Weihnachten in St. Kyrillos

Lichterketten blinken. Die große Krippe im Innenhof ist schon aufgebaut. Eine aufblasbare Schneemann-Puppe liegt draußen. Die koptische Gemeinde St. Kyrillos im Mainzer Stadtteil Mombach bereitet sich auf Weihnachten vor. Hier werden demnächst auch viele der jüngsten Gemeindemitglieder erwartet, die sicher die Krippe bestaunen werden. „Um die 150 Kinder haben wir“, schätzt Cherine Azer. Sie ist verantwortlich für die ehrenamtlichen Dienste in St. Kyrillos. Seit 2013 lebt sie in Mainz. „Rund 300 Familien gehören zu unserer Gemeinde und werden hier Weihnachten feiern. Sie kommen aus ganz Rheinland-Pfalz“, erzählt sie.
In diesen Tagen begehen die Kopten den Advent, und der dauert bei ihnen bis zum 6. Januar. Denn sie feiern, wie alle orthodoxen Christen, Weihnachten am 7. Januar. „Advent, das ist nach unserem koptischen Kalender der Monat Kiahk“, sagt Azer. Advent bedeutet für die Kopten vor allem Fasten. „Wir essen dann keine tierischen Produkte, keinen Käse, kein Fleisch.“ Damit bereiten sie sich auf das hohe Fest vor.
Die Kopten stammen aus Ägypten, aus dem Land, in das die Heilige Familie nach der Geburt Jesu floh, so erzählt es die Bibel. Was macht die koptische Kirche aus? „Die koptische Tradition entstammt der Tradition der Pharaonen. Die pharaonische Sprache und Kultur beispielsweise blieben nur im koptischen Christentum erhalten“, sagt Leandro Fontana, Ökumene-Referent des Bistums Mainz. Die koptische Tradition breitete sich in der Antike nicht nur in Ägypten, sondern auch in Äthiopien und dem heutigen Eritrea aus. „Sie ist eine der ältesten christlichen Kirchen“, erläutert der Theologe. „Genauso wie sich im Frühchristentum in Ägypten, Israel, Syrien und Kleinasien unterschiedliche Kirchenmodelle entwickelten, so gab es auch verschiedene theologische Schulen, insbesondere im ägyptischen Alexandria und im syrischen Antiochia.“ Die orientalischen Kirchen wie etwa die Kopten haben ein anderes Verständnis vom Wesen Christi als etwa die Katholiken. „Wir glauben an die zwei Naturen Jesu Christi, die göttliche und die menschliche“, erklärt der Ökumene-Referent. „Für die orientalischen Christen fallen die Gottheit und die Menschheit Christi in eine einzige Natur zusammen, allerdings ohne Vermischung oder Veränderung.“
Die Heilige Familie floh nach Ägypten
Weihnachten ist für die Kopten so wichtig, weil die Heilige Familie, bedroht von Herodes, nach Ägypten floh. Damit hielt sich Christus in ihrem Heimatland auf – so das Selbstverständnis der Kopten. An vielen Orten in Ägypten stehen Kirchen, wo die Heilige Familie der Überlieferung nach weilte. Weihnachten, das Fest, an dem die Heilige Familie im Mittelpunkt steht, wird daher auch in St. Kyrillos in Mombach groß begangen. „Am Abend des 6. Januar feiern wir Gottesdienst, er dauert fünf Stunden, von sieben Uhr abends bis Mitternacht“, erzählt Cherine Azer begeistert. „Wir singen viele, viele Lieder, und am Ende gibt es die Kommunion.“
Die Lieder stammen von den Pharaonen, erzählt die Koptin. „Wir singen pharaonische Melodien mit christlichen Texten“, sagt sie und holt Musikinstrumente, mit denen die Lieder im Gottesdienst begleitet werden. „Eine Orgel gibt es bei uns nicht. Aber wir spielen Zimbeln und Triangeln zum Gesang.“ Sie gibt eine kleine Kostprobe der Lieder, die sich sehr orientalisch anhören, und schlägt dabei die Triangel. „Das klingt sehr schön im Gottesdienst“, findet sie. Wovon handeln die Lieder? „Es geht um Maria. Sie ist die Wichtigste und natürlich Jesus Christus.“
In der Weihnachtsnacht schaut die Gemeinde nach dem Gottesdienst den Video-Weihnachtsgruß von Papst Tawadros aus Kairo, erzählen Cherine Azer und Vater Johannes St. Antonius. Er ist der Priester der Gemeinde und trägt die bei den koptischen Priestern übliche Soutane. „Schließlich essen wir alle gemeinsam. Wir haben ja lange gefastet.“ Im Gebäude-Ensemble von St. Kyrillos gibt es eine Mensa. Hier und in den Gängen werden die vielen Gäste von der Gemeinde bewirtet. „Geschenke gibt es auch, vor allem für die Kindern“, sagt die Koptin.
Nicht nur die Rituale und die Liturgie, die ganze Einrichtung der Kirche sei so gestaltet wie in ihrer Heimat, betonen Azer und Vater Johannes stolz. „Alles wie in Ägypten.“ Viele Gemeinsamkeiten haben ihre Bräuche mit denen in Deutschland: Es gibt Krippen, Sterne, auch Tannenbäume schmücken die koptischen Kirchen hier und in Ägypten. „Das Einzige, was wir in unserer Heimat nicht haben“, sagt Vater Johannes lächelnd und zeigt nach draußen auf den Hof, „ist so ein aufblasbarer Schneemann. Denn Schnee gibt es in Ägypten an Weihnachten nicht.“
Cherine Azer (rechts) über die Heiligenbilder an der Ikonostase: „Himmel und Erde gehören zusammen. Wir hier auf der Erde feiern mit den Heiligen im Himmel gemeinsam Gottesdienst.“
Vater Johannes St. Antonius und Cherine Azer (rechts) mit Gemeindemitgliedern
an der Krippe im Hof.