„Ihr Zeugnis als Ordensleute ist von unschätzbarem Wert. Danke dafür!“

Karmelfest 2026 in Mainz
Liebe Brüder des Karmeliterordens hier in Mainz,
liebe Schwestern und Brüder,
ganz herzlichen Dank, lieber Pater Josef, für die Einladung, heute das Karmelfest mit Ihnen hier in Mainz zu feiern - das Hochfest Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel, Ihr Skapulierfest. Es ist ein Fest, das durfte ich schon im letzten Jahr beim Karmelfest in Hirschhorn erleben, das zwar tief in der Ordensgeschichte verwurzelt ist, uns aber doch sehr konkret mitten hineinführt in die Fragen, Sorgen und Sehnsüchte unseres heutigen Lebens. Wenn wir in dieser wunderschönen Karmeliterkirche in Mainz zusammenkommen, dann tun wir das an einem ganz besonderen Ort: einer Oase der Stille, des Aufatmens und des Gebets mitten in der Hektik, dem Lärm und den Ansprüchen unserer Stadt. Viele Menschen aus Mainz und der Umgebung suchen diesen Ort immer wieder auf, weil sie hier durch die besondere Spiritualität der Karmeliter Kraft und Gemeinschaft erleben. Dazu möchte ich zunächst einmal Ihnen, liebe Brüder des Karmeliterordens von Herzen danken - für Ihr Lebens- und Glaubenszeugnis hier an diesem Ort.
Und ich greife gerne den Gedanken auf, das mit Ihnen zu teilen, was ich von der Spiritualität der Karmeliter verstanden habe.
Auch in diesem Jahr war ich mit meiner Familie im Urlaub wieder in Spanien, weit im Süden, in Andalusien. Die Familie meines Mannes lebt dort. Wir sind gerade erst am Mittwoch zurückgekommen. Es ist eine immer wieder faszinierende Landschaft, Steppe und karge Berge von einer ganz eigenen Schönheit, besonders im Sommer aber auch von der gnadenlos heißen Sonne gezeichnet. Genau dort haben wir in diesem Jahr erstmals eine existenzielle Bedrohung unserer Tage hautnah und erschreckend miterlebt: verheerende Waldbrände. Sie haben es vielleicht in den Nachrichten verfolgt.
Wir konnten beobachten, wie die scheinbar unerschütterlichen, jahrtausendealten Berge plötzlich lichterloh in Flammen standen. Das Feuer war kein Teil der Nachrichten mehr, sondern eine unmittelbar spürbare Naturgewalt. Angetrieben vom Wind fraß es sich in einer unglaublichen Geschwindigkeit durch die vertrocknete Vegetation. Die Flammen kamen bedrohlich näher - bis auf 15 km Luftlinie, man konnte den Rauch riechen und die Löschhubschrauber hören, die unermüdlich immer wieder Wasser über den Flammen abgelassen haben. Menschen sind gestorben und haben ihre Häuser verloren. Für uns ist - Gott sei Dank - alles gut gegangen. Nach einer kritischen und unruhigen Nacht konnte das Feuer schließlich unter Kontrolle gebracht werden, sodass uns eine Evakuierung erspart blieb. Was aber blieb, war ein ganz eindrückliches Gefühl: Gegen diese Flammen sind wir Menschen klein, verletzlich und schutzlos.
In dieser Region Andalusiens gibt es weite Entfernungen zwischen den einzelnen Dörfern. Die Straßen durch diese raue Gegend sind oft beschwerlich, unwegsam und im Fall einer Panne nicht ungefährlich. Viele LKW sind auf den Straßen unterwegs und stellen die Versorgung sicher. Ein Detail ist mir in diesem Jahr besonders aufgefallen: Auf den Fahrertüren vieler Lastwagen sieht man eine Abbildung der Gottesmutter Maria.
Die Fahrer, die diese schweren LKW Tag und Nacht steuern, sind vermutlich nicht alle tiefreligiös und jeden Sonntag in der Kirche. Aber es sind Menschen, die ein intuitives Gespür für die Realität des Lebens haben. Sie wissen ganz genau, wie zerbrechlich das Leben auf der Straße ist. Sie wissen, dass die Umgebung, in der sie unterwegs sind, Risiken birgt – sei es die Hitze, der Sekundenschlaf oder eben das plötzliche Feuer in den Bergen. Sie sind sich ihrer eigenen Schutzbedürftigkeit bewusst. Und weil sie darum wissen, stellen sie sich ganz bewusst unter den Schutzmantel Mariens. Sie sehen in Maria eine Begleiterin für ihre gefährlichen Wege.
Dieses Bild führt uns direkt zum Kern des heutigen Evangeliums. Die Begegnung zwischen Jesus, Maria und Johannes unter dem Kreuz wirkt erst einmal befremdlich, unnahbar und distanziert. Als Mutter habe ich mich schon gefragt: Wie redet Jesus da eigentlich mit seiner Mutter. Es lohnt sich, diese Szene in einem größeren Kontext zu hören. Wer ist Maria eigentlich in den Evangelien: Nicht die erhabene Himmelskönigin, die über den Dingen steht. Wir sehen eine Frau, die die Gefahren, die Unsicherheiten und die existentielle Schutzbedürftigkeit des Lebens aus eigener Erfahrung zutiefst kannte. Ihr Weg war von Anfang an beschwerlich, bedroht von politischer Willkür, geprägt von der Flucht nach Ägypten in die Fremde, bis hin zu eben jenem dunkelsten Moment unter dem Kreuz ihres Sohnes.
Das Evangelium zeigt uns Maria als diejenige, die das Wort Gottes immer wieder nicht nur flüchtig hört, sondern es in ihrem Herzen bewahrt, es bewegt und ihm Raum gibt. Sie ist die ganz Hörende, die ganz Empfangende. Und genau aus dieser Haltung heraus kann sie zur Zuflucht für uns werden. Weil sie durch ihr Ja zu Gottes Plan in sich selbst den Raum geschaffen hat, in dem Gott Mensch werden konnte, weiß sie, was es bedeutet, das Göttliche mitten in einer bedrohlichen Welt zu bergen. Und Jesus - er leitet daraus ein Verständnis von Mutterschaft ab, das weit über die individuelle Beziehung zwischen ihm und seiner Mutter Maria hinausgeht.
Wenn die Lastwagenfahrer in Andalusien ein Bild der Gottesmutter auf die Wagentür kleben, dann vollziehen sie – vielleicht unbewusst – genau das, was das Evangelium nahelegt: Sie holen Maria ganz konkret in ihren Alltag, in ihren Beruf, in ihre Gefahrenzonen, weil Maria weiß, was es bedeutet, das Göttliche mitten in einer bedrohlichen Welt zu bergen.
Um verdorrte Berge und die Sehnsucht nach Rettung geht es auch in der ersten Lesung aus dem Buch der Könige. Die Szene führt uns auf die Höhe des Karmel, einen Gebirgszug im Norden Israels, der für den Propheten Elija, der im 9. Jahrhundert vor Christus lebte, zu einem wichtigen und prägenden Ort wurde. Das Wort „Karmel“ bedeutete im Hebräischen ursprünglich etwas ganz Konkretes: „Baumgarten“ oder „fruchtbarer Garten“. In der Bibel ist der Karmel das Symbol schlechthin für Schönheit, für überfließendes Grün, für die Lebensfülle, die von Gott kommt.
Doch als Elija in unserer heutigen Lesung diesen Berg besteigt, bietet sich ein völlig entgegengesetztes Bild. Trockenheit und Dürre und daraus resultierend eine große Hungersnot. Und ganz in der Systematik von Tun und Ergehen, wie wir sie im Alten Testament immer wieder finden, ist diese Dürre eine Folge der Taten der Menschen - konkret eine Folge davon, dass König Ahas und das Volk Israel sich von Gott abgewandt und dem Baalskult zugewandt hatten. Der „Baumgarten“ war zur Wüste geworden. Genau wie die brennenden Berge in Spanien schrie dieses Land nach Kühlung, nach Wasser, nach Leben.
In dieser absoluten Notsituation betet Elija inständig. Er sucht die Höhe des Berges, kauert sich auf dem Boden nieder und legt den Kopf zwischen die Knie, eine Haltung der totalen Demut, eine Geste des radikalen Vertrauens. Siebenmal schickt er seinen Diener los, um auf das Meer zu schauen. Sechsmal kehrt der Diener mit der ernüchternden Nachricht zurück: „Es ist nichts zu sehen.“ Nichts als flirrende Hitze und wolkenloser Himmel. Erst beim siebten Mal meldet der Diener endlich: „Eine Wolke, klein wie eine Menschenhand, steigt aus dem Meer herauf.“ Und kurz darauf kommt endlich der ersehnte Regen, der die Dürre beendet und Leben bringt.
In der Tradition des Karmeliterordens wurde diese kleine Wolke, die die Rettung bringt, immer als ein prophetisches Bild für Maria verstanden. Maria, die dafür steht, dass Gott aus dem kleinsten Zeichen der Hoffnung unendlichen Segen wachsen lassen kann.
Zeichen der Hoffnung, die zum Segen werden, das brauchen wir heute in ganz vielfältiger Weise.
Am Freitag hatte ich die besondere Gelegenheit Pater Bruno Silvestrini kennenzulernen. Er ist der Sakristan der päpstlichen Kapellen und der Prior der Augustinerkommunität im Vatikan, mit denen der Papst wann immer es ihm möglich ist zu Mittag isst und Gebetszeiten teilt. „Er bleibt doch Augustiner - daran ändert auch seine Wahl zum Papst nichts!“, sagt Pater Bruno und ist überzeugt, dass die spirituellen Wurzeln des Ordens für den Dienst des Papstes entscheidend sind. Die Herausforderungen in der Weltkirche brauchen ein Fundament, das tiefer gründet als bloße Diplomatie, Strategie oder Verwaltung. Ich würde sagen, gerade von da aus braucht es Zeichen der Hoffnung, die zum Segen werden.
Sie, liebe Karmeliter, sind heute hier in Mainz solche Zeichengeber. Mit ihrer Präsenz, Ihrer Spiritualität, Ihrem Glaubenszeugnis geben Sie Zeichen der Hoffnung, aus denen Segen wächst. Zeichen der Hoffnung, die dabei helfen können, in den Stürmen, den Dürren und Feuern unserer heutigen Zeit nicht zu verzweifeln, den Glauben nicht zu verlieren.
Ihr Zeugnis als Ordensleute ist dabei von unschätzbarem Wert. Danke dafür!
Die Menschen, die diesen Ort regelmäßig aufsuchen, die in Ihre Gottesdienste oder zur Beichte kommen, die das seelsorgliche Gespräch suchen, kommen ja meistens nicht ohne Grund. Sie schätzen die Gemeinschaft mit Ihnen, bringen aber oft auch ihre ganz eigenen, manchmal unsichtbaren „Brände“ und „Dürren“ mit: tiefe Lebenskrisen, Erkrankungen, Einsamkeit kurz: die Erfahrung der Zerbrechlichkeit des Lebens. Hier finden sie einen Ort für ihre ganz konkreten Fragen, Sorgen und Sehnsüchte.
Mein ganz persönlicher, herzlicher Wunsch für Sie hier in der Mainzer Kommunität ist es, dass Ihre spirituellen Wurzeln, Ihr besonderes Ordenscharisma Ihnen jeden Tag neu die Kraft für Ihren täglichen Dienst schenkt. Möge Ihre Gemeinschaft diesen Ort weiterhin als eine Oase, einen „fruchtbaren Garten“ mitten in unserer oft so hektischen, lauten und aufgeheizten Stadt und Lebenswelt gestalten.
Ein Ort, an dem die ganze Pracht und Schönheit der Liebe Gottes zu uns Menschen erfahrbar wird, ein Ort, an dem Zeichen der Hoffnung zum Segen werden.
Amen.