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Sankt Martin: Wie geht teilen?

In kalter Winternacht schneidet ein Soldat seinen Mantel entzwei, damit ein Bettler nicht erfriert – das ist die Geschichte von Sankt Martin. Heute teilen Menschen alles Mögliche, vor allem auch online. Wir wollten wissen: „Wo ist teilen sinnvoll? Und wo vielleicht auch nicht?“ Antworten aus dem Bistum Mainz.
Martinsgänse
Von:
Umfrage: Anja Weiffen / Glaube und Leben
Markus Silhanek

„Echtes Teilen braucht Freiwilligkeit.“

Aus meiner Sicht ist Teilen ein wichtiger Ausdruck unseres christlichen Menschenbildes: Wir teilen Zeit, Aufmerksamkeit, Verantwortung, Freude und auch das, was wir haben. Teilen bedeutet für mich, den anderen wahrzunehmen und sich nicht nur um sich selbst zu drehen. Teilen heißt: Ich sehe dich. Du bist mir wichtig. Wir gehören zusammen. Unser christlicher Glaube ermutigt uns, füreinander da zu sein, einander Zeit zu schenken, Verantwortung zu übernehmen und das, was wir haben und können, miteinander zu teilen.

Im Team ist Teilen sinnvoll, wenn wir Wissen, Erfahrungen, Aufgaben und Verantwortung miteinander teilen und füreinander einstehen. Auch Kinder dürfen erfahren: Teilen macht Gemeinschaft möglich. Gleichzeitig dürfen sie lernen, eigene Grenzen zu setzen und nicht immer alles teilen zu müssen. Ein Kind muss nicht jederzeit sein Spielzeug, seine Gefühle oder seine Zeit teilen. Echtes Teilen braucht Freiwilligkeit und darf nicht erzwungen werden. Auch in unserer Gesellschaft ist Teilen ein wichtiger Beitrag zu Solidarität und Gerechtigkeit. Zugleich ist es wichtig, Unterschiede anzuerkennen. Persönliche Grenzen, Zeit, Kraft und Verantwortung brauchen einen achtsamen Umgang. Für mich gilt deshalb: Teilen ist dort sinnvoll, wo es Gemeinschaft, Solidarität und Nächstenliebe stärkt. Es wird hinderlich, wenn daraus Druck, Überforderung oder die Erwartung entsteht, immer geben zu müssen. Teilen bedeutet für mich deshalb nicht „alles für alle“, sondern miteinander achtsam leben, geben, empfangen und füreinander Verantwortung übernehmen. Vielleicht ist das die entscheidende Frage: Was kann ich teilen, damit es dem anderen und unserer Gemeinschaft guttut – und wo darf ich auch bei mir bleiben?

Markus Silhanek, Leiter KitaSt. Bartholomäus in Groß-Zimmern,Pfarrei Heilig Geist Otzberger Land

 

 

Vera Ronge

„Eine neue Kraft entsteht.“

Wo ist Teilen sinnvoll? Bei uns im Caritas-Beratungszentrum Wetterau dreht sich alles ums Teilen – und zwar das gegenseitige Teilen. Wer zu uns kommt, teilt, was ihn oder sie gerade belastet: Sorgen, Konflikte, Geldnöte oder das Gefühl, allein nicht weiterzukommen. Dieses Teilen macht den Unterschied. Erst jetzt können wir Beraterinnen und Berater teilen, was wir mitbringen: Wissen, Informationen, Ideen, Kontakte und vor allem Zeit, Verständnis und einen geschützten Raum, in dem wir gemeinsam schauen: Was brauchst du gerade? Was ist möglich? Wer kann noch helfen? Im Zusammenspiel des Teilens entsteht etwas Neues, etwas Gemeinsames – und oft auch eine neue Kraft. Grenzen des Teilens – dabei gilt: Teilen soll guttun, nicht überfordern. Nicht alles muss geteilt werden. Klientinnen und Klienten erzählen so viel, wie es sich für sie stimmig anfühlt. Sie dürfen schweigen, zögern und später wiederkommen. Und auch wir Beraterinnen und Berater dürfen Nein sagen, um uns nicht zu übernehmen, damit wir auch morgen wieder mit Herz und Verstand beraten.

Vera Ronge, Standortleitung Caritas-Beratungszentrum Wetterau, Friedberg

Bernhard Deister

„Anteil am Geheimnis Gottes“

Die Kirche im Bistum Mainz will eine Kirche des Teilens sein. Darin folgt sie dem Vorbild ihres Patrons, des heiligen Martins, der im Empfänger des geteilten Mantels Christus selber erkennt. Teilen ist für uns Christen nicht moralischer Anspruch, sondern Vollzug unseres Wesens. Der Gott, an den wir glauben, ist in sich trinitarische Beziehung – ein gegenseitiges sich Schenken von Vater und Sohn im Heiligen Geist. Wenn wir mit anderen teilen – egal ob es Gefühle, Erlebnisse, Gegenstände oder Geld ist – haben wir immer auch Anteil an diesem Geheimnis Gottes. Insofern ist das Teilen etwas, was uns selber im Weiterfließenlassen reicher macht, da es uns tiefer mit uns selbst, unseren Nächsten und Gott verbindet. Eine Grenze findet das Teilen da, wo ich im Weggeben und Schenken meine eigenen Grenzen verletze. Wenn ich gerade wenig Kraft habe und versuche, sie noch mit anderen zu teilen, kann es sein, dass ich in ungute Formen der Erschöpfung und Selbstüberforderung gerate. Genauso ist es mit dem Weiterschenken des sprichwörtlichen letzten Hemdes: Gerate ich durch Großzügigkeit in eigene Not, ist damit im Gesamten niemandem geholfen. Insofern gehört zur Kunst des Teilens immer auch die Verantwortung für mich selbst – materiell, ebenso wie physisch und psychisch. Ein gutes Leitbild hierfür schenkt uns der heilige Bernhard von Clairvaux im Bild der Schale: „Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter. Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch freigiebiger zu sein als Gott.“

Bernhard Deister, Leiter des Instituts für Spiritualität im Bistum Mainz

Dominic Gilbert

„Es spricht viel dafür.“

Letztes Jahr, St.-Martinsgottesdienst in Alzey-Weinheim. Fünf Minuten vor dem Gottesdienst ist die Kirche halb leer. Ich gehe raus und sehe: Eine große Menge an Kindern und Eltern steht vor der Kirche. Sie wollen warten, bis der Gottesdienst vorbei ist. Ich lasse mir von einem Feuerwehrmann ein Megafon geben. „Ich verstehe, wenn sie mit Kirche nicht viel anfangen können. Aber ich verspreche Ihnen, die nächsten 20 Minuten werden in der Kirche besser sein, als draußen zu warten. St. Martin lebt vom Miteinander, bitte kommen Sie rein.“ Zu Beginn des Gottesdienstes ist die Kirche voll. Es hat geklappt. Ich möchte die Menschenmenge nicht teilen, mit drinnen und draußen. Danach müssen wir uns in der Kirche wirklich den Platz teilen. Aber die Atmosphäre wird dadurch viel schöner. Der Feuerwehrmann teilt mit mir seine Ausrüstung. Mit mir? Nein, mit dem heiligen Martin, der hat eingeladen. Wann ist Teilen sinnvoll, wann nicht? Meine Stadionbratwurst, die teile ich nicht gern. Ansonsten gibt’s wohl viel mehr, was dafür spricht!

Dominic Gilbert, Regionalreferent Rheinhessen, Koordinator Alzeyer Hügelland im Bistum Mainz