Kommentar zum Gutachen der Mißbrauchsvorwürfe im Erzbistum Köln

Es bleibt ein schaler Nachgeschmack - ein Gschmäckle, wie der Schwabe sagt

Gercke (c) c
Gercke
Datum:
So. 21. März 2021
Von:
Walter Montigny

18.März 2021. Der Strafrechtler Björn Gercke hat nun das brisante Gutachten zum Umgang des Erz­bistums Köln mit sexuellem Missbrauch vorgestellt. Es seien 24 Pflichtverletzungen in Zusammen­hang mit Missbrauch festgestellt worden. Dabei gehe es größtenteils um die Aufklärungs- und Mel­depflicht, aber auch um die Sanktionierungspflicht, die Verhinderungspflicht und um die Opferfür­sorge. 

So ein Teil der nackten Tatsachen. 

Ob das Gutachten tatsächlich allumfassend aufklärt, lasse ich mal dahingestellt.

Auch Namen werden genannt. Und ich denke, vielen Katholiken sind diese nicht unbekannt. Kardinal Woelki hat wohl bereits Konsequenzen gezogen und zwei Betroffene suspendiert. Neben dem verstor­benen Kardinal Meisner wird auch dem jetzigen Bischof in Hamburg, Stefan Heße, dem damaligen Personalverantwortlichen, Fehlverhalten vorgeworfen.

Rufen wir uns in Erinnerung. Fehlverhalten bedeutet in dieser Causa mit verantwortlich zu sein, dass aus Tätern Serientäter wurden.

Es stellt sich mir die Frage, ob das Gutachten dazu in der Lage ist, dem Leid der von sexuali­sierter Gewalt durch Geistliche Betroffenen gerecht zu werden. Insbesondere unter Berücksichtigung der Vorgeschichte und dem Ablauf der Aufarbeitung und der Haltung des Kardinals in Köln. Sicher mag das bisher der Öffentlichkeit vorenthaltene Gutachten vom letzten Jahr, sollte es denn zugäng­lich werden, weiteres Licht in das Dunkel in Köln bringen. Den Eindruck der verletzten Menschen, in diesem gesamten Dilemma oft nicht als Opfer, sondern mehr oder weniger als Statisten und schlimmstenfalls als Alibi angesehen zu werden, kann es si­cher aktuell nicht auflösen. Die geschunde­nen Seelen kämpfen seit Jahrzehnten gegen erlittene De­mütigung, Scham, Selbstzweifel und die sich daraus entwickelten psy­chischen Störungen.

Da erinnere ich mich an die Spätschicht am Mittwoch. Ausgehend vom aktuellen Hungertuch wurde das Wortspiel - *widerstehen* - *wieder stehen* thematisiert. 
Ja, es ist ganz einfach. Um *wieder stehen* zu können, müssen wir *widerstehen*, wenn es nötig ist. Von Seiten der Kirche muss alles Erdenkliche getan werden, um das begangene Unrecht zu lindern.

Es müssen strukturelle Veränderungen gefunden werden, die solches oder ähnliches Versagen unmög­lich machen. Daran wird gearbeitet und vieles ist bereits angestoßen oder umgesetzt.

Jede noch so ge­ringe Tendenz der Relativierung, sei es verbal oder durch halbherziges Handeln verursacht jedoch nur weitere Ver­letzungen. Den Opfern wünsche ich die Kraft, sich das Wortspiel auch zu eigen zu machen und eine sicher über Jahre andauernde Auseinan­dersetzung nicht zu scheuen. Und genau dies könnte den Opfern erspart bleiben, also weiteres Leid vermieden werden, wenn die Kirche sich Ihrer Werte erinnern und danach handeln würde. Was bleiben wird ist der entstandene Schaden an der Kirche selbst.