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Predigt Pfarrer Dr. Givens am 15.2.2026:Mit leerer Vorratstasche unterwegs sein

Geht ich sende euch
Wer bin ich, wenn ich tatsächlich mit einer leeren Vorratstasche unterwegs bin?
Datum:
16. Feb. 2026
Von:
Herbert Kohl

Geht, ich sende euch

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

Wahrscheinlich haben Sie das in der ein oder anderen Variation alles schon einmal erlebt. Man packt sich morgens in den Rucksack, in die Tasche seinen Proviant ein, weil man den ganzen Tag unterwegs ist, weil man auf Reise geht, weil man mit dem Zug, mit dem Flugzeug, mit dem Bus, mit der Familie unterwegs ist. Man überlegt: Was brauche ich, was nehme ich mit? Schmiert sich die Brote oder die Brötchen, etwas zu trinken dazu – und dann alles hinein.

Und dann – oben angekommen an der Berghütte oder am Ende des Tages – macht man die Tasche auf und stellt fest: oh, ich hab noch zwei lapperige Käsebrötchen übrig. Was jetzt machen? Auf der Hütte gibt es was Köstliches, was Gutes. Die Freunde haben etwas zum Essen vorbereitet. Im Hotel gibt es jetzt ein Buffet – und da sitzt man mit den beiden Brötchen, eingepackt und eingewickelt, und die große Köstlichkeit von heute Morgen ist das auch nicht mehr. Schmeißt man das jetzt weg? Oder mümmelt man das, während die anderen fröhlich ans Buffet gehen oder sich die Kässpätzchen auf der Hütte besorgen? Da sitze ich mit meinem blöden Brötchen.

Darum sagt Jesus: Mit einer leeren Vorratstasche sollt ihr unterwegs sein, damit das, was euch dort erwartet – das, was euch satt machen soll – Platz hat, Raum hat, damit ihr tatsächlich genießen könnt, was euch dort erwartet, was man euch vorsetzt. Damit ihr nicht mit eurem ewig gleichen Koch-Käs-Schnitzel dorthin kommt, sondern vielleicht auch mal Tortilla probiert.

Mit einer leeren Vorratstasche schickt Jesus uns aus und sagt: Lasst euch überraschen mit dem, was euch dort erwartet, mit dem, was die Menschen euch dort vorsetzen, was ihr Leben bewegt, was ihr Leben satt macht – und was ihr auch hungrig macht. Kommt nicht mit einer vollen Vorratstasche.

Wer bin ich, wenn ich tatsächlich mit einer leeren Vorratstasche unterwegs bin?

Wer bin ich, wenn mein Wissen, meine Schulabschlüsse nichts zählen? Wer bin ich, wenn die Kinder aus dem Haus sind, wenn vielleicht noch nie Kinder da gewesen sind? Wer bin ich, wenn ich loslassen musste, wenn ich nicht mehr erzählen kann von den anderen, sondern erzählen muss von mir? Wer bin ich, wenn ich nicht mehr ablenken kann mit denen, die ich an der Hand habe, die mich an der Hand haben, mit denen ich gemeinsam durchs Leben gehe? Wer bin ich, wenn die Familienvorratstasche leer geworden ist?

Wer bin ich, wenn die Glatze immer größer wird und die Schönheit flöten geht und ich eine Mütze und Schminke brauche, damit es erträglich wird, wenn ich rausgehe? Wer bin ich ohne all das in der Vorratstasche? Wer bin ich mit all dem, was manchmal auch schwierig ist – wenn ich das nicht verbergen kann, wenn auch da der Vorrat an Tricks einfach vorbei ist, wenn es offensichtlich ist, wer bin ich dann?

Und natürlich: Wer bin ich ohne Handy? Was habe ich? Was bin ich? Was erzähle ich? Was mache ich ohne Handy? Und wer bin ich, wenn mir auch das Handy nicht mehr sagt, wie ich heimkomme, wenn ich die Orientierung verloren habe, wenn das Navi mir etwas erzählt, das ich nicht verstehe? Wer bin ich ohne mein Zuhause, ohne mein Haus, ohne meine Wohnung, ohne meine Tür – wenn ich ins Forum der Senioren einziehe? Wer bin ich dann, wenn das nicht mehr so die tolle Adresse ist, sondern Spitalplatz 4? Wer bin ich ohne meinen Beruf, ohne meine Aufgabe? Wer bin ich, wenn ich nicht mehr Hochwürden bin, sondern Herr Givens?

Wer bin ich, wenn die Vorratstasche leer ist? Was bringe ich dann mit? Was erzähle ich dann?

In einem Dorf, da gab es nur wenige Häuser, da gab es auch ein Geschäft – wunderschön mit Holzregalen. Und in diesen Regalen vollgefüllt: lauter Päckchen mit Mehl, immer ein Kilogramm. Nicht verschiedene Sorten, nicht Weizen, Roggen, sondern die gleiche Sorte, die gleiche Verpackung, Regal um Regal, Holzbrett um Holzbrett. Und hinter der Theke stand eine alte Frau, die eben nur das verkaufte: dieses eine Kilo Mehl in dieser Verpackung, in dieser Qualität.

Ein ganzes Leben lang – längst entstanden Supermärkte um dieses Dorf herum. Aber wer Mehl brauchte, der ging in dieses Geschäft, in diesen Laden, um dieses eine Kilo Mehl in dieser einen Verpackung, in diesem schönen Laden von dieser Frau zu kaufen. Und irgendwann auf dem Weg zum Supermarkt haben auch die Städter gemerkt: da gibt es einen schönen Laden. Natürlich gäbe es Mehl in Hülle und Fülle, in allen Farben und Formen im Supermarkt – aber der Laden war etwas Besonderes. Die Frau war etwas Besonderes. Und so kauften nicht wenige, obwohl das ein Umweg war, ihr Päckchen Mehl in diesem Laden. Manchmal hielt auch ein ganzer Bus mit Touristen, um diesen Laden, diesen merkwürdigen Laden, diesen einmaligen Laden zu sehen – und Mehl zu kaufen.

Eines Tages sagte einer dieser Reiseleiter: „Sie sind töricht, wirklich töricht. Warum stellen Sie da nicht einen Postkartenständer hin, schenken Kaffee aus, machen vielleicht noch einen Kuchen? Sie würden ein Vielfaches verdienen als mit Ihrem Mehl.“

Gesagt, getan – der Postkartenständer kam her. Es gab auch köstlichen Kaffee und frischen Kuchen. Ein halbes Jahr später: Schluss mit dem Laden. Die Frau war bankrott. Die Kunden sind ausgeblieben, weil einen Kiosk – den gibt's auch in der Stadt. Kaffee und Kuchen gibt's auch beim Supermarkt.

Geht – ich sende euch ohne Vorratstasche, ohne Geldbeutel, ohne Sandalen an den Füßen.

Wer bin ich? Was ist meine spezielle Gabe? Was ist mein Kilogramm Mehl im Regal meines Ladens?

Was bringe nur ich in diese Welt? Was habe nur ich? Was gibt es nirgends anders? Was ist nicht beliebig – sondern das bin ich. Mit meinem Leben, mit meiner Erfahrung, mit meiner Liebe.

Was ist meine Vorratstasche, wo die ganze Familie sagt: Wenn das nicht in deiner Tasche wäre, dann wäre die Familie arm. Wo die ganze Gemeinde sagt: Wenn das nicht in deiner Tasche wäre, dann wäre die Pfarrei arm. Dann wäre die Gesellschaft arm.

Was ist das, wo Jesus sagt: Das allein ist dein Vorrat. Das kannst nur du bringen. Das macht dich aus.

Wer bin ich? Was bringe ich? Auf was vertrauen all die anderen, dass ich das dabei habe?

Amen.