500 Jahre Reformation – eine Nachbetrachtung.

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Thesenanschlag
Datum:
Mo. 3. Mai 2021
Von:
Walter Montigny

Sehen wir Martin Luther mal aus heutige Sicht. Ob und was er wann gesagt hat entstauben wir und wenden uns seinen 95 Thesen und dem überlieferten Status Quo der Zeit um 1521 zu.

Seit dem 11. Jahrhundert konnten Sünder einen Nachlass der in der Beichte auferlegten Bußleistun­gen und der zeitlichen Strafen, die im Fegefeuer abzusitzen sind, gegen fromme Werke erlangen. Zu­nächst sind Bedingungen wie die Teilnahme an einem Kreuzzug oder an einer Romfahrt zu erfüllen, dann dür­fen Sündenstrafen durch Geld abgelöst werden.

So wird der Ablass zu einer von Händlern vertriebenen Ware, die Philosophie und Theologie des Mit­telalters hat dagegen nichts einzuwenden. Ab 1476 ist es möglich, den Ablass auch für Verstorbene zu erwerben. Der Kommerzialisierung sind Tür und Tor geöffnet. Kirchenführer reiten dank üppiger Ein­nahmen allerlei Steckenpferde, betreiben Ämterkauf und Luxus-Hofhaltung oder realisieren große Bauvorhaben.

Luther hat mit den Worten der Bibel und seiner Vernunft erkannt und argumentiert, dass der Ablass­handel gegen Geld nicht dem Willen Gottes entsprechen kann.  Alleine die Gnade und Liebe Gottes und die Buße der Sünder hin zur Änderung Ihres Lebens, zu Rücksichtnahme und Nächstenliebe konn­ten in seinen Augen eine Vergebung der Sünden ermöglichen. Und diese Vergebung schenkt Gott und nicht der Geistliche oder Straßenverkäufer. Ich beschränke mich hier auf den Ablass und lasse viele Gedan­ken Luthers, mit denen ich übereinstimme und nicht übereinstimme, außer Acht.

Aus heutiger Sicht kann ich im Grunde den Aussagen Luthers zum Ablasshandel nur zustimmen. 1521 waren egoistische und narzisstische Erwägungen jedoch Grundlage, Luther zu exkommunizieren und mit Bann zu belegen, mit den uns bekannten Fol­gen der Spaltung der Kirche. Der damalige Papst Leo X. war wie schon seine Vorgänger samt der Kurie zu tief in die italienische und europäische Politik verstrickt, um sich mit den schon länger laut gewordenen Rufen nach einer Reform an Haupt und Glie­dern der Kirche ernsthaft auseinanderzusetzen. Dies liegt zuletzt auch an der Selbsteinschätzung Roms als unanfechtbares Oberhaupt der Kirche. Und natürlich an den sprudelnden Einnahmen aus dem Ab­lass.

Jeder Mensch ist das Kind seiner Zeit und sollte sich mit den Fragen seiner Zeit beschäftigen und Ant­worten finden.

Wenn heute bei uns in der Öffentlichkeit über die Katholische Kirche berichtet oder gesprochen wird, sind das meistens Themen wie Sexualisierter Missbrauch, Machtmissbrauch, Verlust der Glaubwürdig­keit, An­maßung. Die finanzielle Ausstattung der kath. Kirche spielt ehr noch eine Nebenrolle. Zudem sehen Christen und Nichtchristen Äußerungen und Maßregelungen aus dem Vatikan als Nachweis von Verkrustung und Selbstüberschätzung an. Ab und zu auch mal was über den Synoda­len Weg, Kirche von Unten, Teilhabe, Ökumene, und, leider immer seltener das Wort „… ich bin katholisch und ich bleibe es. Nur so kann ich etwas bewirken.“

Für mich liegen die Jahre 1521 und 2021 zwar auch 500 Jahre auseinander. Aber liegen sie, was die Widersprüchlichkeiten angeht, wirklich so weit auseinander? Es entscheide jeder selbst, wer vor 500 Jahren versagt hat.

Ja, im Rückblick ist es immer einfach, sich mit vielen Informationen in Ruhe über etwas Ge­danken zu machen und sich eine Meinung zu bilden. Seit 1521 haben Entwick­lungen, Umbrüche, Revolutionen, Informationsvielfalt in allen Bereichen der Gesellschaft und Wissenschaften zu Veränderungen ge­führt. Nur scheint es, dass dieser Wind manche Ecken und Winkel nicht erreicht hat. Gott ist nicht exklusiv zu vereinnahmen, von keiner Kirche. Aber er wirkt in uns und der Kirche. Fehler zu wiederho­len aus dem Anspruch der Unfehlbarkeit lassen einen nicht nur dumm dastehen; das wäre zu ver­schmerzen. Sie haben Folgen.