Die Muschel

Jakobsmuschel_Impuls_24Mai2020 (c) Eva Weinitschke
Jakobsmuschel_Impuls_24Mai2020
So 24. Mai 2020
Eva Weinitschke

In den vergangenen Wochen sind mir oft Dinge in die Hand gefallen, die in meinem Zimmer schon lange herumliegen und die ich deshalb gar nicht mehr richtig wahrgenommen habe. Zum Beispiel die Jakobsmuschel, die ich letzten September aus Spanien mitgebracht habe, als ich meinen Vater auf den letzten Kilometern des Jakobswegs nach Santiago de Compostela begleitet habe. Als ich sie in meiner Hand hielt, habe ich mich daran erinnert, was mir unterwegs ein Pilger über das Symbol der Muschel erzählt hat:

Wenn ein winziges Sandkorn oder ein Parasit in das Innere einer Muschel gelangen, beginnt diese, den Eindringling mit glänzendem Perlmutt zu umhüllen. Schicht um Schicht. Mit der Zeit bildet sich so aus der inneren Verletzung eine Perle.

Die Perle in der Muschel gilt deshalb als ein Symbol der Hoffnung. Denn sie kann einen anderen Blickwinkel auf all das Schwere im Leben schenken. Auf den "Sand in meinem Lebensgetriebe" - auf all das, was mich verletzt, was mich ärgert oder traurig macht und worunter ich leide.

Der Blick auf die Muschel erinnert mich daran, wie oft ich schon trotz dem, ja, mit dem, was mich im Inneren unheil gemacht hat, auch Schönes erfahren habe, das mir wie eine kostbare Perle zu einem bleibenden Schatz geworden ist:

Die Erfahrung, dass andere Menschen da sind, wenn ich sie am meisten brauche. Die Erfahrung einer eigenen inneren Stärke, die ich in schwierigen Zeiten in mir entdecken darf. Die Erfahrung, dass Gott mich in meinem Leben begleitet und trägt.

Ich empfinde die letzten Wochen als einschneidend und immer wieder auch schwierig und traurig.

Aber nachdem ich die Muschel wiederentdeckt hatte, habe ich begonnen, eine Perlenkette zu fädeln. Jede Perle steht für etwas Schönes, das ich in dieser Zeit erlebe. Ich bin erstaunt, wie lang die Kette schon ist.