Interview mit Marianne Heimbach Steins zu Ketteler und zum Wirtschafts- und Sozialwort der Kirchen

Datum:
Sa. 12. Dez. 1998
Von:
MBN

Bischof Ketteler wäre auch heute ein Pionier 

1848 hielt Wilhelm Emmanuel von Ketteler, späterer Bischof von Mainz, im Dom seine berühmten Adventspredigten, in denen es zum ersten Mal in der Kirche um die großen sozialen Fragen der damaligen Zeit ging. 1998 greift eine Predigtreihe im Mainzer Dom dieses Jubiläum auf. Beate Hirt fragte die Predigerin des zweiten Adventssonntages, Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins, Sozialethikerin an der Universität Bamberg, nach den Unterschieden und Kontinuitäten der Sozialverkündigung damals und heute, nach dem "Gemeinsamen Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage" und nach dem Memorandum "Mehr Beteiligungsgerechtigkeit".

"Die Zeit, in der wir leben, genau erkennen", ist das Leitmotiv einer der berühmten Ketteler-Adventspredigten 1848, das Sie in Ihrer Predigt im Mainzer Dom aufgreifen. Was bedeutet dieses Motto damals und heute?

Marianne Heimbach Steins: Zunächst bedeutet dieses Motto, daß es zum Christsein, zum Kirchesein dazugehört, sich nicht in ein Ghetto zurückzuziehen und die "böse Welt" außen vor zu lassen, sondern daß Einmischung in die Zeitverhältnisse, Gesellschaftsgestaltung, eine Aufgabe ist, der sich Kirche nicht entziehen darf. Sich dies bewußt zu machen, ist vielleicht heute besonders wichtig, wo wir in der Kirche unter wachsendem Spardruck über eine Konzentration unserer Aufgaben nachdenken müssen. Aber eine solche Konzentration darf nie auf Kosten der gesellschaftlichen Präsenz von Kirche gehen, das führt das Ketteler-Motto sehr deutlich vor Augen. Es trifft sich auch sehr gut mit dem Leitmotiv des Zweiten Vatikanischen Konzils von der Aufgabe der Kirche, die "Zeichen der Zeit zu erkennen und im Licht des Evangeliums zu deuten". Auch hier wird betont: Das Evangelium zu leben, hat etwas damit zu tun, die Zeit zu analysieren und die Gegenwart zu befragen auf die Herausforderungen, die sie für die Glaubenspraxis bereithält.

"Soziale Frage" ist das Stichwort, das sich mit Bischof Ketteler verbindet. Gibt es also auch heute noch eine solche "soziale Frage"?

Heimbach Steins: Selbstverständlich. Es gibt heute so wie damals eine soziale Frage. Sie ist gegenüber dem, was man Mitte des 19.Jahrhunderts darunter verstand, sogar noch gewachsen und komplexer geworden. Unsere soziale Frage heute hängt sicher ganz wesentlich mit der strukturellen Massenarbeitslosigkeit in unserer Gesellschaft zusammen. Sie ist außerdem aber zugleich zu einer weltweiten Frage geworden. Das hat Ketteler sicherlich noch nicht so im Auge haben können und müssen wie wir heute: Die soziale Frage ist eben nicht mehr nur eine Frage unserer Gesellschaft, eine Frage der industrialisierten Gesellschaften Europas. Sie muß immer im weltweiten Horizont gestellt werden: Wir dürfen unsere Probleme nicht auf Kosten der anderen Teile der Welt lösen. Und noch ein weiterer Punkt: Die soziale Frage erkennen wir heute als vernetzt mit der ökologischen Frage und mit der Friedensfrage. Nicht umsonst hat Johannes Paul II. in seiner Sozialenzyklika von 1987 ganz deutlich gesagt, daß Entwicklung zusammenhängt mit Frieden und daß Entwicklung der Schlüssel zum Frieden ist. Das ist ein Stück gewandelter "sozialer Frage" am ausgehenden 20.Jahrhundert.

Die Kirchen in Deutschland haben sich dieser "sozialen Frage" in den letzten Jahren verstärkt zugewandt. Ihr "Gemeinsame Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage" hat 1997 großes Echo hervorgerufen. Sie waren an der Entstehung des Papiers beteiligt. Welche Bedeutung hat dieses Papier und sein Entstehungsprozeß für Sie?

Heimbach Steins: Ein entscheidend wichtiger Punkt beim Gemeinsamen Wort und der Geschichte seiner Entstehung im Konsultationsprozeß ist für mich, daß sich hier eine neue Form kirchlicher Sozialverkündigung abzeichnet, eine "suchende Verkündigung", wie das Friedhelm Hengsbach nannte. Es ist eine Verkündigung, die im Dialog entwickelt wird mit allen Mitgliedern der Gesellschaft, die dazu bereit sind, und mit denen, die die Basis der Kirche bilden. Dies ist etwas wirklich Neues, aus dem auch eine neue Aufmerksamkeit entsteht, die nicht so schnell verebbt wie etwa bei einem traditionellen Wahlhirtenbrief. Trotz seiner manchmal schwierigen Geschichte und Vermittlung hat dies das "Gemeinsame Wort" deutlich gezeigt. Der Erfolg einer solchen Initiative ist natürlich schwer zu messen, aber ich glaube, wir gehen in die Irre, wenn wir ihn lediglich an unmittelbaren politischen Auswirkungen festmachen wollen, wenn für uns nur zählt, ob sich dies oder jenes ganz konkret in der Politik verändert hat. Die Kirche macht eben nicht unmittelbar Politik im Sinne der staatlichen Akteure. Passiert ist aber etwas: In den Gemeinden, in den Verbänden ist das Bewußtsein für die politische Mitverantwortung gewachsen. Und die Kirchen werden wieder mehr gefragt und aufgefordert, sich in gesellschaftliche und politische Fragen einzumischen.

Dieses gewandelte Bewußtsein und diese neue Aufmerksamkeit sind sicher ein "nachhaltiger Erfolg" des Gemeinsamen Wortes.

Sie haben nicht nur bei der Entstehung des "Gemeinsamen Wortes" mitgewirkt, Sie sind auch Mitautorin des kürzlich erschienenen Memorandum "Mehr Beteiligungsgerechtigkeit". Diese "neun Gebote" haben geteiltes Echo hervorgerufen und werden zum Teil heftiger Kritik unterzogen, gerade von einzelnen und Verbänden in der Kirche. Dem Papier wird vorgeworfen, es entferne sich von den Thesen des Gemeinsamen Wortes. Prof. Friedhelm Hengsbach schrieb jüngst in dieser Zeitung sogar, das Kirchenwort werde darin "auf den Kopf gestellt". Wie würden Sie das Verhältnis der beiden Texte bestimmen?

Heimbach Steins: Für mich ist es ein tiefgreifendes Mißverständnis zu behaupten, das Memorandum "Mehr Beteiligungsgerechtigkeit"stelle das "Gemeinsame Wort" auf den Kopf oder sei ein Rückschritt hinter dieses Papier. Weder die harte Kritik an der Art und Weise der Entstehung noch die an den Inhalten halte ich im Kern für gerechtfertigt. Das "Gemeinsame Wort" wollte ja kein letztes Wort sein, sondern wiederum in einen weiteren Dialog überführt werden. Es wollte zu weiterer Suche nach konkreten Schritten zur Verbesserung der gesellschaftlichen Situation ermuntern. Das Memorandum knüpft genau daran an: Es möchte an einem, ganz konkreten thematischen Punkt das "Gemeinsame Wort" fortschreiben. Daß dabei z.T. etwas andere Akzente gesetzt werden, ist sicherlich richtig, aber wohl auch legitim.

Zur Entstehung: Das Memorandum ist aus den Beratungen einer sehr unterschiedlich besetzten Expertengruppe hervorgegangen, ist quasi also auch Produkt einer Konsultation. Es ist kein Papier der Bischofskonferenz, auch kein bischöfliches Kommissionspapier, sondern lediglich von der Kommission VI der Bischofskonferenz angeregt und von deren Vorsitzendem, Bischof Homeyer, mitverantwortet. Wenn es in Kommentaren also immer wieder heißt, es sei ein Papier der Bischöfe, ist das einfach nicht richtig.

Diese beauftragte Expertengruppe aus Vertretern der Ökonomie, der Sozialpolitik, der Sozialethik, der Bildungspolitik - auch Vertreter der Tarifsvertragsparteien waren im Entstehungsprozeß dabei - hat nun versucht, von einer ethischen Leitlinie ausgehend, eine Schneise zu schlagen in das eine spezielle Problemfeld "Beschäftigung erweitern, Arbeitslose integrieren, Zukunft sichern!". Dieser Maßstab heißt: Beteiligungsgerechtigkeit. Wenn jetzt manche Kommentaroren bemängeln, es gehe nur um Beteiligungsgerechtigkeit, führt das etwas in die Irre: Beteiligungsgerechtigkeit meint eine sehr wichtige ethische Maxime, die übrigens schon im "Gemeinsamen Wort" zu finden ist und ein bestimmtes Verständnis von Gerechtigkeit konkretisieren will. Im Unterschied zur "Verteilungsgerechtigkeit" geht es vor allem darum, die Fähigkeit des Menschen zur Eigenverantwortung ernst zu nehmen und zu fördern. Ausgewogenheit zwischen dieser Eigenverantwortung auf der einen Seite und dem solidarischem Ausgleich auf der anderen Seite ist im Sinne des christlichen Menschenverständnisses. Allerdings sind wir gesellschaftlich gerade in einer Phase, in der das Reden von Eigenverantwortung fast unmöglich geworden ist, weil es sehr vereinnahmt wurde von ganz bestimmten politischen Interessengruppen. Es ist daher schwierig, "Beteiligung" so ins Wort zu bringen, daß man keine Mißverständnisse produziert. Hier liegen sicher Schwierigkeiten in der Rezeption des Memorandums.

"Auf die Füße stellen" müsse man das Gemeinsame Wort, so sagte es vor einigen Wochen Bischof Kamphaus, ihm "Hand und Fuß geben". Wie können die Forderungen des Gemeinsamen Wortes Wirklichkeit werden, was ist dafür konkret zu tun?

Heimbach Steins: Es geht nur, indem die Fragestellungen und die Perspektiven, die das "Gemeinsame Wort" angedacht und thematisiert hat, nun von den verschiedensten kirchlichen Akteuren und Gruppen aufgenommen werden. Auf allen Ebenen - in den Pfarrgemeinden, Verbänden, Kommissionen usw. - muß daran weitergearbeitet werden. Das heißt durchaus auch, daß weiterdiskutiert wird über die Impulse, die in den konkreten Kapiteln 5 und 6 des Wortes gegeben werden. Ich sehe dazu auch gute Ansätze; das Memorandum ist eine, die Verbändeinitative eine andere, und das ist lange nicht alles.

Eine weitere wichtige Linie der Fortführung: Es gilt, die innerkirchlichen Herausforderungen, wie sie im 6.Kapitel genannt werden, verstärkt aufzunehmen. Wie also können wir die ethischen Orientierungen auch im eigenen Bereich umsetzen, wie kann unsere Institution wenigstens in der ein oder anderen Hinsicht Modellcharakter für gesellschaftliche Entwicklungen gewinnen? Natürlich ist dies vor allem auch eine Frage der Glaubwürdigkeit kirchlichen Sprechens in die Gesellschaft hinein.

Wie kann solche Umsetzung der Kriterien des "Gemeinsamen Wortes" in der Kirche selbst aussehen? Was bedeutet das etwa auch für die "Arbeitgeberin" Kirche?

Heimbach Steins: Die Kirchen haben sich dazu verpflichtet, gerade unter dem wachsenden Spardruck nach kreativen Modellen zu suchen - jenseits des Modells Entlassung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Einige Diözesen gehen, soweit ich informiert bin, etwa den Weg einer Staffelung bestimmter Zulagen im Sinne der Solidarität der Besserverdienenden, z.B. im Umgang mit dem Weihnachtsgeld. Auch innovative Teilzeitlösungen zugunsten der Sicherung von Arbeitsplätzen werden, wenn auch noch sehr vorsichtig, geschaffen. Ich denke, in diese Richtung muß Kirche weitergehen, sie muß gegebenenfalls auch noch einmal ihr eigenes Dienstrecht durchforsten, um Innovatives zu ermöglichen.

Wie stark soll sich Ihrer Meinung nach Kirche überhaupt ins "politische Geschäft" einmischen? Sollte sie sich etwa an den Gesprächen für ein Bündnis für Arbeit beteiligen?

Was würden Sie denen sagen, die meinen, Kirche solle sich besser aus der Politik heraushalten und sich auf Themen wie etwa die Glaubenskrise und die Frage nach Gott konzentrieren?

Heimbach Steins: Was das Bündnis für Arbeit angeht: Aufgabe der Kirche in einer solchen gesellschaftlichen Debatte ist es, ethische Orientierung anzbieten, aber nicht selbst Partei zu sein. Das Bündnis für Arbeit ist zunächst einmal ein Verständigungsversuch zwischen den in Deutschland für diese Fragen zuständigen Tarifvertragsparteien und dem Staat, der die Rahmenrichtlinien setzen muß. Mit diesen Bündnisparteien soll Kirche das Gespräch suchen und über ethische Grundorientierungen und Richtungshinweise diskutieren. Genau das etwa ist ja auch ein Sinn des Beteiligungs-Memorandums: Vorarbeit zu leisten im Sinne von Gesprächsangebot und Orientierungshilfe.

Und warum muß Kirche überhaupt politisch werden? Ich mache es noch einmal deutlich am Stichwort Gerechtigkeit. Wenn wir Gerechtigkeit als einen theologischen Begriff, einen biblischen Begriff verstehen, dann wird sehr deutlich, daß die Verkündigung des Glaubens und der Einsatz für Gerechtigkeit unmittelbar zusammenhängen, das haben die Bischöfe der Welt schon 1971 auf ihrer Synode gesagt.. Die Verkündigung des Glaubens und der Einsatz für bessere Lebensbedingungen der Menschen auf dieser Erde, diese beiden Dinge darf man nicht auseinanderdividieren, sonst hängt der Glaube in der Luft.

Bischof Ketteler hat sich im Laufe seines Lebens in seinen Urteilen und Ansichten auch gewandelt, die Zeit immer wieder neu analysiert. Was, würden Sie vermuten, wären heute seine Hauptanliegen, was würde er vielleicht an Appellen für uns heute bereithaben?

Heimbach Steins: Wenn ich vor Augen habe, daß Ketteler von 1848 bis zu seinem Tod um die Rolle und Verantwortung des Staates zur Lösung der sozialen Frage gerungen hat, dann glaube ich, daß er uns heute neu auf die schwierige Verhältnisbestimmung der einzelnen Verantwortungsträger für die Gestaltung gerechterer Verhältnisse stoßen würde: des einzelnen, des Staates und der Gesellschaft. Sicher wäre dabei auch die Frage nach der Rolle der Kirche für ihn wichtig. Er könnte sich wohl gerade unter diesem Aspekt ganz gut identifizieren mit der Entwicklungslinie, die das "Gemeinsame Wort" gezeichnet hat.

Aber noch etwas zweites: Ketteler gehört ja zu denen, die im Grunde, ohne es so zu betiteln, schon in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts die "sozialen Menschenrechte" stark gemacht haben, indem er deutlich gesagt hat: Die individuellen Freiheitsrechte sind Makulatur, solange die Leute nicht genug zu essen haben. Wenn wir das übertragen auf die heutige Herausforderung, dann führt das konsequent zur Entdeckung der Menschenrechte der dritten Generation: Recht auf Entwicklung, Recht auf Frieden, Recht auf eine intakte Umwelt usw. Das heißt: Ketteler würde uns heute wahrscheinlich ganz eindringlich verweisen auf die lokale und zeitliche Entgrenzung der Gerechtigkeitsverpflichtung, auf ihre globale Dimension, auf die Mitverantwortung für die nachfolgenden Generationen, er würde nicht mehr trennen zwischen sozialer Frage, ökologischer Frage und ökonomischer Frage. Die Fragen, die uns heute bewegen: Ich vermute, Ketteler wäre, lebte er in der zweiten Hälfte unseres Jahrhudnerts, ein Pionier eben dieser Fragen - so wie er damals ein Pionier der Entdeckung der sozialen Menschenrechte gewesen ist.

(Interview für die Kirchenzeitung des Bistums Mainz "Glaube und Leben"; 
dort, leicht gekürzt, erschienen in der Ausgabe Nr.50/1998, S.16/17)