Predigt Stephanie Schreck am 22.03.2025:Sich aus Liebe verzehren

Liebe Gemeinde,
erinnern Sie sich an die Predigt am 1. Fastenwochenende? Kam Ihnen das bekannt vor?
In der 1. Fastenpredigt haben wir unter dem Stichwort erleuchten viel über Mose und den brennenden Dornbusch erfahren.
Die Lesung heute hat uns die Geschichte von Mose und dem brennenden Dornbusch nun in den Worten der Bibel nahegebracht. Ein wirkmächtiger biblischer Text: Da ist dieser Dornbusch, der nicht verbrennt, der nicht aufgezehrt wird von den Flammen.
Haben Sie sich je gefragt, warum es ausgerechnet ein Dornbusch war? Warum sich Gott ausgerechnet in einem Dornbusch zeigt?
Und… wenn schon Dornen, wäre dann eine Rose als Zeichen der Größe und Erhabenheit Gottes und seiner Liebe und Nähe zu den Menschen nicht angemessener?
Nun, in Palästina gibt es eben viele Stachelpflanzen. Der Dornbusch ist ein Bild für einen sehr einfachen Ort. Gott spricht an einfachen Orten, mitten unter den Menschen, wichtige Botschaften und Erkenntnisse.
Es ist eine großartige Botschaft, die Gott im Dornbusch vermittelt. Zum ersten Mal nennt er seinen Namen:
„Ich bin, der ich bin.“ Oder auch: “Ich bin der, der da ist.“
Wir können uns Gott nicht vorstellen, das geht über unsere Vorstellungskraft weit hinaus. Doch in dieser Zusage an Mose und damit auch an uns steckt eine unermessliche Liebe - trotz unseres fragwürdigen Umgangs mit der Erde und der Schöpfung Gottes.
Gott verzehrt sich regelrecht nach uns.
Der Dornbusch steht allerdings auch für all das, was in unserem Leben nicht gelingt oder für all das, womit wir nicht fertig werden.
Der brennende Dornbusch ist ein Bild für all das, was wir am liebsten mit Feuer auslöschen würden, um es so ungeschehen zu machen. Sei es das Leid, das wir anderen zugefügt haben oder die Krankheit, die nicht heilbar ist. Wenn das nur so einfach wäre!
Doch in all diesen Situationen ist Gott bei uns, auch wenn wir ihn nicht spüren, auch wenn wir uns von ihm verlassen fühlen, wenn wir eine Gottesferne spüren: „Er ist da.“ Seine Zusage gilt.
Doch lenken wir unseren Blick zunächst auf Mose. Er sieht eine außergewöhnliche Erscheinung. Und die will er sich natürlich näher ansehen. Doch er wird zurückgehalten. Er soll seine Schuhe ausziehen, denn der Ort, auf dem er steht, ist heiliger Boden.
Überall dort, wo etwas brennt, ist es heiß. Da treten wir barfuß nicht hin. Jeder weiß, wie schmerzhaft es ist, im Hochsommer auf heißem Gestein zu laufen.
Wenn wir uns die Erdkugel hier im Kirchenraum anschauen: Was sehen wir? Wir sehen Wolken, Wasser und Land. Und wenn Sie jetzt beide Füße fest auf den Boden stellen – auch mit Schuhen – spüren Sie festen Boden unter Ihren Füßen. Wir stehen auf der Erdkruste.
Aber: Wie sieht es im Erdinneren aus? Dort ist der Erdmantel, und der ist heiß und flüssig. Dort würden unsere Füße – und nicht nur die - verbrennen.
Wir sehen: Gott schützt Mose davor, sich zu verbrennen.
Das Licht des Feuers und die Kraft des Feuers zeugen von Gottes verzehrender Macht im Feuer. Dem kann Mose nicht standhalten, er fürchtet sich, Gott anzuschauen.
Und er hat allen Grund dazu. Mose verzehrte sich voller Leidenschaft für sein Volk. Dabei ging er sogar so weit, dass er einen ägyptischen Aufseher, der einen Israeliten bei der Fronarbeit drangsalierte und schlug, dass er diesen Antreiber tötete. Er konnte das Leid, das seinem Volk in der ägyptischen Gefangenschaft angetan wurde, nicht mehr ertragen und wurde zum Mörder. Und deshalb verhüllt Mose sein Gesicht, denn er ist sich seiner Schuld bewusst.
Und wie verhält sich Gott? Der Dornbusch zeigt es uns: Er brennt, ohne zu verbrennen. Gott verzehrt sich in seiner grenzenlosen Liebe nach seinem Volk. Das Nicht-Verzehrt-Werden des Dornbuschs zeigt, wie Gott wirkt:
Gott liebt mit Leidenschaft, ohne zu zerstören.
Und er gibt Mose die Chance, trotz seiner Vorgeschichte von Gott ausgewählt und gesendet zu sein, das Volk Israel aus dem Sklavenhaus Ägypten herauszuführen.
Der Begriff „verzehren“ ist sicher kein geläufiges Wort, das Sie ständig im Alltag verwenden, aber weil es sowohl positive wie negative Bedeutungen in sich trägt, ist es außerordentlich wichtig, die richtige Balance zu finden, bei allem, was wir tun und bei all dem, bei dem wir uns sprichwörtlich „verzehren“, also einer Leidenschaft hingeben.
Eine gebräuchliche Form für verzehren kennen wir im Zusammenhang mit der Nahrung: Ganz neutral ausgedrückt kann ich Nahrung essen oder verzehren – ich kann sie aber auch genießen, oder gierig verschlingen.
Ganz ähnlich ambivalent verhält es sich mit dem Ausspruch
„sich aus Liebe verzehren“:
- In Liebe in einer Partnerschaft füreinander da zu sein, zeugt von einer vertrauensvollen Beziehung. Eine ungesunde Beziehung wird daraus, wenn ich alles tue, aus Angst, den Partner oder die Partnerin zu verlieren oder dies als Liebesbeweis gefordert wird.
- Auch Eltern verzehren sich aus Liebe zu ihren Kindern. Und es ist gut, wenn Eltern ihre Kinder bestmöglich fördern, dies sollte aber nicht dazu führen, dass nur noch die Wünsche der Kinder oberste Priorität in der Familie haben und die Paarbeziehung darunter leidet.
- Sich aus Liebe verzehren, dazu gehört in besonderer Weise auch die aufopfernde Pflege naher pflegebedürftiger Angehöriger. Doch ebenso wichtig ist die Selbstfürsorge und das Wahrnehmen der eigenen Bedürfnisse, um diesen starken Liebesbeweis über längere Zeit als pflegende Person durchzuhalten.
- Im Beruf kann man sich ebenfalls „verzehren“.
Wer seine ganze Energie nur in die Arbeit steckt und sich dabei verzehrt, den kann die Arbeit kaputtmachen, vor allem, wenn keine Zeit mehr bleibt für ein Privatleben. - Auch eine schwere Krankheit kann den Körper verzehren, also matt, schwach und kraftlos machen.
- Ein letztes Beispiel: Krieg verzehrt, was Friede beschert.
Wieviel unsägliches Leid geschieht täglich durch die Kriege, an den Menschen und an der uns von Gott übergebenen Schöpfung? Jeder Krieg zerstört und verzehrt durch Raketen und Drohnen ein Stück Erde, legt Häuser in Schutt und Asche, macht Wohnraum zunichte, Getreidefelder können nicht mehr bewirtschaftet oder abgeerntet werden, weil sie mit Streuminen durchsetzt sind. Ölfelder werden mit Absicht in Brand gesetzt, Gasleitungen durchschnitten.
Hier wird überdeutlich: Krieg verzehrt, was Friede beschert.
Wie ist das nun bei uns?
Sind wir fähig, für Gott Feuer und Flamme zu sein und für den Glauben zu brennen? Uns im guten Sinne für Gott zu verzehren?
Was heißt das denn? Und was heißt das in Bezug auf unsere Umwelt?
Unsere Erde ist uns wichtig, wir wollen sie für unsere Nachkommen erhalten und sie ihnen in einem guten Zustand übergeben.
Doch das Bevölkerungswachstum auf der Erde nimmt jährlich zu. Lebten 1920 ca. 1,8 Milliarden Menschen auf der Erde, so waren es 2022 bereits mehr als 8 Milliarden. Und viele Menschen streben nach steigendem Lebensstandard, sie konsumieren mehr und verbrauchen mehr Energie.
Wenn wir unsere Erdkugel mit einem Apfel vergleichen, dann entspricht die dünne Apfelschale unserer Erdkruste.
Dieses Beispiel macht deutlich: Je mehr Menschen auf der Erde leben, um so empfindlicher wird die Erde und um so behutsamer müssen wir mit unserer Erde umgehen. Wie können wir das erreichen?
Im Evangelium erzählt Jesus das Gleichnis vom Feigenbaum, der keine Frucht trägt. Der Winzer versucht, den Weinbergbesitzer umzustimmen. Er wolle die Erde um den Feigenbaum auflockern und düngen, dann würde der Feigenbaum im nächsten Jahr vielleicht Früchte tragen.
Wie in diesem Gleichnis vom Feigenbaum bekommen auch wir immer wieder die Chance umzukehren, unseren Seelenboden von Jesus auflockern und düngen zu lassen.
Die Fastenzeit lädt uns ein, uns mit Feuereifer für die Umwelt und den Erhalt der Schöpfung einzusetzen. Verzicht zu üben auf Dinge, die wir nicht unbedingt benötigen, Verhaltensweisen überprüfen und gegebenenfalls ändern. So können wir vielleicht Feigenbäume werden, die Frucht bringen. Und wir können sicher sein: Gott ist der „Ich bin da“ für uns.
Enden möchte ich mit einem Zitat von Yann Arthus-Bertrand, einem französischen Fotografen, Journalisten und Umweltschützer:
"In 50 Jahren, der Zeitspanne eines einzigen Menschenlebens, wurde die Erde radikaler verändert, als in allen Generationen der Menschheit davor. Wir wissen, dass es heute Lösungen gibt; und jeder von uns hat die Macht diese umzusetzen.
Worauf warten wir also?"