„Hans-Guck-in-die Luft"

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Do 21. Mai 2020
Pfr. Hubert Hilsbos

„Wenn der Hans zur Schule ging,

stets sein Blick am Himmel hing.

Nach den Dächern, Wolken, Schwalben,

schaut er aufwärts allenthalben …“

Diese Verse kennen – zumindest die älteren unter uns schon noch, … und als Kind haben Sie vielleicht kräftig gelacht über diesen „Hans-Guck-in-die Luft“ aus dem bekannten Buch der „Struwwelpeter“; eben über diesen Burschen, der ständig nach ob starrt und deshalb das Nächstliegende nicht sieht und ständig über Dinge stolpert.

Die Warnung, die der Autor, ein Frankfurter Arzt im 19. Jahrhundert seinem Sohn mit diesem Gedicht mit auf den Weg mitgeben wollte, ist nicht neu. Sie steht schon in der Bibel und ist der Lesungstext am Fest Christi Himmelfahrt: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“

Den „Guck-in-die-Luft-Jüngern“ musste buchstäblich der Kopf verdreht werden. Es musste ihnen gesagt werden, dass sie Jesus nicht oben in den Wolken finden, und dass der Himmel, die neue Welt Gottes, nicht über ihnen schwebt.

So richtig nachhaltig hat die biblische Warnung nicht gewirkt. Bis heute gibt es genügend „Guck-in-die-Luft-Christen,

  • die nur auf den Himmel, auf das Jenseits schielen und dabei die Erde vergessen;
  • deren Glauben sich in einem frommen Augenaufschlag erschöpft;
  • die sich in theologischen Wortgefechten gefallen und weniger in konkreten Taten

Bis heute erleben wir auch hin und wieder eine „Guck-in-die-Luft-Kirche“,

  • die das konkrete Hinschauen auf die Lebenswirklichkeit der Menschen immer noch nicht richtig gelernt zu haben scheint;
  • die in manchen Reaktionen zwar dem Kirchenrecht folgt, die aber letztlich doch unmenschlich und unbarmherzig sind;
  • die die Zeichen der Zeit zwar sieht, aber doch nicht reagiert.

„Guck-in-die-Luft-Christen“ und eine „Guck-in-die-Luft-Kirche“ – vor beiden werden wir dringlich gewarnt. Oder positiv ausgedrückt: Wir werden heute eingeladen, Gott und Jesus Christus überall zu suchen - nur nicht in den Wolken. Überall hinzuschauen - nur nicht in die Luft.

Wenn man so will, wird uns an Christi Himmelfahrt dreierlei geraten:

Erstens: Zunächst wird uns geraten, nach innen zu schauen: „Seid gewiss, ich bin bei euch alle Tage …“  Wenn ich sozusagen nach innen schaue, dann entdecke ich Jesus in seinen Geschichten, in seinen Lebensworten, die mir zu einem inneren Kompass geworden sind ... werden können; dann entdecke ich ihn ganz unmittelbar in seinen Taten, die mir zu Herzen gehen. Es ist für uns Christen wesentlich, aus welcher Haltung, aus welcher Spiritualität, aus welchem Geist wir leben …  Nach innen schauen!

Zweitens: Dann werden wir aufgefordert, nach vorne zu schauen – wenn es heißt: „Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern“.

Wenn ich nach vorne schaue, wenn ich die Aufgaben in den Blick nehme, die vor mir liegen, dann kann ich Jesus entdecken, seine neue Welt, die immer mehr unter uns anbrechen will: In den Zielen, die uns das Evangelium mit auf dem Weg gibt; in den Leitbildern, die uns in den Gleichnissen begegnen und auf die wir uns zubewegen sollen. Das gilt nicht nur für jeden Einzelnen, das gilt noch mehr für uns als Pfarrgemeinde, als Dekanat und Kirche insgesamt: Nach vorne schauen!

Drittens: Und schließlich bittet Jesus uns durch sein Beispiel und seine Geschichten immer wieder zur Seite zu schauen; unsere Mit-Menschen, die uns nach und fern an die Seite gestellt sind, nicht aus den Augen zu verlieren.

Wenn wir versuchen uns auf Augenhöhe zu begegnen, Gleichgültig-keiten zu verringern und zu überwinden … dann entdecken wir SEINEN Himmel im Nächsten, dem Menschenbruder, der Menschenschwester an der Seite …Wenn wir einen Menschen lieben, wird die Erde zum Himmel“,  sagt etwas poetisch Dostojewski.

Wenn der Hans zur Schule ging, stets sein Blick am Himmel hing. Nach den Dächern, Wolken, Schwalben schaut er aufwärts allenthalben. Vor die eignen Füße dicht, ja, das sah der Bursche nicht; Also dass ein jeder ruft: „Seht den Hans-Guck-in die Luft!“

Wer ein „Hans-Guck-in-die-Luft“ ist, der bekommt auch sehr schnell eine Genickstarre.„Guck-in-die-Luft-Christen“  kann Ähnliches passieren: Sie werden oft stur und verkrampft, wissen alles besser. Eine „Guck-in-die-Luft-Kirche“, die sich nur auf ewige, unveränderliche Wahrheiten fixiert, wird mit der Zeit selbst starr und verkrustet. Sie sieht nicht die Möglichkeiten, die Gott für uns in jeder Zeit dennoch bereithält.

Wer nicht ständig nach oben, sondern vielmehr nach innen, nach vorne und zur Seite schaut, der bleibt beweglich, geistig und geistlich rege, der merkt, dass Christsein mit Lebendigkeit, Wachsen und Ver-änderung zu tun hat, mit neuen Wegen ....

Christi Himmelfahrt feiern heißt für mich: Mir, wie den Jüngern damals, den Kopf verdrehen lassen; mich vor einer religiösen Genickstarre warnen und mich anregen lassen, den lebendigen Christus und damit auch ein Stück des Himmels in mir, vor mir und neben mir zu suchen und zu entdecken.