Buße - Versöhnung - Neuanfang:Ein Abend, der nachklingt und zum Weiterdenken einlädt

Ein Punkt auf einem Plakat – mehr war es zunächst nicht.
Beim Ankommen wurden die Teilnehmenden eingeladen, ehrlich zu markieren, wann ihre letzte Beichte gewesen ist: vor sechs Monaten, vor mehr als fünf oder zehn Jahren, ohne jede Erfahrung.
Als sich der Raum füllte, wurde sichtbar, was viele schon geahnt hatten:
Selbst unter engagierten Gemeindemitgliedern liegt die letzte Beichte oft sehr lange zurück, mitunter Jahrzehnte.
Mit rund 35 Teilnehmenden begann ein Abend, der berührend, dicht und erstaunlich offen wurde.
Kein Mensch bleibt heil
Dr. Tonja Deister (Diplompsychologin) und Dr. Bernhard Deister (Referent für Geistliche Begleitung im Bistum Mainz) führten behutsam in ein Thema ein, das uns alle im Leben immer wieder einmal betrifft: Verletzung und Schuld.
„Kein Mensch bleibt heil“, war einer der Sätze, die im Raum stehen blieben. Wir sind verletzt worden. Wir haben andere verletzt. Wir leben gemeinsam in einer verletzten Familie, Gemeinde, Gesellschaft, Welt.
Der Mensch ist ein Beziehungswesen – Schuld trennt Menschen voneinander, oft auch von sich selbst und von Gott.
Und doch ist Vergebung kein einfacher Schritt: Scham, Angst vor Urteil oder Liebesentzug, festgehaltener Groll, Wut, die paradoxerweise Nähe bewahrt – all das kann uns davon abhalten, um Vergebung zu bitten oder sie anzunehmen.
Dr. Tonja Deister und Dr. Bernhard Deister sprachen mit berührenden Worten. Sie erzählten aus ihrem Berufsalltag und aus Begegnungen mit Menschen, die sie in ganz unterschiedlicher Art und Weise begleiten.
Und sie brachten vor allem sich selbst mit ein - mit ihrem persönlichen Glauben, mit ihrer eigenen Spiritualität. Das machte den Abend so dicht – und so menschlich für die Teilnehmenden.
Beichte - mehr als ein Gespräch
Im Laufe des Abends wurde spürbar, was in der Beichte geschieht – nicht in Form von Definitionen, sondern in behutsamen Annäherungen.
Es wurde deutlich, wo sich Beichte und Psychotherapie berühren und wo sie sich unterscheiden: Beide wollen dem Leben dienen. Beide eröffnen Räume, in denen Ausgesprochenes leichter wird, Lasten benannt und neu eingeordnet werden können. Und doch geht die Beichte noch einen Schritt weiter.
Beichte wurde an diesem Abend nicht erklärt, sondern erschlossen: Als ein Ort, an dem Beziehung heilen darf – die Beziehung zu Gott, zu anderen und zu sich selbst. Als Einladung zu einem Neuanfang, der Mut braucht und die innere Bereitschaft, sich anschauen und berühren zu lassen.
Mit dem Blick auf Jesus selbst in der Heiligen Schrift wurde ein weiterer Zugang geöffnet:
Jesus begegnet dem Menschen nicht von der Schuld her, sondern vom Menschen her. Er sieht die Verletzung, schützt Würde und Leben und lädt zur Umkehr ein – ohne Druck, ohne Leistung, ohne Grenze. In seinem Umgang mit Schuld und Vergebung wurde an diesem Abend deutlich: Barmherzigkeit ist nicht ein Aspekt unter vielen, sondern das Herz Gottes selbst.
Dank für einen berührenden Abend

Im letzten Teil des Abends öffnete sich der Raum noch einmal bewusst. Die Teilnehmenden waren eingeladen, Fragen zu stellen – und viele nutzten diese Möglichkeit. Persönliche Gedanken wurden ausgesprochen, Unsicherheiten benannt, Erfahrungen geteilt. Fragen nach Schuld und Verantwortung, nach Grenzen der Vergebung, nach konkreten Formen von Versöhnung heute kamen zur Sprache.
Es wurde spürbar: Dieses Thema bewegt. Die Offenheit von Dr. Tonja Deister und Dr. Bernhard Deister, ihr achtsames Zuhören, ihr behutsames Sprechen und ihr ehrlicher Umgang mit den Fragen schufen eine Atmosphäre von Vertrauen – einen Raum, in dem Nachdenken, Suchen und inneres Berührtsein möglich wurden.
Zum Abschluss gab es ein herzliches Dankeschön für das Ehepaar Deister – und ein Zeichen, das mehr sagte als viele Worte: eine weiße Porzellanschale mit vier Kerzen in Violett und Rosa, in feinen Abstufungen. Farben von Buße und Hoffnung. Von Veränderung und Neubeginn. Von dem, was noch nicht fertig ist – und trotzdem schon leuchtet.
Viele gingen nach Hause mit neuen Gedanken. Mit Fragen. Vielleicht auch mit dem leisen Wunsch, sich selbst, anderen oder Gott neu zu begegnen.
Einladung zum zweiten Abend am 5. Februar 2026
Die Themenreihe "Buße - Beichte - Neuanfang" geht mit einem zweiten Abend weiter und setzt einen weiteren Akzent:
Während der erste Abend von psychologischen und geistlich-begleitenden Perspektiven geprägt war, wird der zweite Abend bewusst aus pastoraler Sicht auf das Thema geschaut:
Donnerstag, 5. Februar um 19:00 Uhr im Pfarrzentrum an der Marienkirche.
Mit Aaron Torner, Referent für Katechese im Bistum Mainz, geht es um konkrete Zugänge, um Praxis, um mögliche Formen und Wege, wie Buße und Versöhnung heute im Leben von Menschen und in der Gemeinde Gestalt annehmen können.
Dabei gilt ausdrücklich:
Eine Teilnahme ist auch dann gut möglich, wenn man beim ersten Abend nicht dabei war. Der zweite Abend steht für sich, greift zentrale Fragen auf und lädt unabhängig von Vorerfahrungen zum Mitdenken, Mitfragen und Mitgehen ein.
Herzliche Einladung an alle Interessierten!