Zum Inhalt springen

Fronleichnam: Gottes Nähe spüren

Mainz, 16. Juni 2022: Die Fronleichnamsprozession auf der Rheinallee.
Von:
Alexander Matschak

hr2 Morgenfeier an Fronleichnam, Donnerstag, 30. Mai 2024

Gestern hat der Katholikentag in Erfurt begonnen, und heute morgen wird zum Fronleichnamsfest ein Wortgottesdienst auf dem Erfurter Domplatz gefeiert, der auch in der ARD übertragen wird. Was Autor Alexander Matschak mit Katholikentagen verbindet und warum ihm das Fest Fronleichnam wichtig ist, davon erzählt er in der hr2 Morgenfeier.

Glaube wird öffentlich

Irgendwann habe ich die Augen nicht mehr aufhalten können. Vorne auf dem Podium lief ein spannendes Gespräch zum Thema Organspende mit der damaligen Bundesjustizministerin. Trotzdem habe ich dann irgendwann meinen Kopf auf das kleine Tischchen vor mir gelegt und ein Nickerchen gehalten. Ich konnte nicht mehr. Denn: Viel geschlafen hatte ich damals nicht. Damals, 1992 auf meinem ersten Katholikentag in Karlsruhe. Gerade mal 17 Jahre bin ich alt gewesen. Und erlebt hatte ich bis dahin so etwas noch nicht. Große Gottesdienste, Gebete, Vorträge und Gesprächsrunden mit vielen tausend Menschen. Viele neue Eindrücke und Erfahrungen - und wenig Schlaf. Aber das gehört schließlich auch dazu zu so einem Katholikentag. Und als junger Mensch steckt man das ja auch ganz gut weg. 

Aber ich hatte Feuer gefangen. Ich bin in den vergangenen 30 Jahren auf vielen Katholikentagen gewesen. Ob Mainz, Osnabrück oder Stuttgart: Überall waren die Städte voll von Menschen, die öffentlich gebetet und gesungen haben, die öffentlich über ihren Glauben diskutiert haben. Jenseits des geschützten Raums von Kirchen und Gemeindehäusern. Das begeistert mich noch heute an den Katholikentagen. Das macht diese Veranstaltungen für mich so wichtig.

Mal sehen, ob ich am Wochenende noch spontan nach Erfurt fahre. Denn in der thüringischen Landeshauptstadt ist gestern Abend der 103. Deutsche Katholikentag eröffnet worden. Jetzt gleich um 10 Uhr wird ein Gottesdienst zum heutigen Fronleichnamsfest auf dem Erfurter Domplatz gefeiert. Und zwar so ganz anders als ich es kenne. Nicht so katholisch-feierlich mit Prozessionen, vielen Messdienern, Kerzen, Weihrauch und goldener Monstranz. Sondern als Wort-Gottesdienst. Ich bin sehr gespannt auf diesen Gottesdienst, der auch in der ARD übertragen wird. 

Und auch wenn dieser Fronleichnams-Gottesdienst ganz anders sein wird: Die Absicht bleibt für mich die gleiche: Christen zeigen ihren Glauben ganz öffentlich. Das ist das Besondere an Katholikentagen. Das ist aber auch das Besondere an Fronleichnam. Deswegen ist Fronleichnam für mich ein wichtiges Fest. Und darüber will ich heute in dieser Morgenfeier sprechen. Und auch bei der Musikauswahl wird sich alles um Fronleichnam drehen. 

Fronleichnam: Ahnung von Gottes Beistand

Auch in vielen Städten und Dörfern in Hessen wird heute Fronleichnam gefeiert. Meist ganz traditionell mit Prozessionen. Mal etwas größer, mal etwas kleiner, mal ganz prachtvoll mit blumengeschmückten Altären, mal nur ganz bescheiden durchs Stadtviertel. Doch eines ist bei allen gleich: Inmitten dieser Prozessionen geht ein Priester oder ein Diakon: Er trägt eine goldene Monstranz. Meist geschützt unter einem Baldachin, auch Himmel genannt. Und in der Monstranz: ein im Gottesdienst geweihtes, kleines Stück Brot. Ganz genau heißt es: eine konsekrierte Hostie. Denn in der katholischen Kirche ist man überzeugt: In diesem kleinen, konsekrierten Stück Brot ist Jesus Christus selbst gegenwärtig. Nicht nur als Symbol, nein ganz real. Das Allerheiligste wird es deswegen auch genannt. Und mit diesem Allerheiligsten segnet der Priester die Menschen, die Natur, die Stadt. Spendet allen den Segen und den Schutz Gottes. 

Diese Sache mit dem Allerheiligsten: Das ist sicher nicht einfach zu begreifen. Ganz ehrlich: Auch für mich nicht. Wie kann Jesus Christus, der Sohn Gottes, in diesem Stück Brot tatsächlich gegenwärtig sein? Meterweise sind darüber Bücher geschrieben worden. Schon seit Hunderten von Jahren haben sich viele kluge Frauen und Männer über diese Frage Gedanken gemacht. Ich denke: Es ist wirklich nicht ganz einfach, dies rein über den Verstand zu begreifen. Vielleicht ist es sogar unmöglich? 

Es ist wohl vor allem eine Sache des Glaubens. Und da ist mir bei dieser göttlichen Gegenwart eines ganz besonders wichtig: Die hat Jesus Christus den Menschen einst selbst versprochen. Er hat versprochen: Er ist bei uns. Im Schlusssatz des Matthäus-Evangeliums heißt es: „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“ (Matthäus 28,20) Das ist für mich ein ungemein tröstlicher Gedanke. Egal, was mir auch widerfahren wird. Gutes oder Schlechtes. Ich hoffe: Christus steht mir bei. Und so empfinde ich auch diesen Segen mit dem Allerheiligsten: Er gibt mir eine Ahnung von Gottes Beistand in meinem Leben.

Fronleichnam: Eine lebendige Tradition

Ich gebe zu: Ich habe eine Schwäche für Traditionen. Allerdings nicht für Traditionen, die gemacht werden, weil man es eben schon immer so gemacht hat. Ich möchte eine Tradition sinnvoll nachvollziehen können. Ich brauche auch einen persönlichen Bezug. Aber ich finde es auch schön, dass eine gute Tradition mich mit Menschen verbindet, die vor mir gelebt haben. Für die sie auch schon wichtig war. Und so ist es für mich mit Fronleichnam. 

Fronleichnam ist übrigens für katholische Verhältnisse sogar eine relativ junge Tradition. Rund 800 Jahre ist das Fest alt. Aus dieser Zeit ist die Vision der Augustinernonne Juliane von Lüttich überliefert: Im Traum hat sie den hellen Mond gesehen, in dem ein dunkler Fleck zu sehen war. Für sie war das ein Zeichen: Der Mond steht für das Kirchenjahr, der dunkle Fleck für ein fehlendes Fest darin. Nach ihrer Vorstellung hat der Kirche ein Fest gefehlt. Und zwar ein Fest, das das Geheimnis dieses geweihten Brotes feiert. Also das Geheimnis der Gegenwart Christi in diesem Brot. 

Ihr Bischof hat das wohl auch so gesehen: Er hat dieses Fest im Jahr 1246 für sein Bistum eingeführt. Mit durchschlagendem Erfolg. Schon kurz danach ging die erste Fronleichnamsprozession durch die Stadt Köln. Und wenige Jahre später haben die Päpste für die ganze Kirche festgelegt: Fronleichnam wird am zweiten Donnerstag nach Pfingsten gefeiert. 

Und dabei ist es geblieben. Seit vielen Jahrhunderten ziehen Christinnen und Christen an diesem Tag in einer Prozession durch ihre Städte und Dörfer. Ich frage mich: Warum hat sich diese Tradition erhalten? Und über so einen langen Zeitraum? Vielleicht hat die Menschen ja vor allem das Folkloristische fasziniert? Denn die äußere Pracht ist ja durchaus sehr beeindruckend: geschmückte Altäre, die goldene Monstranz, Kerzen, Weihrauch. Aber diese Pracht empfinde ich nur als eine Hülle. Denn: Fronleichnam hat auch eine große innere Kraft. 

Die formuliere ich für mich so: Ich habe eine Sehnsucht danach, Gottes Nähe in meinem Leben zu spüren. Mal ist diese Nähe ganz stark, manchmal ist sie nur eine Ahnung. Manchmal ist sie auch ganz fern. Und Fronleichnam sagt mir: Gott ist wirklich nah. Er ist mit mir unterwegs in den ganz normalen Straßen meines Lebens. Und wenn ich das annehme und mitmache, wenn ich meinen Glauben in den Straßen öffentlich bekenne: Dann kann ich diese Nähe tatsächlich auch spüren. Vielleicht ist es das, was die Tradition von Fronleichnam über Jahrhunderte lebendig gehalten hat. Es gab eben immer Menschen, die diese Sehnsucht nach Gottes Nähe haben. Und das macht mir diese Tradition wichtig.

Fronleichnam: Was soll das denn?

Aber wie das eben so ist mit Traditionen. Und überhaupt mit Glaubenssachen, mit all den Antworten rund um die Frage: Woran glaubst du? Viele Menschen können mit dem, was mir zum Beispiel an Fronleichnam wichtig ist, wenig anfangen. Manche lehnen es vielleicht sogar komplett ab. Und möglicherweise wird es auch in Erfurt beim Katholikentag so sein. Da werden sicher Menschen am Domplatz stehen und fragen: Was machen die denn da? Warum zeigen die so eine Backoblate in einer goldenen Schachtel? Warum singen und beten die in aller Öffentlichkeit? Vielleicht empfinden es manche auch als Provokation und sagen: Könnt ihr nicht in euren Kirchen beten? Belästigt uns bitte nicht damit. 

Ich habe den Eindruck: Es gibt wenige Dinge, über die in Deutschland mit so viel Vehemenz diskutiert wird, wie über Glauben und Religion. Vor allem öffentlich demonstrierter Glaube. Zum Beispiel das Kreuz auf dem Berliner Stadtschloss – was wurde darüber gestritten! Oder über den Gottesbezug in der hessischen Verfassung. Oder den Kreuzerlass in Bayern. Oder auch über das Kopftuch bei muslimischen Frauen. Immer wieder sind solche öffentlichen Glaubensdinge Thema von Diskussionen und Debatten. Gleichzeitig ist der Glaube in Deutschland auf dem Rückzug. Im November wurde dazu eine Umfrage veröffentlicht. Da heißt es ziemlich schonungslos: Immer weniger Menschen in Deutschland sind noch religiös. Dazu kommt: Auch das Vertrauen in die Kirchen ist nur noch gering. Ganz zu schweigen von den hunderttausenden Menschen, die jedes Jahr austreten.

Ziemlich düstere Aussichten also für den christlichen Glauben. Das ist auch für mich als Kirchenmensch nicht wirklich einfach. Und auch manchmal ziemlich frustrierend. Aber es gibt auch immer mal große und kleine Lichtblicke. Wenn 80.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bei der katholischen 72-Stunden-Aktion mitmachen und sich drei Tage lang für ein Sozialprojekt engagieren. Wenn meine Tochter auf eine große Messdiener-Wallfahrt mitfahren will. Oder wenn mein Sohn sagt: „Natürlich gehe ich zur Firmung, Papa.“ Das gibt mir dann wieder ein bisschen Zuversicht, dass es mit dem christlichen Glauben und seinen Traditionen doch noch nicht ganz vorbei ist.

Glauben und Zweifel: Ein Blick in die Bibel hilft

Von dem niederländischen Jesuiten und Dichter Huub Oosterhuis gibt es ein bekanntes Kirchenlied. Seine ersten Zeilen heißen: „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr, fremd wie dein Name sind mir deine Wege.“ Gott ist einem fremd, der Glaube nicht mehr selbstverständlich: Das kenne auch ich. Ich kenne Zeiten, da spüre ich so gar nichts von Gottes Nähe in meinem Leben. In denen mein Glaube in Frage gestellt wird. Ich denke da jetzt an eine alte Schulfreundin meiner Frau. Sie erkrankte schwer an Krebs, kürzlich ist sie gestorben, sie hinterlässt ihren Mann, zwei Kinder, acht und zehn Jahre alt. Es sind diese Momente, in denen ich Gott frage: Gott, wo bist Du?

Mir hilft dann oft ein Blick in die Bibel. Denn das Buch der Bücher ist keine Ansammlung von Geschichten über Menschen, die ein einwandfreies Glaubensleben hingelegt haben. Deren Glaube unerschütterlich, ja fatalistisch war. Auch sie haben Gott angeklagt, sie haben Dinge nicht verstanden, sie haben Leere gespürt. Und das haben sie formuliert. In Psalm 22 ruft einer ganz verzweifelt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage? Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du gibst keine Antwort; ich rufe bei Nacht und finde doch keine Ruhe“. Jesus selbst hat diesen Psalm gebetet, am Kreuz, in der Stunde seines Todes.

Aber: Ich finde in der Bibel auch tröstliche Texte. Texte, die mir sagen: Dir geht es vielleicht schlecht. Du weißt gerade nicht weiter. Aber du kannst sicher sein: Gott steht dir bei, auch wenn du es gerade vielleicht nicht spürst. Und da ist es wieder ein Psalm, der diesen Trost für mich wie kein anderer Text ausdrückt. Es ist der Psalm 23, der Psalm vom guten Hirten. Er lautet: „Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Meine Lebenskraft bringt er zurück. (…) Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab, sie trösten mich.“ (2:00)

Fronleichnam: Menschen brauchen Feste

Es gibt da einen bekannten Spruch: Gott braucht keine Kirchen, aber die Menschen brauchen sie. Vielleicht muss man diesen Spruch erweitern. Gott braucht keine Kirchen, er braucht auch kein Weihnachten, kein Ostern, kein Pfingsten und kein Fronleichnam. Aber ich als Christ brauche diese Feste. Ich brauche ihre Traditionen, ihre Glaubensbotschaften. Ich kann Weihnachten und Ostern nicht nur als Familienfest mit leckerem Essen, Christi Himmelfahrt nicht nur als Vatertag, Fronleichnam nicht nur als folkloristisches Spektakel feiern. Ich möchte an diesem Tagen meinen Glauben feiern. Und damit auch meinen Glauben stärken und die Nähe Gottes wieder mehr spüren.

Diese ganz konkreten Feste: Sie helfen mir, Gott greifbarer und begreifbarer zu machen. Natürlich ist es im Letzten unmöglich, den unsichtbaren Gott sichtbar zu machen. Auch in diesem Brot an Fronleichnam. Aber Zeichen seiner Nähe: Das kann diese Hostie, das können diese Feste sein. Und ich weiß: Ich brauche als Mensch ganz einfach solche ganz konkreten Dinge und Zeichen. Sie bringen mir Gott näher. Ohne sie geht es nicht. 

Und ein Letztes: Ich feiere meinen Glauben auch gerne in Gemeinschaft. Sehr gerne sogar. Ich mag Gottesdienste, zu denen viele Menschen kommen – wie jetzt auf dem Katholikentag in Erfurt. Und ich bete das Gebet zum Katholikentag – ein Text voller Zuversicht. Seine ersten Zeilen lauten: „Gott, du bist der einzige Gott. Du bist unser Gott: gestern, heute, morgen und für immer. Friedliche Menschen bewirken gute Dinge in unserem Land. Gott, deine Kraft macht das möglich. Gott, du zeigst uns: Wir dürfen mit Hoffnung in die Zukunft schauen.“