbaut, die heute noch zu einem großen Teil in der Oberlinger-Orgel von 1967 erhalten sind.

Zurück zu den Orgeln des Mittelalters und ihrer spärlichen Ausbreitung in den damaligen Kirchen. Orgeln waren zu dieser Zeit noch nicht zur Begleitung des Gemeindegesangs gedacht. Der Gemeindegesang stellte noch kein wesentliches Element in der Liturgie dar. Die Orgel wurde überwiegend in der „Alternatimpraxis" genutzt. Das heißt, Sänger und Orgel musizierten „alternierend", abwechselnd. Ein Vers wurde gesungen, der nächste Vers vom Organisten gespielt, und das nicht nur bei Psalmen und Hymnen, sondern auch bei Teilen des Messordinariums wie Kyrie, Gloria, Credo etc. Christian Erbach pflegte z. B. in seinen Versetten für Orgel und Schola noch diesen Stil. Daneben kam die Orgel als tragbares bzw. transportfähiges Instrument, als sogenanntes „Portativ" auch bei den zahlreichen Prozessionen zum Einsatz.
Die Reformation gab Anlass zu neuen großen Entwicklungen. Martin Luther erkannte den Wert der Orgel für den Gemeindegesang, dichtete und komponierte selbst zahlreiche, kraftvolle Choräle, deren Singen von der Orgel begleitet wurde. Andere Reformatoren wie Huldrych Zwingli in Zürich oder Johannes Calvin in Genf wiederum lehnten die Orgel als „Prunkinstrument" ab. Dagegen blühte im norddeutschen, lutherisch geprägten Raum der von der Orgel begleitete Gemeindegesang im Gottesdienst und dazu parallel auch der Orgelbau mächtig auf. Es entwickelten sich die „Intonationen", „Choralvorspiele" mit denen die Gemeinde auf den folgenden Choral „eingestimmt" wurde oder die Vor- und Nachspiele zu Beginn bzw. zum Ende des Gottesdienstes zu hohen musikalischen Kunstformen, wie sie große Komponisten geistlicher Werke wie der berühmte Thomaskantor Johann Sebastian Bach, Dietrich Buxtehude, Johann Gottfried Walther, Nicolaus Bruhns, Georg Friedrich Händel, Georg Philipp Telemann und andere bedeutende Komponisten der norddeutschen Schule für den lutherischen Gottesdienst schufen. Hierbei lauschte die Gemeinde in den Bänken verweilend andächtig dem Spiel des Organisten bis der letzte Ton verklungen war. Diese Tradition wird heute wieder auch von katholischen Organisten als „Fermate" am Ende des Gottesdienstes gepflegt. Die Praxis der Begleitung der Gemeinde beim Singen sowie das festliche Orgelspiel beim Einzug oder dem Auszug des oder der Priester mit Assistenz setzte sich bald auch im katholischen Bereich durch. Die Orgel war aus dem Gottesdienst nicht mehr wegzudenken. Die „große" Orgel war damals schon da, den Glanz besonders feierlicher Gottesdienste „wunderbar zu steigern" indem der Organist selbständige Orgelstücke, festliche Eingangspräludien und Nachspiele zum Erklingen brachte. Die Kunst des Orgelbaus wurde in der Folge derart gesteigert, dass großartige Orgeln in bedeutenden Kirchen entstanden. Die „Orgelbewegung" zu Beginn des letzten Jahrhunderts erkannte die Bedeutung und den Klangwert der im Barock und in der Folgezeit entstandenen Orgelwerke eines Arp Schnittger in Norddeutschland, Gottfried Silbermann in Sachsen, Andreas Silbermann im Elsaß, Joseph Gabler in Weingarten und Ochsenhausen, in unserer Region der Orgelbauerdynastie Stumm aus Rhaunen-Sulzbach im Hunsrück, u. v. a. Die Liste kann fortgesetzt werden. Massive, falsche Eingriffe in diese Orgeln konnten allerdings erst in jüngster Zeit mit Restaurierungen fachgerecht wieder korrigiert werden. Gleichzeitig wurde die Orgelbaukunst weiter entwickelt und es entstanden in den letzten Jahrzehnten erneut qualitativ hochwertige, klangvolle Instrumente u. a. auch in großen Konzertsälen für die Aufführung „weltlicher" Orgelwerke. Nicht unerwähnt bleiben dürfen auch die großen französischen Kathedralorgeln aus dem 19. Jahrhundert, an ihrer Spitze die Orgeln eines Meisters wie Aristide Cavaillé-Coll und die englischen Kathedralorgeln.
Das II. Vatikanische Konzil hat das Orgelspiel und den Gemeindegesang mit Orgelbegleitung, ebenso das festliche Orgelspiel als wesentliches Element der Liturgie erkannt und auch verankert. Es legte in der Instruktion der Ritenkongregation „Musicam sacram" fest:
„Die Pfeifenorgel soll in der lateinischen Kirche in hohen Ehren gehalten werden; denn ihr Klang vermag den Glanz der kirchlichen Zeremonien wunderbar zu steigern und die Herzen mächtig zu Gott und zum Himmel emporzuheben."

Manfred Wantzen

Quellen:
Vera Schauber/Hanns Michael Schindler: „Heilige und Namenspatrone im Jahreslauf
Johannes Mayr „Zur Rolle der Orgel in der Liturgie" in „Die Sanierung der Gabler-Orgel in Ochsenhausen"