Predigt: 1. Adventssonntag 2025

Datum:
Fr. 9. Jan. 2026
Von:
Dirk Schneider/Eva Weinitschke

(Lesung: Röm 13,11-14a/ Evangelium: Mt 24, 37-44)

Dirk Schneider: Die Adventszeit ist in der Kirche der Anfang eines neuen Kirchenjahres. Die Adventszeit ist aber eigentlich mehr der Anfang von etwas, das mit der Geburt Jesu beginnt. Jesus hat dazu im Evangelium eben von „der Ankunft des Menschensohnes“ gesprochen.
Im Evangelien-Text gerade wurde ein Vergleich zwischen der Ankunft des Menschensohnes und den Tagen Noahs vor der Sintflut gezogen. Vor der Sintflut waren die Menschen beschäftigt mit den Alltäglichkeiten (mit essen, trinken, heiraten … haben wir da gehört), und Sie hatten keine Ahnung von dem, was in Kürze passieren wird. Es geht bei diesem Vergleich also um das unerwartete Eintreffen eines Ereignisses. Und Jesus hat uns eben im Evangelium mitgegeben: „Seid wachsam!“
Die Adventszeit lädt besonders dazu ein: wachsam zu sein. Genau hinzuhören und hinzuschauen.
Um aber genau aufzupassen, darf man nicht zu sehr abgelenkt sein. Man muss irgendwie zur Ruhe kommen. Die Adventszeit soll genau so eine Zeit der Ruhe, der Besinnung, der freudigen Erwartung auf Weihnachten sein.

Das hört sich ja prima an. Aber überlegen wir doch mal, wie es wirklich ist. Wie erleben sie so typischerweise die Adventszeit?
Für mich sind Lebkuchen und Spekulatius unverwechselbar mit der Advent- und Weihnachtszeit verbunden. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber wenn es kälter wird, fange ich an, mich über die typischen Winter-Dinge, wie Glühwein und eben Lebkuchen, oder auch ein Feuer im Kamin zu freuen.

Schade nur, dass man - zumindest in Deutschland - bereits, wenn der Advent anfängt, schon fast keine Lust mehr auf die Weihnachtszeit hat.

Seit Ende der Sommerferien, so etwa ab Anfang September kann man schon allerlei Weihnachtsschnickschnack und auch Schokoladennikoläuse, Spekulatius und Lebkuchen kaufen.
Statt Advent, statt Ankunft, statt Besinnung und Vorbereitung auf das Weihnachtsfest, auf die Geburt Jesu, stehen jetzt die Werbespots mit Weihnachtsmännern im Vordergrund.

Aber um uns auf Weihnachten vorzubereiten brauchen wir sicher diesen ganzen Weihnachtsschnickschnack nicht. Geht es nicht viel mehr darum, die richtigen Prioritäten zu setzen? Und einfach in unserem Leben Raum zu lassen für der Ankunft Jesu?

Aber wie viel Raum lassen wir wirklich in der Adventszeit zur Vorbereitung auf Weihnachten? Heute brauchen wir diese Zeit vor Weihnachten, um Geschenke zu besorgen, Essen einzukaufen, Kekse zu backen, vielleicht auch Weihnachtspost zu schreiben …. Die Liste ließe sich wahrscheinlich endlos verlängern. Der Beginn des Advents und die Aufmachung in den Geschäften erinnern uns daran, was wir noch alles zu tun und vorzubereiten haben. Die eigentliche Idee der Adventszeit rückt dabei nur allzu leicht in den Hintergrund. Und, wie sah Ihre Adventszeit in den letzten Jahren so aus? War das eine Zeit der Ruhe, der Besinnung, der freudigen Erwartung auf Weihnachten? Wie wird es in diesem Jahr?

Es ist schon komisch: wie immer, so kommt die Adventszeit auch in diesem Jahr irgendwie wieder viel zu schnell und irgendwie unerwartet. Wie, am 25. Dezember ist Weihnachten in diesem Jahr?

Die Erwachsenen sind meist stark mit beruflichen Verpflichtungen beschäftigt, vieles muss noch irgendwie zu einem Ende gebracht werden. Und die Kinder haben viel zu lernen und schreiben zum Jahresende noch mal eben fix eine Arbeit in jedem Fach.
Trotz der Vorfreude auf Weihnachten, kann so doch oft nur schwer eine entsprechende Weihnachts-Stimmung aufkommen. Die Wohnung weihnachtlich zu schmücken und einen Christbaum zu besorgen ist für viele oft mehr Stress als Vorfreude.

Aber wie empfängt man diesen Jesus richtig? Wie bereitet man sich auf Weihnachten vor?
Indem wir schon im August oder September Lebkuchen kaufen und Weihnachtslieder hören? Wohl eher nicht! Ich denke, es geht darum die richtigen Prioritäten zu setzen! Einfach mal in unserem Leben Raum zu lassen? Oder?

Eva Weinitschke: Die Adventszeit ist eine Zeit der Vorbereitung auf Weihnachten – auf das Fest, an dem wir die Geburt Jesu Christi feiern. Aber wie bereitet man sich eigentlich richtig auf Weihnachten vor? „Advent“ stammt vom lateinischen adventus und bedeutet „Ankunft“ (oder „Herankommen“). Und vielleicht ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass „Advent“ auch dieselbe lateinische Wurzel hat wie das englische adventure – also „Abenteuer“. Ich finde das sehr passend: Wer sich wirklich auf das Geheimnis der Menschwerdung Gottes einlässt, begibt sich tatsächlich auf ein Abenteuer: auf das Abenteuer seines Lebens.
Denn Advent ist weit mehr als das Einstimmen auf ein schönes Fest. Mehr als Plätzchen, Einkaufen, Weihnachtspost und all der vorweihnachtliche Stress, von dem wir gerade gehört haben. Advent ist vielmehr eine Zeit, die uns einlädt, unser Leben neu zu betrachten. Denn wenn wir die biblischen Erzählungen ernst nehmen, dann stellt Weihnachten unser Leben geradezu auf den Kopf. Es ist ein radikales Fest, das die Menschheitsgeschichte verändert hat und uns Menschen bis heute verändern will: Gott liebt die Welt so sehr, dass er Mensch wird. Er wartet nicht, bis wir den Weg zu ihm finden; er kommt uns entgegen. Er teilt Armut, Flucht, Obdachlosigkeit, Asyl, Leid und Tod – all das, was menschliches Leben schwer macht. In Jesus durchlebt er diese Härten des Lebens selbst und kommt so mitten hinein in unsere Realität. Und er stillt die Sehnsucht, dass jemand kommt, der Frieden bringt, der bei uns bleibt in Höhen und Tiefen, der uns liebt, statt zu verurteilen. Diese Ursehnsucht tragen wir alle in uns.

Wie also bereitet man sich richtig auf Weihnachten vor?
Der Advent schenkt uns eine Zeit, dieser oft vergessenen Sehnsucht nachzugehen. Dafür brauchen wir Zeichen: die Verheißungen der biblischen Texte, die Gottesdienste, das zunehmende Licht der Kerzen am Adventskranz, die adventlichen Lieder, die von Hoffnung und Sehnsucht künden, Gespräche, Gemeinschaft, Zeiten der Stille. All das kann uns erinnern an Gottes Verheißung von einer Welt voller Frieden und Liebe. Nehmen wir den Advent als eine Zeit des „adventures“, des Abenteuers, dann fordert er uns auf, nicht abzuwarten, bis „Ankunft“ geschieht – sondern aufzubrechen. Zu einem Abenteuer macht man sich auf den Weg, man lässt sich hineinziehen in das, was kommen will. Abenteuer Advent – das heißt: warten und lauschen, suchen und aufbrechen, träumen und hoffen, sich ausstrecken nach dem, was noch nicht ist, aber sein könnte. Es heißt, Sehnsucht zuzulassen: nach Leben, nach Lebendigkeit, nach Gott. Es heißt, wach zu sein – so, wie Jesus es im heutigen Evangelium einfordert: bereit, aufmerksam, nicht schlafend in den Routinen des Alltags. Er verwendet dafür eindringliche Bilder aus einer anderen Zeit und Kultur, die uns vielleicht fremd erscheinen, aber alle dasselbe sagen: Rechnet damit, dass Gott kommt – unerwartet, überraschend, mitten in euer Leben hinein. Wachsamkeit heißt nicht, unruhig Zeichen zu suchen, sondern offen zu bleiben für Gottes Kommen, das sich in Jesus bereits gezeigt hat und sich immer wieder neu zeigen will.
Auch die Stille kann ein Teil dieses Abenteuers sein. Zunächst wirkt sie unspektakulär, fast passiv – und doch entdecken wir in ihr Dinge, die im Trubel des Alltags oft unbemerkt bleiben. Sie ist wie ein See nach einem Sturm: Wenn sich das Wasser beruhigt, werden die Tiefen sichtbar. So legt sich in der Stille auch unser innerer Aufruhr – Gedanken, Sorgen, Stress – und wir können wieder auf den Grund unseres Lebens schauen. Dort liegt die Sehnsucht, die Gott in uns gelegt hat und die uns aufbrechen lässt.

Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg. Und manchmal denke ich: Wir müssten Weihnachten nicht nur vorbereiten, sondern auch nachbereiten – dann, wenn die Ruhe einkehrt und der Alltag wieder Raum dafür gibt. Die alte Tradition, die Weihnachtszeit bis Maria Lichtmess auszudehnen, erinnert daran, dass das Geburtsfest Jesu einen langen Nachklang hat.
Denn eigentlich ist der Advent mehr als ein Zeitraum von ein paar Wochen. Advent ist eine Einübung ins Leben. Die Lieder des Advents singen von Hoffnung und Sehnsucht – nach Frieden, nach Heil und nach Gottes Nähe. Und diese Sehnsucht verlässt uns ja nicht am 24. Dezember. Adventlich leben: das heißt eigentlich, 365 Tage im Jahr aus dieser Hoffnung heraus zu leben.
Denn letztlich ist das ganze Leben ein Weg auf Weihnachten hin: auf Christus, der Mensch geworden ist und in jedem von uns neu geboren werden will – Tag für Tag.
An uns liegt es, ob wir – wie es das Evangelium sagt – wach bleiben und uns mitnehmen lassen. Jedes Abenteuer verlangt einen wachen Geist. Und dieses erst recht. Denn wenn wir wach bleiben, verlieren wir nicht aus dem Blick, was Gott uns schenkt: ein Leben, das getragen ist von seiner Liebe – und eine Gemeinschaft, in der wir als Schwestern und Brüder miteinander unterwegs sind.
Im heutigen Evangelium heißt es: „Von zwei Männern, die auf dem Feld arbeiten, wird einer mitgenommen und einer zurückgelassen; und von zwei Frauen, die an derselben Mühle mahlen, wird eine mitgenommen und eine zurückgelassen.“
Diese Bilder wollen uns wachrütteln! Lassen wir uns also mitnehmen auf das Abenteuer „Advent“ – und tasten wir uns in den kommenden Wochen neu an das Geheimnis der Menschwerdung Gottes heran.
Amen.