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Schmuckband Kreuzgang

Welt-Alzheimertag

Heimat ist zentral

Welt-Alzheimertag (c) Sandra Usler
Welt-Alzheimertag
Datum:
Mi. 21. Sep. 2022
Von:
Herbert Kohl

"Ich möchte nach Hause". Diesen Wunsch äußern Demenzkranke immer wieder, denn es drückt ihre Sehnsucht nach Heimat und Geborgenheit aus. Heimat war das zentrale Motiv des ökumenischen Abschlussgottesdienstes zum Welt-Alzheimertag auf dem Apostelplatz. Ab 15 Uhr kamen viele Besucher zu Kaffee und Kuchen und erlebten eine fröhliche Zeit mit schöner Musik und Gesang, angeleitet durch Hermann Wunderle und Richard Werle. Um 17 Uhr feierten die Besucher gemeinsam mit Pfarrer Thomas Blöcher und Gemeindereferent Herbert Kohl einen besinnlichen Abschlussgottesdienst. Die Texte dazu finden sie weiter unten.

Wohin du gehst - Dahin will auch ich gehen

Ruth und Naomi (c) Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V.
Ruth und Naomi

Predigt

Liebe Gemeinde,

wir haben Ihnen heute ein Bild mitgebracht. ZweiFrauen auf dem Weg. Eine weite Landschaft. Vorne ein Baum, viele Büsche und ein Weg. Ja, und in der Mitte vorne die beiden Frauen. Was man am Tag zum Leben braucht. Das Wesentliche. Jede ein kleines Säcklein in der Hand. Das, was sie unterwegs brauchen. Das Nötigste. Miteinander auf dem Weg. Eng verbunden. Die eine legt den Arm um die Schulter der anderen. Beide einander zugewandt. Sie kennen das Ziel nicht,wo es hingeht. Das Ziel vor Augen: ein neues Zuhause. Und sie gehen los, einen Weg entlang.

Szenenwechsel - Im Pflegeheim im Demenzbereich: Zwei Frauen – einander an den Händen haltend auf dem Weg den Flur entlang. Meist treffen wir sie beieinander. Die eine sagt: Das ist meine Freundinund strahlt. Ein anderes Mal, ganz stolz:Schauen Sie, das ist meine Tochter. Und wieder einen anderen Tag: Das ist meine liebe Oma. Immer fügt sie noch etwas hinzu, sowas wie: Ich sorge für sie. Ich achte drauf, dass es ihr gut geht. Und die andere Frau stimmt dem immer wieder freundlich zu. Wie gut – zwei Frauen, aufeinander bezogen, einander verbunden. Wie egal wird es da, wie das verwandtschaftliche Verhältnis ist. Wie egal, ob die beiden miteinander verwandt sind. Irrelevant. Bedeutsam ist: die beiden sind sich nah. Wichtig ist: die eine Frau findet Worte, die eine tiefe Verbundenheit ausdrücken. Den beiden geht es so offensichtlich gut miteinander. Und sie sind ein Stück gemeinsam unterwegs im Leben.

Von Menschen mit Demenz lerne ich immer wieder, Sachen wegzulernen. Alles, was nicht wesentlich ist. Ich lerne, besser im gegenwärtigen Moment zu sein. Und hinzuspüren. Da geschieht so oft Begegnung pur. Das berührt mich. Was ist wirklich wichtig und wesentlich? Was macht uns Menschen eigentlich zu Menschen?

Zurück zu unserem Bild: Wer sind diese Frauen? Es sind Ruth und Naomi. Zwei Frauen, von denen uns die Bibel erzählt. Naomi ist die alte Frau, Ruth die junge – so ganz ist das auf dem Bild gar nicht zu erkennen, oder?

Naomi. Sie kommt ursprünglich aus Bethlehem. Da hatte es vor zehn Jahren eine schlimme Hungersnot gegeben. So war sie damals mit ihrem Mann und ihren Kindern geflohen. Vielleicht kennen das einige von Ihnen noch. Die schwere Zeit der Flucht. Suchen, was man als

Wichtigstes mitnimmt. Sorge, nicht anzukommen. Angewiesen sein auf andere. Manche mag das in der Kindheit erlebt haben. Menschen aus der Ukraine erleben es in diesem Jahr hautnah.

Naomi und ihre Familie sind gut im Ausland angekommen. In Moab. Haben da gut leben können. Und ihre beiden Söhne heirateten. Dann nahm das Leben eine traurige Wende. Naomis Mann starb. Und dann starben ihre beiden Söhne. Da waren noch ihre beiden Schwiegertöchter, Orpa und Ruth. Aber für drei Frauen ohne Männer war das damals schwierig.Siewarennicht versorgt.InMoabgabes auchnichtwieinIsraeldamalseinWitwen-und Armenrecht. Sie wussten nicht, wie sie überleben sollten.

Naomi hatte gehört, dass die Hungersnot in Bethlehem vorbei war. Da dachte sie, sie versucht den Weg zurück in ihre Heimat. Dahin, wo sie geboren war. Da gab es vielleicht noch Menschen, die sie kannten. Ja, sie machte sich auf nach Hause.

Nach Hause – kaum zwei andere Worte, die Menschen ähnlich tief bewegen wie diese. Wie oft höre ich das in der Seelsorge mit Menschen mit Demenz. Nach Hause. Ja, und das ist ja so einleuchtend. Gerade wenn mir Boden unter den Füßen wegrutscht, wenn ich verunsichert bin, wenn ich bedroht bin, dann suche ich doch den vertrauten Ort, die Atmosphäre, die ich kenne, den Schutz und das Behütetsein bei der Mutter. Bei vertrauten Menschen.

Wie gut, wenn mich Menschen kennen, wissen, wer ich bin, was mich ausmacht – auch wenn ich vielleicht meine Geschichte nicht mehr selbst erzählen kann. Wie besonders, wenn da die Lieder gesungen werden, die ich kenne, wenn das gegessen wird, was ich aus Kindertagen kenne und mag. Wenn mir der Duft vom blühenden Holunder, den ich so liebe, in die Nase steigt. Hmm, wie schön.

Naomi dachte: Es ist am besten für ihre Schwiegertöchter, wenn sie auch nach Hause gehen zu ihren Familien, zu ihren Müttern und Vätern. Und schickte sie weg. Sie dachte: Ich bin alt. Ich mussden Weg halt irgendwie alleine schaffen.Gott wird mich nicht fallen lassen. Gott wird bei mir sein. Angst hatte sie trotzdem. Aber was sollte sie tun? So rät Naomi Orpa und Ruth, sich zu ihrem alten Zuhause aufzumachen – aber sie lässt ihnen ihre freie Entscheidung.

Nach Hause – vielleicht geht es für unser Miteinander mit Menschen mit Demenz darum, ein Zuhause auf Zeit zu finden, ein gemeinsames Dach, oder besser ein Zelt der Begegnung. Sich-Zuwenden, Geborgenheit, Vertrauensraum. Einen kurzen oder langen Moment lang ein Dach über uns, ein leichtes Zeltdacht. Darunter uns einlassen aufeinander.

Die eine Schwiegertochter, Orpa, ist traurig. Sie weint. Und versteht Naomis Worte. Sie leuchten ihr ein. Sie verabschiedet sich. Weint und geht. Früher hab ich die Geschichte immer so verstanden, dass Orpa den schlechteren Weg wählt. Aber der Bibeltext bewertet hier nicht. Es darf so sein. Orpa darf sich so entscheiden.

Wie vertraut sind mir ähnliche Entscheidungssituationen von Müttern und Töchtern, von Vätern und Söhnen. Geht die Mutter oder der Vater ins Heim oder zieht bei der jungen Generation ein? Wie soll man sich verhalten? Ist das alles händelbar – die Versorgung der Alten und das Großziehen der Kinder? Wieviel muss ich mich selber zurücknehmen, wenn ich ganz eingebunden bin in die Pflege? Soll ich meine Berufstätigkeit aufgeben? Oft sind die Fragen ähnlich – aber die Antworten doch ganz verschieden – und das ist gut so. Es geht nicht um scheinbare moralische Richtigkeiten, sondern um gutes Miteinander für alle Beteiligten. Und das will gut überlegt sein.

 

Unsere endgültige Heimat ist bei Gott

Kaffee und Kuchen (c) Herbert Kohl
Kaffee und Kuchen

Da sagte die andere Schwiegertochter, Ruth: Das geht so nicht für mich. Ich lasse Dich nicht alleine ziehen. Ich will auch nicht ohne Dich sein. Ich komme mit. Wir sind uns so verbunden. „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen. Wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk. Und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch. Da will ich auch begraben sein. Der Herr tue mir dies und das. Nur der Tod wird mich und dich scheiden.“ Berühmte Verse. Manche*r von Ihnen hat das vielleicht als Trauspruch gewählt. Worte, in denen sich Ruth ganz und gar auf den biblischen Gott einlässt. Worte, in denen sie sich ganz und gar auf Naomi einlässt. Worte in denen sie ihre Verbundenheit bekennt.

Ruth und Naomi halten zusammen. Gerade weil der Weg nicht einfach ist. Sie wissen nicht, wie es weitergeht. Sie haben ein Ziel: nach Hause. Wollen sich wieder aufgehoben fühlen. Und sie halten aneinander fest. Können sich auf die andere verlassen.Ihr vertrauen. Und vertrauen darauf, dass unser Gott sie behütet auf dem Weg. Und: sie brechen auf. Entscheidend ist, dass sie losgehen.

Liebe Gemeinde, das wünsche ich uns allen auch. Dass wir verbunden bleiben. Miteinander. Mit Gott. Wie gut tut es, mit jemandem zu sprechen. Gemeinsam am Tisch zu sitzen. Zusammen spazieren zu gehen. Gemeinsam auf dem Weg zu sein.

Die Geschichte von Ruth und Naomi in der Bibel zeigt wie viele biblische Geschichten, dass es nicht nur um biologische Familienzusammenhänge geht. Ruth, die Ausländerin, die Fremde, die Nicht-Jüdin wird hineingenommen in die Familie, ins Volk Israel, in die große Familie von Gläubigen. Später wird sie sogar im Stammbaum Jesu auftauchen. Wie gut, wenn wir unsere Gemeinde erfahren können als große Familie. Ein Ort, an dem die, die in eine andere Welt abgetaucht sind, dazugehören. Ein Ort, an dem Menschen in all ihren Verschiedenheiten Zuhausesein erfahren können. Wie schön. So soll es sein.

Mögen wir alle miteinander und mit Gott unterwegs sein. Nach Wegen suchen, die wir gehen können. Leben und Zeit teilen. Behütet sein. Zu Hause ankommen. Unter dem Zeltdach Gottes und des Menschseins. Amen.