Predigt zum Krieg im Nahen Osten

2023-10-31-Israel-Fahne-NO- 044-k-a-KLEIN (c) Bodo Witzke
2023-10-31-Israel-Fahne-NO- 044-k-a-KLEIN
Datum:
So. 19. Nov. 2023
Von:
Pfr. Hubert Hilsbos

Liebe Gemeinde,

vor wenigen Wochen hatten wir in unserer Pfarrgemeinde eine sehr schöne und gleichzeitig auch sehr intensive und berührende Begegnung mit zwei jüdischen Frauen, die zum Ort ihrer Großeltern zurückgekehrt sind, die in Nieder-Olm gelebt haben und durch die Nazis vertrieben wurden – oder anders gesagt: Sie konnten noch „rechtzeitig“ fliehen, sonst wären sie getötet worden. Stolpersteine vor dem ehemaligen Wohnhaus in der Pariser Straße in Nieder-Olm der Familie erinnern daran.

Ich erinnere mich an eine Aussage von Joan, eine der Schwestern; sie sagte: „Wir dürfen nicht schweigen, wir müssen sprechen: vom Tod, Vertreibung, Hinrichtungen, Gaskammern … von so viel Grausamkeit!“

Dieses Wort von Joan, einer jüdischen Frau, der Vorfahren hier bei uns gelebt haben, ist für mich heute Auftrag von der Leseordnung abzuweichen und von dem zu sprechen, was am 7. Oktober in Israel passiert ist. – auch wenn mir bei den Bildern und Nachrichten nicht zu sprechen zu Mute ist.

„Am Morgen des 7. Oktober ist Israel aus einem Alptraum aufgewacht …“ Die Hamas feuerten tausende Raketen aus dem Gazastreifen auf Israel, … bei einem Musik-Festival wurden mehr als 250 junge Menschen regelrecht hingerichtet, … dutzende Israelis werden als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. … Die schrecklichen Bilder sind von menschenverachtender Grausamkeit. Mehr als tausend Bürgerinnen und Bürger Israels sind dem Terror bislang zum Opfer gefallen. Tausende wurden zum Teil schwer verletzt. Mir wird immer unbegreiflich sein, wie ein Mensch dazu kommt, sich vor ein Kind zu stellen und es zu erschießen.

Direkt oder auch indirekt höre ich in Gesprächen, dass das alles sehr schlimm ist … und nicht selten kommt ein „aber“ … - Keine eigenen Verletzungen, kein erlittenes Unrecht, keine Siedlungspolitik der Israeliten und was auch immer angeführt wird, nichts, wirklich nichts kann diese Grausamkeit der Hammas rechtfertigen oder relativieren.

Was wir sehen müssen, ist, dass Menschen auf grausame Weise getötet werden, … Terror und Krieg bringen nur Zerstörung. Wir sehen doch, wie alles zerbricht und in Trümmern liegt, - nicht nur Häuser.

Ich frage mich: Warum dieser Terror? Was geht im Kopf der Hammas-Führer vor? Sehen sie nicht, was für unendliches Leid und Zerstörung sie bringen – über Israelis und die Bewohner des Gaza-Streifens? –Warum diese Barbarei? Warum dieser Hass? … Warum schaffen wir Menschen es nicht, friedlich zusammen zu leben?

Von Frieden in Palästina spricht zu Zeit fast keiner; es geht um Bekämpfung, Auslöschen der Hammas …Vermeidung von noch größerer Eskalation …  

Ich spüre selbst, wie schwierig es ist, eine Antwort zu formulieren, was jetzt angesagt ist… Ich kann mir selbst keine befriedigende Antwort geben.

Ich höre die Worte des heutigen Evangeliums; sie sind Lichtpunkte in diesem Dunkel von Terror und Krieg …: Es geht Jesus um Vertrauen, Achtung vor dem Leben des anderen, … Anerkennen, dass jeder die gleiche Würde und das gleiche Recht zum Leben … Es geht um Frieden … Gerechtigkeit … Menschlichkeit …alles Sehnsuchtswörter von uns Menschen …

„Selig die Frieden stiften, denn sie werden Söhne und Töchter Gottes genannt werden…“ sagt Jesus in der Bergpredigt und Paulus sagt zur Gemeinde in Kollosa: In eurem Herzen herrsche der Friede Christi; …“ Suchet den Frieden und jagt ihm nach … steht im Buch der Psalmen …

Ich höre die Worte der Bibel von Frieden wie ein „Gegenprogramm“ zur Situation in Israel und Palästina … zum Krieg in der Ukraine, an den wir uns fast gewöhnt haben … und ich sehne mich mehr denn je nach sichtbarem, erfahrbarem … Frieden, der allem Streit und Verschiedenheit standhält und immer wieder nach Verständigung und Ausgleich sucht – ganz konkret in meinem Lebensumfeld und darüber hinaus – eben bis nach Israel und Palästina, bis in die Ukraine und Russland, bis in den Jemen und in den Sudan ….

Das klingt naiv, mag sein … aber ich brauche diese Lichtpunkte am dunkeln Horizont, … diesen Glauben an die Menschlichkeit der Menschen, um auch die jetzige Situation auszuhalten.

Und dennoch: Mir kommen die Tränen, wenn ich die Familien der Israelis sehe, die auf fürchterlichste Weise ihre Liebsten verloren haben. Und mir kommen auch die Tränen, wenn ich die unbeteiligten Familien in Gaza sehe.

Deshalb möchte ich beten und bitten: Shalom für Israel. Salem für Palästina. – Trotz allen und gerade deswegen. Amen.