Predigt Pfarrer Dr. Givens vom 01.02.2026:Seligpreisungen

Selig sind...
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,
er hat seine Heimat geliebt und in unzähligen Bildern seine Heimat festgehalten, die Provence und den Luberon. Immer wieder variiert er die Motive und dann eines Tages ist er endlich soweit. Er hatte den Mut, etwas ganz Neues zu wagen, etwas ganz anderes, etwas, das sich so radikal unterscheidet von all den Bildern, die Paul Cezanne bis dorthin gemalt hat.
Eine riesige Leinwand, darauf der Berg, den er immer wieder schon gemalt und gezeichnet hat und als die Kritiker, als die Besucher dieses Bild zum ersten Mal sehen, da sind sie schockiert. Denn Cezanne hat ganz viele Leerstellen gelassen auf der Leinwand. Man sieht das Weiß der Leinwand, man sieht nicht mehr den Berg, wie er sonst gemalt ist, nicht mehr die Bäume, nicht mehr die Häuser, sondern nur noch Farbflecken.
Man muss ein paar Meter zurückgehen und dann sieht man, ja es ist der Berg, es ist der Berg in der Provence, den er schon so oft gemalt hat, aber es ist so radikal anders. Da fehlt so viel und doch, doch ist der Berg da.
Cezanne macht das, weil er sagt, jede und jeder von uns ist ein Künstler, jeder und jede von uns trägt Farben in sich, trägt Bilder in sich und wenn wir es vor ein Bild treten, wo solche Leerstellen sind, dann ergänzen wir sofort in mit unserem inneren Auge. Wir malen das Bild fertig, wir füllen die Farbfläche aus, wir ergänzen mit dem, was in uns ist, was wir erlebt haben und so wird das Bild, dass das so unfertig scheinbar ist zur Einladung, mit dem eigenen Erleben, mit den eigenen Farben, mit der eigenen Kunst, es auszufüllen.
So tritt Jesus auf den Berg und wir kennen diese Rede: Selig, die Sanftmütigen, selig, die Barmherzigen, selig, die Frieden schaffen, selig, die dürsten, richtig Durst haben nach Gerechtigkeit. Und dann ist es wie bei Cezanne, er wartet darauf, dass wir die Seligpreisungen ergänzen, dass wir ausfüllen all das, was er nicht gesagt hat, weil da gehört auch dazu, selig, die ein Kind großziehen, und es stark machen und mutig und offen und frei. Selig, die einen Dementen begleiten, die aushalten und mitgehen und da sind und selig, die sich hinsetzen können und einen Kondolenzbrief schreiben indem sie keine Floskeln erzählen, sondern das, was sie bewegt. Und selig, deren Ehe gescheitert ist, deren Liebe enttäuscht worden ist und die nicht verbittern, die der Liebe trauen, die neu ihr Herz öffnen.
Und so wird jeder und jeder von ihnen heute Morgen diese Seligpreisungen ergänzen können und sagen können: "Hoffentlich, so wie es Paulus am Beginn der Lesung gesagt hat, seht auf eure Berufung, hoffentlich sagen können: Das ist meine Seligkeit. Wie arm wäre meine Familie, wenn ich nicht auf meine Art Frieden schaffen würde? Wie arm wäre unsere Pfarrei, wenn es da nicht die gäbe, die dürsten nach der Gerechtigkeit? Wie arm wäre mein Arbeitsplatz, wenn ich nicht fragen würde, wie geht's meiner Kollegin?
Es gibt so viele Möglichkeiten, diese Seligpreisungen, diesen Berg der Seligpreisungen mit der eigenen Seligpreisung zu ergänzen, zu erfüllen, hineinzusetzen, die eigene Lebensfarbe, die eigene Lebenserfahrung zu wissen, das hat meinem Herzen so gut getan, das möchte ich weitergeben. So möchte ich auch einmal gepflegt werden, so hätte ich mir gewünscht, dass ich großgezogen werde, so stelle ich mir die Liebe vor, so stelle ich mir ein Büro, ein Miteinander vor.
Und darum, wenn ihr gefirmt werdet, ihr jungen Erwachsenen, die ihr jetzt da seid, dann ist das ein unglaublich heiliger und wichtiger Moment, dann ist es wie bei dem Bild von Cezanne, ihr bekommt ein Kreuzzeichen mit heiligem Öl auf die Stirn und das bedeutet sinngemäß, jetzt such in deiner Klasse, jetzt such in deinem Ausbildungskurs, jetzt such in deiner Familie die Lehrstelle, das was weiß geblieben ist, das was noch nicht ausgefüllt ist und überleg dir, was kann ich, was habe ich, was macht mich so besonders, so anders als alle anderen, was ist meine heilige Gabe, wozu bin ich in der Welt, warum wollte Gott, dass ich in dieser Familie groß werde, mit diesen Klassenkameraden, warum wollte Gott, dass ich diese Freunde habe, was kann ich an Seligkeit hineinbringen?
Es gibt keine Beziehung, es gibt keinen Ort, ohne dass wir nicht eingeladen wären, unsere Farbe, unsere Lebenserfahrung, unsere Seligkeit dort einzusetzen, wo sonst eine Leerstelle ist und es gibt keinen und es gibt keine, die nichts hätte, es gibt niemand ohne Seligkeit, aber es gibt viel zu viele, die das nicht glauben, dass sie etwas haben, die sagen, das ist doch selbstverständlich, das ist doch gewöhnlich, das ist doch nichts Besonderes.
Und dann kommt das Licht unter den Scheffeln, dann bleibt die Stelle leer, dann gibt es nicht den Mut, diese Seligkeit hineinzutragen, wie anders sähe unsere Welt aus, wenn wir den Mut hätten unsere Seligkeit zu leben, dankbar hinzuschauen auf dieses Kreuz aus heiligem Öl auf unserer Stirn, das uns sagt Gott braucht dich, Gott will dich, Gott hat dich gesucht und an diesem Platz gestellt mit deiner Seligkeit.
Seht auf eure Berufung.
Amen.