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Schmuckband Kreuzgang

Ostern

Predigt Ostern

Grabeskirche Jerusalem Salbungsstein (c) Ronald Ashley Givens
Grabeskirche Jerusalem Salbungsstein
Datum:
Mo. 5. Apr. 2021
Von:
Pfarrer Ronald Givens

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

 

vor ein paar Jahren habe ich Ihnen die Geschichte erzählt von dem Rabbi, der von der großen Stadt auf dem Heimweg in sein Dorf gewesen ist. As er über die Felder geht, sieht er von Weitem einen seiner Bauern. Er ist auf demselben ausgetretenen Feldweg unterwegs wie der Rabbi. Aber da die Ochsen nur langsam vor sich hintrotten hat der Rabbi schon bald zum Bauern aufgeholt. Je näher er kommt um so deutlicher hört der Rabbi den Bauern vor sich hinmurmeln. Als er nah genug beim Bauern ist, da hört der Rabbi, dass der Bauer unentwegt das Alphabet vor sich hinmurmelt. ABCDEFGH einen Buchstaben nach dem anderen. Als der Bauer den Rabbi bemerkt begrüßt er ihn freudig. Nach der Begrüßung aber fragt der Rabbi was es denn auf sich habe, dass der Bauer unentwegt das Alphabet vor sich hinmurmle. Der Bauer antwortet ihm: ihr wisst ich bin ein einfacher Mann und ich kann mir die vielen schönen Gebete, die ich in der Synagoge höre leider nicht merken. So bete ich das Alphabet und vertraue darauf, dass der Allbarmherzige, der alle Gebete kennt, aus meinen Buchstaben ein Gebet formt mit all meinen Nöten und all meinem Dank.

 

Nach 33 Jahren ist Jesus so weit, dass er neben dem Vater Unser, ein Gebet formulieren und sprechen kann, das genauso kostbar ist, wie das Vater Unser.  In meinen  Augen ist es das schönste Glaubensbekenntnis, das wir haben.

Es hat seine Zeit gebraucht, bis Jesus diese Gebet formuliert hatte, bis er es sprechen konnte, bis jeder Satz so war, dass es sein Gebet geworden ist.

Ob Jesus als Teenager überhaupt gebetet hat, oder ob er wie jeder Jugendliche die Sprachlosigkeit erlebt hat, die sich einstellt wenn die Kindergebete nicht mehr tragen, weiß ich nicht. Die Bibel schweigt sich über diese Zeit aus. Zur Menschwerdung gehört sicher auch eine Zeit der Abnabelung von den Gebeten der Eltern, der Familie, der Synagoge von Nazareth. Vielleicht hat er bei Johannes dem Täufer neu beten gelernt, dort zwischen Jordan und Wüste seine eigene Gebetssprache gefunden, wie so viele andere die nach Qumran gezogen sind, um beten zu lernen.

 

Jetzt aber als junger Mann, mit etwas mehr als dreißig Jahren, kann er sich Maria von Magdala zuwenden und sie sein Ostergebet lehren:

Ich gehe hinauf zu meinem Vater

und eurem Vater,

zu meinem Gott

und eurem Gott.

 

Am Gründonnerstag im Garten Gethsemane, als er gezittert hat, als er geweint hat, als er fleischgewordene Angst gewesen ist und Blut geschwitzt hat da hat er noch nicht sagen können: ich gehe hinauf zu meinem Vater. Da hat er formuliert: Vater, lass diesen Kelch an mir vorüber gehen.

Am Karfreitag vor dem Hohenpriester, mit dem leugnenden Petrus draußen am Kohlenfeuer, da der nicht sagen können: und zu eurem Gott. Da war er am Ende nur noch sprachlos und hat ohnmächtig geschwiegen.

 

Ob er am See Genezareth im Kreis der Frauen und Männer, die seine Freunde waren, die so jung waren wie er, ob er beim Blick auf diese unglaublich schöne Landschaft, das blaue Wasser und den weiten Horizont, ob er da hat sagen können: ich gehe zu meinem Vater? Wer kann das schon? Wie schwer ist es mitten im Leben die Perspektive zu ändern und mit einem Mal zu begreifen, die Zahl der Sonnenaufgänge ist für mich begrenzt. Es tut weh, wenn sich ins Bewusstsein die Frage schleicht, wie oft werde ich noch den Mandelbaum blühen sehen? All das steckt in diesen Worten: ich gehe hinauf zu meinem Vater. Es ist ein Abschiedsgebet.

Wie so viele Menschen macht Jesus die Erfahrung, dass seine Jünger sich schwertun mit ihm über das Sterben zu reden. Sie tun sich schwer damit, dass für Jesus sich die Lebensperspektive geändert hat, dass er den Tod in den Blick genommen hat. Petrus spricht es aus: das soll Gott verhüten.

Erst am Ostermorgen, nach der auch für Jesus unglaublichen Grabes- Erfahrung, dass Gott ihn nicht verlassen hat, kann er formulieren:

Ich gehe hinauf zu meinem Vater

und eurem Vater,

zu meinem Gott

und eurem Gott.

Nach 33 Jahren, nach dem schrecklichen Karfreitag, nach seiner Beerdigung, kann er Maria von Magdala dieses kostbare Gebet und Glaubensbekenntnis anvertrauen. Sie kann sich dieses Gebet und Glaubensbekenntnis wohl auch deswegen Wort für Wort im Gedächtnis bewahren, weil Jesus nicht nur sagt ich gehe zu meinem Gott, sondern uns mit nimmt indem er betet: und zu eurem Gott. Weil er nicht nur sagt: zu meinem Vater, sondern weil er den Himmel öffnet und sagt: zu eurem Vater. So wie er zuvor ein Leben lang nicht gebetet hat: Vater meiner, sondern Vater unser. Für Maria von Magdala geben diese Worte eine neue Hoffnung: es gibt ein Wiedersehen bei unserem Gott

Keiner von uns weiß wie viel Zeit uns geschenkt ist. Für Jesus waren es 33 Jahre- Ich wünsche uns, dass wir nach all dem was unser Leben wunderschön und reich gemacht hat, nach all dem was wir an Schmerz und Trauer erlebt haben, dass wir uns, wenn es denn soweit ist, an diese wunderschöne Begegnung am Ostermorgen im Garten erinnern können. Zwischen dem, der vorausging, und der die nachfolgt. Ich wünsche uns, dass wir für uns selbst sagen können, Ich gehe hinauf zu meinem Vater und dass wir zu denen sagen können, die wir im Himmel wieder sehen möchten: und zu eurem Vater

zu meinem Gott

und eurem Gott.

Es lohnt sich dieses Gebet zu üben. In den traurigsten und schweren Momenten, genauso wie in den schönsten und glücklichsten Tagen. Es ist wie das Alphabet des Bauern in meiner Geschichte. Alles was wir uns wünschen und alles was wir uns erhoffen, steckt in diesen vier Zeilen:

Ich gehe hinauf zu meinem Vater

und eurem Vater,

zu meinem Gott

und eurem Gott.

Amen

Pfarrer Ronald Ashley Givens