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Mi 13. Mai 2020
Helena Gilbert

Unaussprechlich: Vor kurzem bin ich auf eine schöne „Anekdote“ gestoßen. Ihren Wahrheitsgehalt kenne ich nicht. Trotzdem hat sie für mich einen wahren Kern:

„Ein 93 jähriger Italiener, als Corona-Infizierter geheilt, brach in Tränen aus, als er gebeten wurde, die Rechnung für einen Tag künstliche Beatmung zu begleichen. Als der Arzt fragte, warum er weine, sagte er folgendes: „Ich weine, weil ich Dank Gottes Hilfe, 93 Jahre kostenlos atmen durfte, während ich heute für einen einzigen Tag künstliches Beamten 500€ zahlen muss“.

Irgendwie gefällt mir das. Ja, stimmt… 93 Jahre kostenloses Atmen (mal mehr/ mal weniger) haben wir einfach mal so zur Verfügung gestellt bekommen. Ohne jede Forderung.

Und ein weiterer Gedanke kommt mir, da ich gerade das Buch „Pure Präsenz“ von Richard Rohr lese.  Richard Rohr ist Franziskanerpater und begleitet mich mit seinen Werken schon eine ganze Zeit lang. In dem besagten Buch reflektiert er den Gottesnamen Jahwe, der in der  jüdischen Tradition für die Unaussprechlichkeit des Gottesnamens steht.

Die Deutung Rohrs fasziniert mich: Letztlich ist die Anordnung des Wortes JAHWE so angelegt, dass man bei der Aussprache dessen die eigene Zunge gar nicht bewegen muss. Sondern dass dabei der eigene Atem reicht.

Jeder Atemzug, den ich tue ist also schon längst ein Gebet. Das Aussprechen seines Namens. Jedes weitere Wort über ihn ist dabei eigentlich schon zu viel. Eine Dopplung… nicht auszudenken, was das eigentlich für Theologie und  Kirche bedeuten könnte… Wenn nur die Besinnung auf den eigenen Atem uns reichen würde… Und das verbindet uns alle. Christen, Muslime, Juden, Atheisten… Es gibt keine ureigene Form des Atems, der vielleicht     religiös oder kulturell verschieden wäre. Die Luft ist überall gleich. Kein Land, keine Religion können sie für sich beanspruchen.  Wie schön ist auch die Vorstellung, dass das erste, was ich tue, wenn ich auf die Welt komme und auch das letzte, was ich tue, eigentlich ein Gebet ist. Mein erster Atemzug und auch mein letzter. 

93 Jahre lang- Luft zum Atmen. Wie viele Gebete das wohl sind?