„Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht.“

Wallfahrtsgottesdienst Dieburg - Mariä Geburt | 8. September 2026 am Außenaltar der Gnadenkapelle
Lesung: Röm 8,28–30 | Evangelium: Mt 1,18–23
„Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht.“ (Röm 8,28)
Liebe Schwestern und Brüder, liebe Wallfahrerinnen und Wallfahrer,
wenn man an einem strahlenden Spätsommermorgen wie diesem am Außenaltar dieser historischen Gnadenkapelle zusammenkommt, fällt es leicht, diesen berühmten Satz des Apostels Paulus aus dem Römerbrief anzunehmen und ihm zuzustimmen: „Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht.“
Es klingt nach einer wunderbaren Zusage. Wie wenn man Bilanz zieht nach einem gelungenen Lebenskapitel. Und doch – wenn wir ehrlich sind – hat dieser Satz auch etwas sehr Herausforderndes, fast Provokantes.
Was ist denn in den Momenten, in denen unser Leben aus den Fugen gerät? Wenn Diagnosen ein Leben erschüttern, wenn Beziehungen zerbrechen, wenn wir von einem geliebten Menschen Abschied nehmen müssen oder uns die Sorge um die Zukunft den Schlaf raubt. Ich weiß nicht, was Sie heute in diesen Gottesdienst alles mitbringen. Ich weiß nur: Jedes einzigartige Leben enthält viele solcher Momente, die nicht gut sind. In diesen Momenten kann dieser Satz mindestens mal irritierend vertröstend klingen. Bedeutet er nicht so viel wie: Es wird schon alles gut, du musst nur richtig glauben? Ist das nicht eine fromme Floskel, die den Schmerz nicht ernst nimmt. Und verleitet er nicht dazu, zu denken: Wenn es mir schlecht geht, habe ich Gott nicht genug geliebt.
Was also anfangen, mit einem solchen Satz in der Heiligen Schrift?
Bemerkenswert ist ja auch: Paulus schreibt „Wir wissen (!), dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht.“ Nicht glauben, nicht hoffen, wissen! Mir hilft, zu wissen: Paulus schreibt diesen Satz nicht aus einer gemütlichen Wohlfühlecke heraus an die Gemeinde in Rom, sondern als einer, der Verfolgung, Anfechtung und Existenznot kennt, weil er sie erlebt hat. Er schreibt ihn als einer, der die Tiefen des Lebens und des Glaubens kennt. Wie also kann dieser Satz zu einer echten, tragfähigen Lebenserfahrung werden – und nicht zu einer bloßen Floskel? Vielleicht ist das eine geistliche Lebensaufgabe.
Wenn ich auf mein eigenes Leben zurückblicke, dann stelle ich fest: Paulus hat recht. Aber oft kann ich erst im Rückblick diese Haltung einnehmen. Wenn ich durch die Täler meines Lebens gehe, fühlt sich gar nichts nach „gut“ an. Da ist Dunkelheit, da ist Verunsicherung, da ist Angst. Und doch darf ich heute, nach vielen Jahren, sagen: Es wurde gut. Nicht immer so, wie ich es mir damals gewünscht oder geplant hatte. Nicht ohne Schmerzen und Narben. Aber im Rückblick erkenne ich Spuren einer Führung. Ich sehe, dass Gott selbst in den schwierigsten Situationen an meiner Seite war und mich getragen und weitergeführt hat – durch Menschen, durch Wendungen, durch die Fähigkeit, die Dinge anzunehmen. Daraus wächst ein solches Zutrauen.
Als Mutter bewegt mich dieses Zutrauen zurzeit auf ganz besondere Weise. Meine älteste Tochter steht kurz davor, unser Haus zu verlassen. Sie zieht in eine andere Stadt, um ihr Studium zu beginnen. Als sie damals auf die Welt kam, hat mein Mann – er ist ITler - von einer „wireless Nabelschnur“ gesprochen. Er hat damit diese ganz besondere Verbindung gemeint, die Mütter mit ihren Kindern haben – ein Band aus Hoffen und Sorgen, aus Mitfiebern und Bangen. Väter stehen da manchmal staunend daneben. Und genau diese „wireless Nabelschnur“ ist jetzt gefragt. Denn Loslassen gehört zum Elternsein dazu, so schwer es fällt.
Wenn man sein Kind beim Planen und Packen beobachtet, sind da tausend Gedanken: Wird sie sich zurechtfinden? Was passiert, wenn sie Scheitern oder Einsamkeit erlebt oder schwere Entscheidungen anstehen? Ich bin nicht mehr so nah dran - räumlich.
Was ich ihr aber mit auf den Weg geben kann – und was wir unseren Kindern überhaupt mitgeben können –, ist dieses tiefe Zutrauen: Geh deinen Weg! Sei mutig! Du wirst auf Hindernisse stoßen, du wirst Zweifel kennenlernen, und manches wird anders kommen als geplant. Aber du bist nie allein. Vertraue darauf, dass Gott auch aus den Umwegen deines Lebens etwas Großes machen kann. Dass am Ende alles zum Guten gereicht.
In diesem Erleben fühle ich mich Maria sehr nahe – der Mutter Jesu. Ich glaube, dass sie meine Gedanken in ihrem Leben auch gekannt hat. Wir feiern heute das Fest Mariä Geburt. Wir schauen auf das Mädchen aus Nazaret, dessen Lebensweg die Welt verändert hat. Doch das Evangelium des heutigen Tages zeigt Maria zuerst einmal in einer echten Krise.
Maria ist schwanger – nicht von Josef. Nach den damaligen gesellschaftlichen und religiösen Gesetzen bedeutete dies das soziale Todesurteil, wenn nicht sogar die reale Steinigung. Josef wie Maria auch stehen vor den Trümmern ihrer Zukunft. Alles steht auf dem Spiel: Ehre, Zukunft, Sicherheit, das geplante gemeinsame Leben. Es gibt in diesem Moment menschlich gesehen keinen „guten“ Ausweg.
Josef kämpft innerlich damit. Aber er ringt sich dazu durch, annehmen zu können, dass Gott mit den Menschen eigene Wege geht. Josef hört im Traum den Engel Gottes: „Fürchte dich nicht!“ Und vielleicht fasst er auch Zutrauen aus dem entschiedenen „Ja“ Marias, das sie dem Engel mitgegeben hat: „Mir geschehe nach deinem Wort“.
Josef und Maria entscheiden sich gegen die Angst. Sie entscheiden sich für das Vertrauen. Sie wagen den Schritt ins Ungewisse, weil sie glauben, dass Gott selbst aus einer völlig verkorksten, unmöglichen Situation Heil wirken kann. Sie wissen damals noch nicht, wie die Geschichte ausgehen wird. Sie kennen die Flucht nach Ägypten nicht, nicht die Armut des Stalles von Betlehem und erst recht nicht den Weg nach Golgotha. Aber sie geben Gott ihr Ja-Wort. Sie lassen zu, dass Gott durch ihre Verunsicherung hindurch und mit ihnen etwas völlig Neues schafft: Den Immanuel – den Gott mit uns.
Liebe Wallfahrerinnen und Wallfahrer, Sie alle sind heute an diesen heiligen Ort gekommen, zur Gnadenkapelle in Dieburg. Seit Jahrhunderten kommen Menschen hierher. Sie kommen nicht, weil hier ein Ort sorgloser Fröhlichkeit wäre, sondern weil hier das Bild der schmerzhaften Muttergottes steht – die Dieburger Pietà.
Hier sitzt Maria, nicht als junge Mutter mit dem Neugeborenen auf dem Schoß, sondern als vom Schmerz gezeichnete Frau, die den leblosen Körper ihres hingerichteten Sohnes im Schoß hält. Wie brutal ist hier die Realität der „wireless Nabelschnur“ dargestellt: Die unsichtbare Schnur, die Mutter und Kind verbindet, reißt nicht ab – nicht im tiefsten Schmerz, nicht beim Abschied am Kreuz. Maria konnte ihren Sohn vor dem Leiden nicht behüten. Sie musste ihn gehen lassen, musste ertragen, wie er sein Leben hingab. Eine größere Zumutung kann es im Leben nicht geben, als wenn eine Mutter ihr Kind sterben sieht.
Ist das Kreuz nicht das Zeichen, dass alles gescheitert ist, dass nichts gut ist? Das Reich Gottes, die Hoffnung der Jünger, das Leben Jesu – gescheitert. Wenn es einen Ort gibt, an dem der Satz „Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht“ absurd ist, dann unter dem Kreuz.
Die Pietà in Dieburg steht in einer Gnadenkapelle. Warum? Weil die Geschichte unter dem Kreuz eben nicht aufhört. Maria hält ihren toten Sohn, aber sie hält auch am Glauben fest. Sie wird zur Patronin all jener, die ihren Schmerz nicht mehr tragen können. Sie wird zur Schutzheiligen, für die, die vor den großen Nöten des Lebens stehen. Und Menschen, die sich in ihrer Not gesehen fühlen, können das als Gnade erleben. Hier ist ein solcher Ort, der dafür steht. In der Pietà verdichtet sich Leben: Gott erspart uns das Leiden nicht. Er erspart uns nicht die Enttäuschungen, nicht die Abschiede, nicht einmal den Tod. Aber er ist als Immanuel – als Gott mit uns an unserer Seite. So kann sich der Schmerz verwandeln und das Kreuz hat nicht das letzte Wort.
Wenn wir am Fest Mariä Geburt auf die Pietà schauen, dann sind das zwei Geschichten, die eng miteinander zusammenhängen. Sie bringt den Immanuel, den Gott mit uns zur Welt, der vor ihren Augen stirbt, aber auch den Tod überwindet.
Wir feiern diesen Gottesdienst heute am Außenaltar, sichtbar, hörbar, mitten im Leben einer Stadt – als Zeichen in diese Welt. Damit geben wir ein Zeugnis.
„Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht.“
Wir geben ein Zeugnis dafür, dass dieser Satz ein tiefes Vertrauen braucht.
Mir hilft manchmal das Erinnern an die dunklen Stunden meines Lebens, die ich überstanden haben. Und manchmal auch das Erkennen, dass Gott mich getragen hat, auch wenn ich es in dem Moment nicht gespürt habe.
Vielleicht können solche Erfahrungen zum Fundament für Vertrauen werden. Zum Vertrauen, wenn ich loslassen muss, wenn ich Veränderungen entgegensehe, deren Ausgang ich noch nicht kenne oder wenn ich mich sorge, wenn ich nicht weiß, wie es weitergeht. Der Immanuel, der Gott mit uns ist schon da, wo wir erst noch hinmüssen.
Liebe Festgemeinde, Wallfahrten gehen in der Regel an Orte, von denen Zuversicht ausgeht. Wenn Sie heute von hier nach Hause gehen, zu Ihren Familien, an Ihre Arbeitsplätze, in Ihre Sorgen oder in Ihre Neuanfänge, dann nehmen Sie das Versprechen mit, das über dem Leben Marias steht und uns allen gilt:
„Siehe: Die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und sie werden im den Namen Immánuel geben, das heißt übersetzt: Gott mit uns.“
Amen.