Judas Thaddäus als Zeitzeugnis: Eine Dialogpredigt über Mut, Erinnerung und Verantwortung

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In Nieder-Olm hat am vergangenen Sonntag, dem 11. Oktober 2026, der Pfarrgemeinderat die Eucharistiefeier mitgestaltet, die ein Zeichen für Demokratie, Freiheit und Vielfalt gesetzt hat. Pfarrer Simon Krost und Pfarrgemeinderatsvorsitzende Eva Weinitschke brachten die Geschichte einer wiederentdeckten Heiligenstatue mit der Frage nach unserer Verantwortung für die Gesellschaft heute in Verbindung. In einer Dialogpredigt erhielt Judas Thaddäus, der Patron der aussichtslos erscheinenden Situationen, eine Stimme.

Die Statue stammt ursprünglich aus der Wallfahrtskirche Mariä Opferung in Sörgenloch und wurde erst kürzlich auf einem Dachboden in Zornheim wiedergefunden. Ihre Geschichte führt zurück ins Jahr 1933: Der Sörgenlocher Lehrer Rudolf Seibert, Vater des langjährigen Nieder-Olmer Organisten und Kirchenchorleiters Rainer Seibert, wurde von SA-Männern so schwer misshandelt, dass er Monate später an den Folgen starb. Weil der damalige Pfarrer bei der Beerdigung offen über Seiberts Glauben und seinen Leidensweg sprach, wurde auch er denunziert und bedroht. In dieser ungewissen Situation legte Pfarrer Knußmann ein Gelübde ab: Sollte er unbeschadet aus der Angelegenheit herauskommen, wollte er seiner Kirche eine Statue des heiligen Judas Thaddäus stiften.

Von dieser lokalen Geschichte schlug die Predigt eine Brücke zur Gegenwart. Sie setzte die nationalsozialistische Diktatur nicht mit heutigen Verhältnissen gleich, erinnerte aber daran, wie wichtig es ist, Entwicklungen früh wahrzunehmen, wenn unveräußerliche Menschen- und Freiheitsrechte eingeschränkt und Menschen ausgegrenzt oder verfolgt werden. Demokratie, Rechtstaatlichkeit, Freiheit und Menschenwürde sind keine Selbstverständlichkeiten.

Im zweiten Teil rückte das Evangelium vom Hochzeitsmahl (Mt 22,1–14) in den Mittelpunkt: Alle sind eingeladen. Das Bild des Hochzeitsgewandes führte jedoch zu der Frage, welche Haltung wir selbst in eine solche Gemeinschaft einbringen. Nächstenliebe, Friedensbereitschaft, gegenseitiger Respekt, Achtsamkeit und Versöhnlichkeit machen das gemeinsame Fest des Lebens möglich.

Die Predigt warb dafür, jeder Form von politischem Extremismus, Menschenfeindlichkeit und Antisemitismus entgegenzutreten, egal von welcher Seite, und eine Gesellschaft mitzugestalten, in der die Würde jedes Menschen geachtet wird. Auch die Kirche ist gefragt, ihre Stimme für Demokratie, Freiheit und Vielfalt zu erheben – damit unsere Welt, unser Land und unsere Dörfer und Städte Orte bleiben, an denen alle Menschen die Chance haben, das Leben gemeinsam als Fest zu feiern.

Für den Pfarrgemeinderat: Pfarrer Simon Krost und Eva Weinitschke