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Bistum Mainz / Betriebsseelsorge:Mehr oder weniger? Anders. - Arbeit in Zukunft gerecht verteilen - Gottesdienst und Empfang zum Tag der Arbeit

Waage mit Life und Work, in der Mitte ein Mensch
Life-Style-Teilzeit, Work-Life-Balance, Vier-Tage-Woche: Arbeiten die Menschen in Deutschland zu wenig? Ein Thema, das die Gemüter bewegt, gegensätzliche Positionen – und eine Referentin, die so professionell wie temperamentvoll ihre Sicht darstellt: Gute Voraussetzungen für einen informativen, spannenden und teilweise spannungsvollen Abend beim traditionellen Empfang am Vorabend des Tags der Arbeit. Eingeladen hatte das Referat Betriebsseelsorge des Bistums gemeinsam mit den Diözesanverbänden der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung und des Kolpingwerks. Pitt von Bebenburg, Chefreporter der Frankfurter Rundschau, moderierte die Veranstaltung.
Datum:
6. Mai 2026
Von:
Maria Weißenberger
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Auffallend in der – zweifellos wichtigen – Arbeitsdebatte: Es dreht sich vorrangig um die Erwerbsarbeit. Die unbezahlte Sorgearbeit bleibt in der Lifestyle-Diskussion meist außen vor. Nicht so bei der Veranstaltung im Erbacher Hof in Mainz: Unter dem Thema „Mehr oder weniger? Anders" ging es um die Frage: Wie kann es gelingen, Erwerbs- und Sorgearbeit in Zukunft gerecht zu verteilen?

Arbeitszeiten würden diskutiert, ohne Haushalte, Familie, Bildung und Ehrenamt zu berücksichtigen, stellte Professorin Jutta Allmendinger fest. Die renommierte Soziologin und wissenschaftliche Beraterin ordnete die Debatte gesellschaftlich ein und zeigte auf, wie Arbeit aus ihrer Sicht gerechter verteilt werden könnte.

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Die überaus wichtige Sorgearbeit müsse stärker anerkannt werden. Nun könne man die bislang unbezahlte Arbeit nicht als bezahlte Arbeit zu Markte tragen: „Dafür haben wir weder genügend Fachkräfte noch Geld.“ Davon abgesehen: „Wir bekommen weder Kinder, um dann keine Zeit für sie zu haben, noch möchten wir darauf verzichten, uns um unsere alten Eltern zu kümmern.“

Den weitaus größten Teil der Sorgearbeit, erläuterte die Referentin, leisten Frauen. „Wenn man bezahlte und unbezahlte Arbeit addiert, arbeiten Frauen mehr als Männer." Weil meist die Mütter die Erwerbsarbeitszeit reduzierten, erzielten Frauen mit Kindern im Lauf ihres Lebens im Schnitt fast eine Million weniger Einkommen als Männer. Dies wirke sich auch spürbar auf ihre spätere Rente aus.

Allmendinger plädierte dafür, die Erwerbsarbeitszeit der jeweiligen Lebenssituation anpassen zu können. „Wenn wir Eltern fragen, wieviel Erwerbsarbeitszeit sie sich wünschen, dann möchten Frauen gerne mehr, Väter kleiner Kinder wünschen sich oft, weniger Stunden erwerbstätig zu sein", berichtete sie. Am Ende trete dann meist doch die Person zurück, die weniger verdient – und das seien in der Regel die Frauen. „Wir lassen die Potentiale von Frauen verkümmern, nachdem wir sie exzellent geschult haben.“

Als problematisch beurteilte die Soziologin auch, dass der Zugang zur Bildung in Deutschland sehr ungerecht verteilt sei. Die Bildungschancen von Kindern seien stark vom Bildungsstand ihrer Eltern abhängig. Zudem sei es notwendig, über Weiterbildung zu reden. Während es in anderen Ländern etwa selbstverständlich sei, sich im Laufe der Erwerbsbiografie umzuorientieren, erlebe man dies in Deutschland selten. Die Arbeitspolitik sollte geeignete Wege finden, dies zu ändern.

Auch bezüglich der Lebensarbeitszeit halte sie ein Umdenken für angesagt: In Deutschland halte man trotz steigender Lebenserwartung an starren Altersgrenzen fest. „Es gibt Menschen, die länger arbeiten können – so wie ich“, sagte die 69-Jährige. Bis heute ist sie unter anderem Vorsitzende der Wissenschaftlichen Kommission Niedersachsen, Mitglied des Deutschen Ethikrats und der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften sowie Aufsichtsrätin der Berliner Stadtreinigung. Als solche weiß sie auch: „Die meisten Werkerinnen und Werker können ihre Arbeit nicht über das Alter von 67 Jahren hinaus machen.“

Mit dem Gießkannenprinzip, so Allmendinger, könnten die Probleme nicht gelöst werden. Es sei nicht zielführend, alles gleich zu machen für Menschen, die ungleiche Bedürfnisse haben. Wichtig sei eine Arbeitszeitgestaltung, die genügend Raum lasse für die unverzichtbare unbezahlte Arbeit: „Was nützt uns eine florierende Wirtschaft, wenn die Gesellschaft auseinanderbricht?"

Zudem brauche es eine größere Umverteilung von Geld und Vermögen, sagte Allmendinger. „Die Polarisierung von Vermögen führt nicht zu gesellschaftlichem Wohlergehen.“

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In kurzen Statements hatten Vertreter von Arbeitnehmern und Arbeitgebern zu Beginn des Abends die Perspektive ihrer Interessenvertretungen dargestellt. Das Problem sei nicht, dass zu wenig gearbeitet werde, sagte Michael Rudolph, Vorsitzender des DGB Hessen-Thüringen. Er nannte eine Teilzeitquote von 28 Prozent; zahlreiche Menschen arbeiteten mehr als 40 Stunden pro Woche. Es gelte, stärker auf die Wünsche der Beschäftigten einzugehen und eine flexiblere Arbeitszeitgestaltung zu ermöglichen. Errungenschaften wie der Achtstundentag dürften im Interesse der Gesundheit der Beschäftigten sowie der Familien und des gesellschaftlichen Zusammenhalts aber nicht aufgegeben werden.

Arbeit ist mehr als Erwerbsarbeit. Das stellte auch Karsten Tacke, Hauptgeschäftsführer der Landesvereinigung Unternehmerverbände Rheinland-Pfalz, nicht in Frage. Eine gerechte Verteilung von Arbeit sei nötig, doch es sei nicht damit geholfen, dass alle weniger arbeiten. „Uns fehlt Arbeitszeitvolumen." Viele Menschen arbeiteten aus guten Gründen in Teilzeit. Gleichzeitig könnten viele Menschen auch mehr arbeiten, wollten es aber nicht. Es müssten mehr Anreize gesetzt werden, indem etwa den Arbeitnehmern mehr Netto vom Brutto bleibe. Außerdem dürften die Betriebe nicht mit „unnötigen Freistellungsansprüchen“ belastet werden.

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Thomas Isser, Diözesanvorsitzender des Kolpingwerks, hatte bei der Begrüßung deutlich gemacht, dass es bei der Veranstaltung nicht nur um die Arbeit gehe, sondern um die Würde des Menschen in der Arbeit.

Mit politischen Fragen von Arbeit und Gerechtigkeit hat sich in seiner Zeit schon der Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler auseinandergesetzt. Er sei dankbar für diesen Vorgänger, dessen 150. Todestag das Bistum im kommenden Jahr begeht, sagte Bischof Peter Kohlgraf in seiner Predigt im Gottesdienst zu Beginn des Abends. Viele Einrichtungen und Gemeinschaften, die Ketteler im Bistum ins Leben rief, „halten bis heute die Frage wach, wie Glaube, christliches Leben und die Sorge um die Menschen zusammengehören". 

 

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„Als Christinnen und Christen dürfen wir uns nicht in die Sakristeien und hinter die Kirchenmauern zurückziehen", sagte Kohlgraf. „Ich bin dankbar dafür, dass wir dies im Bistum heute unter anderen strukturellen Bedingungen auch nicht tun." Eines von vielen Beispielen dafür sei die Betriebsseelsorge, deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern er an diesem Abend für ihren Einsatz dankte.

In der katholischen Kirche werde heute viel über Synodalität geredet, sagte Kohlgraf. Was zu tun ist, müsse von allen beraten werden. Ketteler habe dies bereits damals für das Arbeitsleben gefordert. Er sei seiner Zeit weit voraus gewesen, indem er an die Menschenwürde und die Menschenrechte erinnert habe. Eine Gesellschaft werde den Menschenrechten gerecht, wenn sie den einzelnen Menschen die Verantwortung und die Mitsprache nicht abnehme, sondern ermögliche. „Ein solcher Anspruch ist heute hochaktuell", sagte der Bischof.