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20. September 2026, 10:00 Uhr Heilig-Kreuz-Kirche (ehemalige Dominikanerkirche), Bad Wimpfen Glaubenszeugnis anlässlich des Kreuzfestes :„Das Kreuz Jesu Christi führt uns aus der Enge in die Weite“

Stephanie Rieth
Die Enge, die Sprachlosigkeit, das Kreisen um das entsetzliche Leid, die Verantwortung - all das war nicht auf einmal weg, aber ich hatte das Gefühl, Gott hat mich an diesen Ort geführt, an das Gipfelkreuz, um mir zu zeigen: Hier, am Kreuz, darf alles sein: das Schmerzhafte, das Unbegreifliche, die eigene Ohnmacht. Aber auch: Es geht wieder weiter nach dieser Kreuzerfahrung! Ich führe dich in die Weite. Das Gipfelkreuz wurde für mich zum Wendepunkt in dieser Lebenssituation.
Datum:
20. Sept. 2026
Von:
Stephanie Rieth

Sehr gerne gebe ich anlässlich Ihres Kreuzfestes ein Glaubenszeugnis, lieber Pater Sijoy. Ich habe mich über die Einladung, dieses Fest mit Ihnen zu feiern, sehr gefreut.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde aus Bad Wimpfen, liebe Gäste aus Hirschhorn und Neckarsteinach!

Kreuzerfahrungen sind mir durchaus vertraut. Die gescheiterte Prüfung, eine Krankheit in der Familie, Verlust und Veränderung. Es gibt eine ganze Menge von Kreuzerfahrungen in meinem Leben. Über eine ganz besondere und eindrückliche möchte ich heute berichten, weil sie mich bis heute nachhaltig prägt.

Vielleicht erinnern Sie sich noch an das Jahr 2023. Ich erinnere mich sehr gut daran. Im März 23 wurde die Aufarbeitungsstudie zu sexualisierter Gewalt in unserem Bistum - EVV - veröffentlicht. Erfahren.Verstehen.Vorsorgen - EVV. Ich habe durch diese Studie in ihrer Dichte viel erfahren und verstanden und bis heute arbeiten wir daran, aus diesen Erkenntnissen heraus vorzusorgen, dass so etwas nie wieder passiert. Allerdings hatte diese Studie für mich nicht nur einen kognitiven Erkenntniswert: Diese Studie zu lesen und damit umgehen zu müssen, war für mich – und für viele von uns – auf eine ganz eigene Weise traumatisch - eine Kreuzerfahrung. Seite um Seite war gefüllt von den Abgründen, vom Leid und von den Traumata der Betroffenen.

Wir waren damals rund um die Veröffentlichung der Studie im ganzen Bistum unterwegs, um mit den Menschen zu sprechen, Hintergründe zu erklären und Rede und Antwort zu stehen. Doch nach unzähligen Abenden, nach all den emotionalen Wellen und Schmerzen gab es irgendwann einen Punkt bei mir, an dem schlichtweg keine Worte mehr da waren. Meine Möglichkeiten zu reden waren erschöpft.

In dieser größten inneren Not und Enge habe ich mich zurückgezogen. Ich bin für eine Woche zu den Betlehemschwestern auf die Kinderalm in Österreich gefahren – in ein Schweigekloster.

Dort habe ich sehr eindrücklich erfahren, wie heilend und wohltuend reines Schweigen sein kann. Keine Rechtfertigungen mehr, keine Erklärungen, keine eigenen oder fremden Worte. Jenseits des Stundengebetes der Schwestern, das mich in diesen Tagen getragen hat, nur Stille. Und dann hat es Mitte April dort noch einmal richtig viel geschneit.

Ich bin viele Stunden durch die wunderbare Natur gelaufen und gewandert, Schritt für Schritt. Und dieses Zusammenspiel aus Schweigen und Gehen hat mir geholfen, innerlich wieder in den Takt zu kommen.

Am vorletzten Tag habe ich mir dann vorgenommen, bis zum Gipfel zu wandern und bin auch tatsächlich dort angekommen - am Gipfelkreuz. Ziemlich außer Atem, körperlich an den Grenzen, aber auf einmal ist etwas passiert mit meiner eigenen Wahrnehmung. Die Bergwanderer unter Ihnen werden das kennen. Dem gigantischen Ausblick und Weitblick oben am Gipfelkreuz konnte ich mich nicht entziehen. Die Enge, die Sprachlosigkeit, das Kreisen um das entsetzliche Leid, die Verantwortung - all das war nicht auf einmal weg, aber ich hatte das Gefühl, Gott hat mich an diesen Ort geführt, an das Gipfelkreuz, um mir zu zeigen: Hier, am Kreuz, darf alles sein: das Schmerzhafte, das Unbegreifliche, die eigene Ohnmacht.

Aber auch: Es geht wieder weiter nach dieser Kreuzerfahrung! Ich führe dich in die Weite. Das Gipfelkreuz wurde für mich zum Wendepunkt in dieser Lebenssituation.

 

Liebe Gemeinde, genau diese Kreuzerfahrung steht auch im Mittelpunkt des heutigen Evangeliums, das in wunderbarer Weise die Glaubenserfahrungen des Gottesvolkes zur Zeit des Mose mit der Situation zur Zeit Jesu verknüpft. Diese Kreuzerfahrung verdichtet sich in einem Satz, wenn es heißt: „Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat.“

Jesus erinnert damit an das Bild aus der Wüste: Die Israeliten haben festgesteckt in Verzweiflung und Gottverlassenheit. Die Schlangen - eine reale Bedrohung für das Leben des Einzelnen, stehen zugleich aber auch symbolisch für die Bedrohung des Gottesvolkes. In dieser Situation fertigt Mose eine kupferne Schlange an und hängt sie an einer Stange auf, um sie dem Volk zu zeigen. Wer zu der Schlange aufblickte, wurde geheilt und blieb am Leben. Was ist das? Ein Wunder, Zauberei, Magie? Ich bin sicher: Das ist nicht die Kernaussage des alttestamentlichen Textes. Nicht das Metall heilte sie und am Ende geht es gar nicht um die realen Schlangen. Heilsam für das Gottesvolk war die Neuausrichtung und Orientierung, die Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes, der das Volk aus der Enge der Verzweiflung in die Weite der Hoffnung führt, aus der Gottvergessenheit und Gottverlassenheit in die spürbare Verbindung zu Gott.

Der Evangelist Johannes, der Theologe unter den Evangelisten, der immer schon aus der Perspektive von Ostern schreibt, weist Jesus genau diese Funktion zu: Der Menschensohn am Kreuz schenkt dem Volk Gottes Neuausrichtung und Orientierung und den Ausweg aus der Gottverlassenheit. Das Kreuz Jesu ist zum Wendepunkt der Geschichte Gottes mit den Menschen geworden - durch den Tod hindurch ins unzerstörbare Leben.

Wenn wir auf das Kreuz blicken, sehen wir keinen Gott, der leidenschaftslos über den Dingen steht. Wir sehen einen Gott, der sich in den Abgrund menschlichen Leids, des Verrats und der Schuld hineinbegeben hat. Und trotz und in aller Schuld heißt es: „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.“

Wie tröstlich kann das sein: Wenn uns die Kreuzerfahrungen unseres Lebens die Sprache rauben, wenn Schuld und Aufarbeitung uns erdrücken oder wir in Krisen stecken, dürfen wir aufblicken zum Gekreuzigten. Das Kreuz Jesu Christi führt uns aus der Enge in die Weite, aus der Verzweiflung in die Hoffnung, denn das Kreuz als Wendepunkt des Glaubens sagt: Das Dunkel des Todes behält nicht das letzte Wort.

Noch einmal ein Blick in das Jahr 2023: All unsere Bemühungen können dieses entsetzliche Leid, das Mitarbeitende der Kirche Menschen angetan haben nicht ungeschehen oder gut machen. Es ist aber unsere Aufgabe und Verantwortung heute, so Kirche zu sein, dass auch Betroffene in ihr die Erfahrung machen dürfen: Das Dunkel des Todes, die Kreuzerfahrungen in ihrem Leben, behalten nicht das letzte Wort.

 

Liebe Festgemeinde, dass wir dieses Geheimnis heute so festlich feiern können, hat für die Heilig-Kreuz-Kirche hier in Bad Wimpfen eine ganz konkrete Wurzel.

Der große Gelehrte Albert der Große schenkte seinen Dominikanermitbrüdern einst die Kreuzreliquie aus seinem eigenen Brustkreuz für diese Wimpfener Kirche. Über Jahrhunderte hinweg – von den Dominikanern bis zu unserer heutigen Pfarrgemeinde – wurde diese Reliquie durch alle teilweise radikalen Veränderungen hindurch aufbewahrt.

Warum bewahren Menschen ein solches Zeichen über Generationen auf? Weil es uns immer wieder daran erinnert: Gott bleibt da. Auch wenn sich die Kirche verändert, wenn Kirchengemeinden durch Krisen gehen und Kirche und Glauben angefochten werden. Und zugleich erinnert uns die Reliquie daran: Gott bleibt da. Auch in meinem persönlichen Leben, in meinen Krisen und Kreuzerfahrungen.

Wenn wir gleich eingeladen sind – wie am Karfreitag – zur Kreuzverehrung