Schmuckband Kreuzgang

Sonntagsgedanken zum 14. Juni

(11. Sonntag im Jahreskreis)

Pfarrer Holger Allmenroeder (c) HolgerAllmenroeder
Pfarrer Holger Allmenroeder
13.06.2020

Liebe Lesende,

die großen Hochfeste des Kirchenjahres sind vorüber. Nun landen wir wieder im Alltag, Sonntage inklusive, doch in den anhaltenden Zeiten von Corona ist wohl (noch) nichts wirklich alltäglich. Aber die Arbeit will gemacht werden. Dazu braucht es Menschen, die sich mit Kreativität, Dynamik, Besonnenheit und Mut der Herausforderungen stellen - in unserer Gesellschaft und in der Kirche.

Im Matthäusevangelium (Mt 9, 36 - 10, 8) hören wir vom Mitleid, das Jesus mit den vielen Menschen hatte, die sich wohl im Stich gelassen fühlten. Im Stich gelassen fühlen sich auch heute unter uns und um uns herum mehr Menschen, als uns lieb sein kann. Mitleid steht dafür, dass es Jesus nicht egal ist, was diesen Menschen an Ungerechtigkeit und auch Gewalt widerfährt. Ein Bedauern allein wäre zynisch. Jesus nimmt die Jüngerschaft in die Verantwortung, um tätig zu werden - und sie bekommen seine Vollmacht, dies in Taten umzusetzen. Zwölf Apostel (Gesandte), um im Geiste Gottes zu handeln, nicht um zu zaubern, doch um Großes für die Menschen und an den Menschen zu bewirken.

In einigen Kirchenliedern wird die Hierarchie, das "Hochgestelltsein" der Apostel betont. Doch darum kann es kaum gehen. Auch Frauen kommen bei Matthäus nicht vor, obwohl die jesuanische Gemeinde ohne Frauen ganz schön arm ausgesehen hätte. Das, was damals und im Laufe der Kirchengeschichte seinen Grund gehabt haben mag - nämlich Hierarchie zu betonen und Frauen nicht wichtig oder ernst zu nehmen - kann und darf heute keine Gültigkeit mehr haben. Wer sich hier auf den Willen Gottes zu beruft, muss sich genau nach seinen Motiven, seinem Christusbild hinterfragen lassen. Ich erkenne in den zwölf Aposteln bevorzugt zwölf sehr unterschiedliche Verantwortungsträger mit unterschiedlichen Charismen, Stärken und Schwächen. Und natürlich denke ich auch das Charisma Maria Magdalenas, die immerhin durch die Kirche als Apostolin anerkannt wird. Und sie steht, obwohl sie nicht in der Apostelliste vorkommt, für viele Frauen mit großen geistlichen, praktischen, apostolischen Qualitäten.

Wer bewirkt etwas für die Menschen und an den Menschen, und womit? Gewiss sind auch Diakone, Priester, Bischöfe, Päpste darunter, bei den evangelischen Christen auch Diakoninnen und Pfarrerinnen. Sie mögen Verantwortungstragende sein. Doch der apostolische Dienst wird von ungezählten Frauen und Männern im Alltag und in der Krise getragen, die mit einer Geisteshaltung des "aus Liebe zu den Menschen Helfen" sich einbringen. Zum Beispiel bei den Tafeln, den Sozialstationen, bei der Seebrücke .... und wirken damit gegen Ausgrenzung, Ungerechtigkeit, Rassismus, Vorurteil, damit all diejenigen, die keine Lobby haben, leben.

Aposteldienst: ein Dienst, der ohne Hierarchie auskommt, aber nicht ohne den Geist der Liebe und der Verantwortung.

Beste Grüße, Holger Allmenroeder