(Lesung: Jes 35,1-6b.10, Evangelium: Mt 11, 2-11)
Liebe Gemeinde!
Zu Beginn unseres Gottesdienstes habe ich es schon kurz erwähnt: Wir feiern heute den Gaudete-Sonntag. „Gaudete“ ist Latein und heißt „Freut euch“. Der dritte Adventssonntag markiert die Halbzeit der Adventszeit und erinnert uns an die Vorfreude auf die Geburt Jesu, die wir an Weihnachten feiern werden. Eine Freude, die uns geschenkt wird – ganz unabhängig von den Krisen und Schwierigkeiten, die uns im persönlichen Leben oder in der Welt begegnen. Eine Freude, die nichts davon einfach zudeckt, sondern immer wieder wie ein Sonnenstrahl durch die dichte Wolkendecke bricht.
Und dann haben wir gerade das Evangelium gehört. Es spricht weniger von Freude als von Zweifeln und stellt Erwartungshaltungen auf den Prüfstand: Johannes der Täufer ist kurz nach der Taufe Jesu verhaftet worden und sitzt nun im Gefängnis. Sein Anliegen war es, ganz Israel zu sammeln und vor dem „Tag des Zorngerichts Gottes“ zu bewahren – wie schon andere Prophetinnen und Propheten vor ihm. Aus den überlieferten Worten kann man schließen, dass er Jesus als seinen „Nachfolger“ sah, der noch charismatischer und dringlicher die Menschen zur Umkehr führen würde: „Es kommt einer, der stärker ist als ich…“
Johannes‘ Stichworte waren „Gerichtsrede“, „Gottes Zorntag“, „Umkehr und Buße“. Er kündigt den endzeitlichen Propheten an – und dann kommt Jesus, der stattdessen das Gnadenjahr des Herrn ausruft.
Jesus setzt die Akzente unerwartet neu: Seine Botschaft sind Trostworte, keine Drohworte. Er stellt nicht zu viele Forderungen, heilt Kranke und befreit Menschen, ohne dass sie vorher Schritte der Umkehr gezeigt hätten.
Davon kam auch Johannes im Gefängnis zu Ohren. Aus seiner Perspektive bot Jesus das Reich Gottes „unter Preis“ an.
Deshalb ist der Zweifel, der ihn im Gefängnis erfasste, verständlich: Er hatte auf Jesus gesetzt, erwartete die Fortsetzung seiner Botschaft – und nun schien sein Anliegen nicht mehr vertreten. Vielleicht hatte er auch Angst: vor dem strafenden, drohenden Gott, vor dem Ende der alten Welt. Doch die neue Welt war bereits angebrochen – Gott kam als Mensch zu den Menschen.
Beide, Johannes und Jesus wollten die Menschen retten, doch ihre unterschiedlichen Gottesbilder ließen sie unterschiedliche Wege beschreiten. Jesus verkündet eine frohe Botschaft in der Linie Jesajas, während Johannes in der Linie der alttestamentlichen Gerichtspropheten steht.
Wie antwortet Jesus auf die enttäuschten Erwartungen des Johannes? Er zitiert einfach den Propheten Jesaja, genau den Text, den wir heute als Lesung gehört haben:
„Geht und berichtet Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen wieder, Lahme gehen, und Aussätzige werden rein. Taube hören, Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet.“
Jesus erfüllt die Erwartung jener, die auf die Verheißungen des Jesaja hoffen.
Und nachdem Jesus so auf Johannes reagiert hat, wendet er sich den Menschen zu – und stellt auch ihnen eine Frage: „Was habt ihr denn sehen wollen?“ – Er zählt Bilder auf, die Erwartungen ausdrücken: ein Schilfrohr im Wind, einen fein gekleideten Mann, einen Propheten. Diese Fragen stellt er nicht, um zu richten oder zu belehren, sondern um die Menschen zum Nachdenken zu bringen.
Auch wir dürfen uns heute diese Frage stellen:
Oft sind unsere Erwartungen klar – wir hoffen auf Hilfe, auf Veränderung, auf Antworten. Und manchmal werden sie auf eine ganz andere oder sogar überraschende Weise erfüllt, als wir es uns gedacht haben.
Wie die Menschen damals leben auch wir zwischen Hoffnung und Zweifel, Zuversicht und Unsicherheit, Freude und Enttäuschung – dem ganzen Spannungsbogen, den unsere Erwartungen mit sich bringen!
Wir blicken mit diesen gemischten Gefühlen auf das Kommende. Gerade wenn das Jahr zur Neige geht, schauen wir aber auch zurück, was aus den früheren Erwartungen geworden ist: Erwartungen an andere, an Personen, die uns nahe stehen, Erwartungen an uns selbst, an die Gesellschaft, die Politik, Erwartungen an die Kirche. Aus diesem Rückblick können wir viel lernen. Wir leben in einer Zeit großer und kleiner Umbrüche. Und so verschieden die Menschen sind, so verschieden sind auch ihre Erwartungshaltungen.
Welche Erwartungen hatten Sie im letzten Jahr? Haben sich Sorgen als unbegründet erwiesen? Haben sich Hoffnungen erfüllt oder haben wir vielleicht auch hier und da zu hohe Erwartungen gehabt?
Jesus lädt uns ein, unsere unterschiedlichen Erwartungen zu prüfen und zu erkennen, dass wir selbst Teil von etwas Größerem sind – seiner Botschaft von Heilung, Frieden, Liebe und Hoffnung. Wenn unsere Erwartungen, ob in der Vergangenheit oder für die Zukunft, ob enttäuscht oder erfüllt, in dieses Größere eingebettet sind, dann können sie nicht ganz falsch sein.
Und trotzdem erleben wir im Alltag oft etwas anderes: Manchmal sind wir gefangen in unseren eigenen Erwartungen. Dann sehen wir nicht mehr, was sich vielleicht längst erfüllt hat – nur anders, als wir es uns vorgestellt hatten.
In solchen Momenten brauchen wir Menschen, die zu uns gesandt werden – wie die Jünger des Johannes im heutigen Evangelium. Menschen, die uns sagen:
„Geh und sieh. Hör hin. Schau genau hin.“
Menschen, die uns von Hoffnung erzählen, wenn wir selbst enttäuscht und hoffnungslos sind.
Und manchmal sind wir selbst diejenigen, die frei sind. Die losgehen können. Die berichten können von dem, was sie gesehen und erfahren haben. Die Hoffnung weitertragen – auch dort, wo sie scheinbar keinen Platz hat.
Wir haben dabei etwas, was Johannes der Täufer noch nicht hatte: Wir leben nicht nur aus der Verheißung, sondern aus ihrer Erfüllung. Wir haben die Evangelien. Wir kennen das Leben, das Handeln, den Tod und die Auferstehung Jesu. Seine Botschaft ist uns anvertraut – und sie bleibt nur lebendig in dieser Welt, wenn wir sie weitertragen.
So können auch wir selbst Teil der Erfüllung werden: indem wir für Liebe eintreten, Hoffnung teilen, Frieden suchen. Jesu Botschaft hat eine Kraft, die sogar durch die Gefängnismauern unserer Zeit dringt.
Das wusste auch Alfred Delp, der im Advent 1944 im Gefängnis Berlin-Tegel saß, inhaftiert von den Nationalsozialisten – und wenige Monate später von ihnen hingerichtet wurde. Mit gefesselten Händen schrieb er:
Die Welt ist mehr als ihre Last und das Leben mehr als die Summe seiner grauen Tage. Die goldenen Fäden der echten Wirklichkeit schlagen schon überall durch. Lasst uns dies wissen und lasst uns selbst tröstender Bote sein. Durch den die Hoffnung wächst, der ist ein Mensch selbst der Hoffnung und der Verheißung.
Amen.