Mainz. Die alten Kirchenbücher gehören zu den wertvollsten Beständen der kirchlichen Archive – und zu den Archivalien, die am häufigsten nachgefragt werden. Sie geben Auskunft über die Taufen, Heiraten und Sterbefälle in den Pfarreien, lange bevor die staatlichen Personenstandsregister einsetzen. Familienforscher und -forscherinnen, die länger zurückblicken möchten, sind daher auf die Kirchenbücher angewiesen, und auch für die kirchen-, sozial- und kulturgeschichtliche Forschung stellen die „Matrikeln“ eine zentrale Quelle dar. Das Bistum Mainz erleichtert jetzt den Zugang und stellt die älteren Kirchenbücher sukzessive ins Netz.
Der Mainzer Generalvikar Dr. Sebastian Lang hat am Dienstagnachmittag, 9. Juni, das neue digitale Dienstleistungsangebot des Mainzer Dom- und Diözesanarchivs eröffnet und symbolisch die Kirchenbücher der Pfarrei Abenheim St. Bonifatius freigeschaltet – die ersten der 100 Kirchenbücher, die nach Ortsnamen geordnet nun auf dem Fachportal Matricula online zugänglich sind. Der Zugriff erfolgt direkt über die Matricula-Homepage oder über den Link auf der Webseite des Mainzer Dom- und Diözesanarchivs:
Die Benutzung erfordert keine Anmeldung, ist technisch barrierefrei und kostenlos.
„Ich freue mich, dass wir mit dem Start des neuen digitalen Angebots gleich 100 alte Kirchenbücher online stellen können“, erklärte Generalvikar Dr. Lang. „In einigen Jahren werden fast alle etwa 1.900 schutzfristfreien älteren Matrikeln aus den Pfarreien des Bistumsgebiets im Netz verfügbar sein. Familienforscher und Wissenschaftlerinnen haben auf diese Weise die Möglichkeit, die einzigartige Quelle der Kirchenbücher, deren ältestes in unserem Bistum immerhin im Jahre 1582 beginnt, in bester Bildqualität am eigenen Computer auszuwerten. Das neue Online-Angebot trägt zugleich auch zur Entlastung der Pfarrbüros bei, an die Anfragen zu den Kirchenbüchern mangels direkter Zugänglichkeit bislang meist herangetragen wurden.“
Nicht nur für die Familienforschung, sondern auch in sozial- und kulturhistorischer Hinsicht stellen die alten Kirchenbücher eine unersetzliche Quelle von allererstem Rang dar; hier finden sich die Namen und Lebensdaten der „einfachen Leute“, die in anderen Quellen aus der Vormoderne meist nur punktuell vorkommen, hier bilden sich anhand der Knotenpunkte Taufe, Eheschließung und kirchliche Beerdigung auch wichtige ortskirchliche Vollzüge ab.
Ins Netz gestellt werden in den nächsten Jahren alle abgeschlossenen, noch in kirchlichem Besitz befindlichen Kirchenbücher aus dem jetzigen Mainzer Bistumsgebiet, sofern die Anfertigung digitaler Reproduktionen unter konservatorischen Gesichtspunkten möglich ist und keine Schutzfristen entgegenstehen. Ein Teil der älteren Kirchenbücher wurde schon länger im Mainzer Dom- und Diözesanarchiv aufbewahrt. Die meisten Kirchenbücher lagen aber bislang noch in den Pfarreien. Sie werden derzeit im Zuge der Einholung der alten Pfarrarchive ebenfalls nach Mainz verbracht. Den Eigentümer wechseln die Kirchenbücher – ebenso wie die alten Pfarrarchive – aber nicht: Das Dom- und Diözesanarchiv verwahrt sie als „Deposita“, Eigentümer sind nach wie vor die Pfarreien und ihre Rechtsnachfolger.
Im Dom- und Diözesanarchiv wird das Projekt „Kirchenbuch-Digitalisierung“ von Dipl.-Archivarin Jutta von Essen, Eva Grabietz M.A. und Lydia Immerheiser M.A. betreut. Das Projekt ist aufwändig. „Wir paginieren jedes einzelne Kirchenbuch, erschließen und beschreiben es im digitalen Verzeichnungsprogramm des Archivs und untersuchen es unter konservatorischen Gesichtspunkten, damit sichergestellt ist, dass das Buch bei der Digitalisierung keinen Schaden nimmt“, erläutert Jutta von Essen. Für die Anfertigung der Digitalaufnahmen wurde ein ausgewiesener Spezialdienstleister ausgewählt. „Wir haben eine technisch hochqualitative Digitalisierung realisiert“, erläutert Lydia Immerheiser, die für die digitale Seite des Projekts verantwortlich ist; „Auflösung, Farbtreue und Plastizität der Aufnahmen bieten die Gewähr, dass es kaum Recherchefragestellungen gibt, für die die Ansicht des Digitalisats nicht ausreicht“. Die alten Original-Kirchenbücher können daher aus der direkten Nutzung herausgenommen werden, was der Substanzerhaltung der Bücher zugutekommt.
Insgesamt wurden im Rahmen des Projekts bis jetzt 252 Kirchenbücher mit mehr als 40.000 Aufnahmen digitalisiert.