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Zukunftsdialog „Vertraute Orte - Neues Leben“:Eine Zukunft für unsere vertrauten Orte

Rund 160 Bürgerinnen und Bürger kamen ins Bürgerhaus, um über die Zukunft der drei Kirchen mitzudenken.
Datum:
5. März 2026
Von:
Angela Eckart

Der Andrang im Bürgerhaus ist groß. Immer neue Stühle werden vom Hausmeister herbeigebracht, während sich der große Saal nach und nach füllt. Wir sind ehrlich überrascht, wie viele Menschen sich an diesem Abend auf den Weg gemacht haben.

Unter dem Motto „Vertraute Orte – Neues Leben“ geht es in einer öffentlichen Projektwerkstatt um die Zukunft unserer drei Kirchen: der Hildegardkirche, der Marienkirche und der Michaelskirche.

Rund 160 Bürgerinnen und Bürger sind gekommen. Menschen aller Generationen sind an diesem Abend vertreten: Jüngere und Ältere, Engagierte aus Vereinen und Chören, Menschen aus der Nachbarschaft, unsere Gemeindemitglieder, Interessierte. Viele wollen einfach wissen, was aus „ihrer“ Kirche wird.

Andere möchten ihre Perspektiven einbringen, mitreden, zuhören oder ihre Erfahrungen teilen. Dass unsere Kirchen neue Wege suchen, berührt und bewegt die Menschen unserer Stadt, da viele in diesen Gebäuden wichtige Momente ihres Lebens erlebt haben.

Ein offener Blick auf die Situation

Schon in den ersten Minuten wird dieses Abends deutlich: Es geht hier nicht um eine trockene Informationsveranstaltung, sondern um ein gemeinsames Nachdenken über die Zukunft dieser Orte. 

Gleich zu Beginn der Veranstaltung spricht Pfarrer Dr. Ronald Givens offen über die Ausgangslage des Beteiligungsprozesses für die Gremien der Pfarrei Hl. Johannes XXIII.

„Wir haben die Vorgabe, unseren Gebäudebestand um mindestens die Hälfte zu reduzieren“, erklärt er. "Nur noch die Apostelkirche wird regelmäßig für Gottesdienste genutzt. Für die drei anderen, denkmalgeschützten Kirchen müssen neue, tragfähige Perspektiven gefunden werden. Klar ist: Die Gebäude bleiben erhalten – doch ihre Nutzung wird sich verändern."

Über 1.000 Ideen von Viernheimerinnen und Viernheimern

Menschen aller Generationen beteiligten sich an der Projektwerkstatt.

Dass dieser Prozess unter breiter Beteiligung der Bürgerschaft gestaltet wird, ist von Hl. Pfarrei Johannes XXIII. und der Stadt Viernheim bewusst so gewählt und vereinbart worden. „Der Prozess lebt von der Beteiligung“, betont 1. Stadtrat Jörg Scheidel.

Bereits im September waren viele Viernheimerinnen und Viernheimer bei "Kirchenwandeln" - einem Rundgang durch die drei Kirchen - mit dabei. Dabei konnten sie erste Eindrücke sammeln und ihre Gedanken zur Zukunft der Gebäude einbringen.

Das Echo war überwältigend: Anschließend gingen über 1.000 Nutzungsideen ein.

„Das hat dem Runden Tisch schon Kopfzerbrechen bereitet“, sagt Timo Buff vom begleitenden Bürogemeinschaft Sippel I Buff schmunzelnd.

Vertreterinnen und Vertreter aus Kirche, Politik, Verwaltung und Bürgerschaft haben die Vorschläge, die in der Ideensammlung eingereicht wurden, in der 2. Sitzung des Runden Tisches gesichtet, gebündelt und daraus konkrete „Nutzungsbündel“ entwickelt. 

Erste Projektskizzen für die drei Kirchen

In der öffentlichen Projektwerkstatt konnten Bürgerinnen und Bürger ihre Ideen und Erfahrungen in den Prozess einbringen.

Für jede Kirche haben die Mitglieder des Runden Tisches drei Nutzungsbündel für die Projektwerkstatt entwickelt: 

Marienkirche

  • Eventlocation mit Gastronomie und Übernachtungsmöglichkeiten
  • Kulturkirche als Begegnungs- und Veranstaltungsort
  • Working-Space-Konzept „Marien-Boxx“ mit flexiblen Arbeitsbereichen

Hildegardkirche

  • ein erweitertes Sozialzentrum („Sozialzentrum Plus“)
  • ein Quartierstreff mit Begegnungs- und Veranstaltungsangeboten
  • Beratungs- und Gesundheitshaus

Michaelskirche

  • Lern- und Bildungshaus in Kooperation mit Schulen und Kindertagesstätten
  • Sport- und Bewegungsraum
  • ein Mehrzweck- und Veranstaltungsraum.

Weitere Schritte im Prozess

An drei Dialogtischen tauschten sich die Teilnehmenden intensiv über mögliche Nutzungen der Kirchen aus.

Im Rahmen der Veranstaltung informieren Pfarreiratsvorsitzende Ursula Scheidel und Pfarreikoordinatorin Angela Eckart über verschiedene Entwicklungen, die sich bereits aus dem Beteiligungsprozess ergeben haben.

Die Innovationsförderung des Bistums Mainz hat drei Machbarkeitsstudien für Kirchengebäude in unserer Diözese bewilligt – darunter auch eine für die Michaelskirche. Im Mittelpunkt steht dabei eine ungewöhnliche Idee: eine mögliche Kletterkirche. Die Studie soll zunächst prüfen, ob ein solches Konzept grundsätzlich realisierbar wäre – baulich, denkmalrechtlich und organisatorisch.

Die Gremien der Pfarrei sowie die Mitglieder des Runden Tisches haben sich im Vorfeld dafür ausgesprochen, sich für diese Machbarkeitsstudie zu bewerben. Der Vorschlag greift viele Ideen aus der Bürgerschaft auf. Immer wieder war in den eingereichten Vorschlägen der Wunsch nach einem Sport- und Bewegungsraum zu lesen – sicher auch mit Blick auf die Nähe zu Schulen und Kindertagesstätten.

Eine Empfehlung aus der zweiten Sitzung des Runden Tisches war es zudem, Möglichkeiten für Zwischennutzungen in den Kirchen zu schaffen.

Dafür braucht es zunächst Platz. Deshalb wurde bei der unteren Denkmalbehörde ein Antrag gestellt, die Bänke in der Hildegardkirche und der Michaelskirche auszubauen. Der Antrag wurde inzwischen genehmigt. Die Bänke werden nun eingelagert. Für die Kirchen entsteht so ein freier Raum, der neue Nutzungen und Veranstaltungen überhaupt möglich macht – ein erster sichtbarer Schritt in diesem Prozess.

Parallel prüft auch die Stadt Viernheim, ob während einer möglichen Schließung der Waldsporthalle einzelne Sportangebote vorübergehend in der Michaelskirche stattfinden könnten.

„Da wird kein Handball in der Kirche gespielt“, sagt 1. Stadtrat Jörg Scheidel mit einem Augenzwinkern. „Aber vielleicht ist der eine oder andere Kurs denkbar.“

Intensive Gespräche an den Dialogtischen

An den Dialogtischen wurden Fragen und Perspektiven zu den drei Nutzungsbündeln der jeweiligen Standorte engagiert diskutiert.

Im Anschluss beginnt der eigentliche Kern des Abends: In drei intensiven Diskussionsrunden tauschen sich die Teilnehmenden aus.

Es wird sachlich argumentiert, emotional abgewogen und respektvoll widersprochen. Viele Fragen drehen sich um die Finanzierung möglicher Projekte.

Auch der Wunsch kommt zur Sprache, in den Kirchen wieder Gottesdienste zu feiern. Viele Viernheimerinnen und Viernheimer verbinden persönliche Erinnerungen mit diesen Gebäuden – Taufen, Hochzeiten, Abschiede. Für manche ist es noch schwer, sich eine ganz andere Nutzung der Kirchen vorzustellen.

Die Idee eines Sozialzentrums in der Hildegardkirche wird begrüßt: „Für viele ist der Weg zum jetzigen Standort nicht machbar“, heißt es aus der Runde.

Auch Kooperationen mit der Friedrich-Fröbel-Schule oder der Nibelungenschule werden als große Chance gesehen. Dort fehlt beispielsweise eine Aula – eine Theateraufführung in der Michaelskirche habe bereits gezeigt, wie gut das funktionieren könne.

Der Beteiligungsprozess geht weiter

Gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern wird eine neue Nutzung für die Kirchen gesucht.

Zahlreiche Anregungen und Fragen werden gesammelt. Alles wird in einer Themensammlung festgehalten und dokumentiert.

Über eine Stunde lang diskutieren die Bürgerinnen und Bürger konzentriert an den Stationen. Eine Teilnehmerin bringt die Stimmung auf den Punkt: „Egal, was man aus der Kirche macht – alles ist besser, als sie leer stehen zu lassen.“

Am Ende markieren die Anwesenden ihre Favoriten mit Klebepunkten. Ein klares Rennen gibt es nicht – die Stimmen verteilen sich nahezu gleichmäßig.

Moderator Timo Buff von Bürogemeinschaft Sippel I Buff zeigt sich beeindruckt vom Engagement des Abends. „Das war nicht einfach, mit so einer großen Gruppe intensiv ins Gespräch zu kommen“, sagt Timo Buff anerkennend.

Und mit Blick auf die nächsten Schritte bemüht er ein Bild: „Wir müssen die Braut noch schön einkleiden, damit sie jemand heiratet.“ Pfarrer Givens greift lachend auf: „Die drei Bräute sind schon schön – aber die Mitgift ist schlecht.“

Miteinander Zukunft gestalten

Die Verantwortlichen der Pfarrei Hl. Johannes XXIII. und der Stadt Viernheim sind allen Bürgerinnen und Bürgern dankbar für ihre Beteiligung – für ihre Ideen, ihre Gedanken, ihre Zeit und den offenen Austausch über die Zukunft der Kirchen in unserer Stadt. Der Abend hat gezeigt, wie groß das Interesse ist und wie viele Menschen bereit sind, sich in diesen Prozess einzubringen.

Auch der Bürogemeinschaft Sippel | Buff gilt ein herzliches Dankeschön für die Begleitung des gesamten Prozesses sowie für die professionelle Vorbereitung und Durchführung des Abends. Mit viel Erfahrung, Geduld und einem feinen Gespür für Beteiligung haben sie dazu beigetragen, dass so viele Stimmen gehört werden konnten und ein offener und konstruktiver Austausch möglich war.

Wie unsere drei Kirchen künftig genutzt werden, ist noch offen, aber der Abend hat gutes Hoffnungszeichen für eine zukünftige Nutzung der Kirchengebäuden gesetzt.

Und so geht es weiter:

Im April kommt der Runde Tisch erneut zusammen, um die Rückmeldungen auszuwerten und weitere Empfehlungen zu erarbeiten. Bei einer großen Abschlussveranstaltung am 22. Juni 2026 wird der Beteiligungsprozess öffentlich zusammengeführt werden.