Mainzer Bistumsnachrichten Nr. 16

Mainz, 17. April 2019: Als erste Pfarreien in Deutschland haben fünf Kirchengemeinden im Bistum Mainz die Sicherheit und die Gesundheit für ihre haupt- und ehrenamtlich Beschäftigten mit einem Arbeitsschutzmanagementsystem (AMS) organisiert. (c) Bistum Mainz / Blum
Mainz, 17. April 2019: Als erste Pfarreien in Deutschland haben fünf Kirchengemeinden im Bistum Mainz die Sicherheit und die Gesundheit für ihre haupt- und ehrenamtlich Beschäftigten mit einem Arbeitsschutzmanagementsystem (AMS) organisiert.
Di 30. Apr 2019
am (MBN)

Die Bilder zu den aktuellen MBN finden Sie am Ende dieser Seite zusammengefasst in einer Galerie.

Berichte

  • Arbeitsschutz-System für fünf Kirchengemeinden
  • Mitgliederversammlung des Mainzer Dombauvereins

Vorschau

  • Ausstellung „Religionsfreiheit unter Druck“ (5.-11.5.)
  • Theateraufführung im Ketteler-Kolleg (6.5.)
  • Erbacher Hof: Fortsetzung der Geistlichen Reihe (13.5.)
  • Bewerbungsphase an der KH Mainz läuft (bis 31.5.)

Dokumentationen

  • Kar- und Ostertage: Predigten von Bischof Peter Kohlgraf

Berichte

Kirchengemeinden und Kitas organisieren Arbeitsschutz systematisch

Einführung der bundesweit ersten AMS-Systeme / Fünf Pilotpfarreien im Bistum Mainz 

Mainz. Als erste Pfarreien in Deutschland haben fünf Kirchengemeinden im Bistum Mainz die Sicherheit und die Gesundheit für ihre haupt- und ehrenamtlich Beschäftigten mit einem Arbeitsschutzmanagementsystem (AMS) organisiert. Mit der Unterzeichnung der Handbücher am Mittwoch, 17. April, haben die Pfarrer im Erbacher Hof in Mainz das Arbeitsschutzmanagement in ihren Kirchengemeinden in Kraft gesetzt. Die in den Handbüchern beschriebenen Prozesse zielen darauf, für alle Haupt- und Ehrenamtlichen der Kirchengemeinden und deren Kindertageseinrichtungen sichere und gesundheitsgerechte Rahmenbedingungen zu gewährleisten.

Über drei Jahre hinweg haben die Kirchengemeinden in enger Zusammenarbeit mit Fachbereichen des Bischöflichen Ordinariates und des Diözesancaritasverbandes Mainz sowie den Unfallversicherungsträgern erarbeitet, wie Sicherheit und Gesundheit systematisch und praxisorientiert gelingen kann. Parallel ist ein Musterhandbuch entstanden, das Kirchengemeinden im Bistum Mainz und anderen Diözesen als Vorbild dient. Es enthält unter anderem Prozessbeschreibungen und Handlungshilfen zur Beurteilung der Arbeitsbedingungen, der Organisation der Ersten Hilfe oder des Brandschutzes.

An dem Projekt waren neben den Pilotpfarreien Don Bosco in Mainz, St. Jakobus in  Langen, Johannes XXIII. in Viernheim, Mariä Himmelfahrt in Friedberg und St. Petrus und Paulus in Hanau-Klein-Auheim, die Stabsstelle Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz (Projektleitung), die Abteilung Kindertageseinrichtungen des Bischöflichen Ordinariates, die Fachbereiche Kindertagesstätten Hauswirtschaft des Diözesancaritasverbandes Mainz, die betroffenen Unfallversicherungsvertreter, die Verwaltungs-Berufsgenos-senschaft (VBG), die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) und die Unfallkassen Rheinland-Pfalz und Hessen sowie das Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin an der Universitätsmedizin Mainz beteiligt.

Bei der Unterzeichnung im Erbacher Hof würdigte der Mainzer Weihbischof Dr. Udo Markus Bentz, der auch Generalvikar des Bistums ist, das Projekt und dankte allen Beteiligten für ihr Engagement: „Im Mittelpunkt des Arbeitsschutzes steht nicht das Erfüllen von gesetzlichen Vorgaben, sondern die Verpflichtung für die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter im Bistum. Es geht darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Mitarbeiter in einer unterstützenden und gesunden Umgebung ihren Dienst verrichten können. Damit ist der Arbeitsschutz als Dienst an den Menschen auch eine Voraussetzung für den Verkündigungsauftrag der Kirche.“ Er sei froh, dass im Rahmen des Projektes ein Musterhandbuch entstanden sei, dass jetzt auch von anderen Pfarreien genutzt werden könne.

Der Projektleiter der Stabsstelle Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, Oberverwaltungsrat Christian Döhren, sagte: „Das Projekt war von einem großen Vertrauen zwischen den Beteiligten geprägt und hat gezeigt was möglich ist, wenn Fachabteilungen, Kirchengemeinden und Aufsichtsbehörden Hand in Hand arbeiten. Die Erkenntnisse des Projektes dienen nicht nur der Sicherheit und Gesundheit in den Pilotpfarreien, sondern werden heute schon in vielen anderen Pfarreien des Bistums angewendet.“

Georg Krämer, Präventionsleiter der VBG Mainz, lobte das Engagement des Bistums Mainz: „Die Kirchengemeinden zeigen zukunftsweisend, wie Sicherheit und Gesundheit Schritt für Schritt in die, im Wesentlichen durch Ehrenamtliche gelebten, Arbeitsprozesse integriert und bedarfsorientiert umgesetzt werden können.“

Stichwort: „Arbeitsschutz mit System“

Das Bistum Mainz hat sich in einem bundesweiten Pilotprojekt 2013 mit der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) und dem Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) auf den Weg gemacht, den Arbeitsschutz systematisch zu organisieren. Bereits 2014 wurde ein entsprechendes Handbuch für das Bischöfliche Ordinariat, die Dotation und das Offizialat durch den Generalvikar und den Domdekan verabschiedet. In einer weiteren Projektphase ist die Ausweitung auf die Schulen sowie die Bildungs- und Tagungshäuser des Bistums Mainz geplant.

Die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft

Die VBG ist eine gesetzliche Unfallversicherung und versichert bundesweit über 1,1 Millionen Unternehmen aus mehr als 100 Branchen. Der Auftrag der VBG teilt sich in zwei Kernaufgaben: Die erste ist die Prävention von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten. Die zweite Aufgabe ist das schnelle und kompetente Handeln im Schadensfall, um die Genesung der Versicherten optimal zu unterstützen. Knapp 490.000 Unfälle oder Berufskrankheiten registriert die VBG pro Jahr und betreut die Versicherten mit dem Ziel, dass die Teilhabe am Arbeitsleben und am Leben in der Gemeinschaft wieder möglich ist. 2.400 VBG-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter kümmern sich an elf Standorten in Deutschland um die Anliegen ihrer Kunden. Hinzu kommen sechs Akademien, in denen die VBG-Seminare für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz stattfinden.

tob (MBN)

 

20 Jahre Dombauverein: Eine Erfolgsgeschichte

Vorstand um Sabine Flegel einstimmig wiedergewählt – Neue Orgel ab 2020

Mainz. Als der Mainzer Dombauverein am 26. April 1999 gegründet wurde, ging es in erster Linie darum, die Sanierung und Erhaltung des rund 1.000 Jahre alten Bauwerks mit Spenden und Aktionen zu finanzieren. Auf den Tag genau 20 Jahre danach zog die Vorsitzende Sabine Flegel eine erfolgreiche Bilanz. Zahlreiche Projekte wurden realisiert – angefangen von der Restaurierung der Nassauer Kapelle – und neue angestoßen, wie die geplante Erneuerung der Orgelanlage. Rund 90 Mitglieder kamen am Freitagabend, 26. April, zur Jahreshauptversammlung in den Ketteler-Saal des Erbacher Hofs.

„Der Gründungsauftrag richtete sich an alle Mainzer und alle Domfreunde“, erinnerte Flegel an die Ausgangslage vor 20 Jahren, die bis heute gilt. Sie gedachte – wie Domdekan Prälat Heinz Heckwolf zuvor in einem Gottesdienst – der verstorbenen Mitglieder des zurückliegenden Jahres sowie ihrer drei Amtsvorgänger Anton Issel (1999-2005), Heinz Dreibus (2005-2007) sowie Rainer Laub (2007-2009), alle drei sind verstorben. Flegel kündigte zudem an, dass es zum 20. Geburtstag des Dombauvereins am Donnerstag, 9. Mai, ein Benefizkonzert geben wird. Der Eintritt dazu sei kostenlos, aber der Vorstand erhoffe sich Spenden für den Dom. In ihrem Jahresbericht verwies Flegel auf zahlreiche wiederkehrende Aktivitäten, den Jahresausflug, das jährliche Backen des Domstollens und den traditionellen Weihnachtsbaumverkauf im Hof des Bischöflichen Ordinariats.

Schatzmeister Theo Stauder informierte in seinem Jahresbericht über die aktuelle Finanzlage. So stehen im Jahr 2017 Einnahmen von 248.530 Euro und im Jahr 2018 von 347.305 Euro zu Buche sowie Ausgaben im Jahr 2017 von 29.350 Euro und im Jahr 2018 von 541.311 Euro. Vom zuletzt genannten Betrag wurden 500.000 Euro in die geplante neue Orgelanlage investiert. Das Gesamtvermögen zum Jahresende 2018 bezifferte Stauder auf 2.091.948 Euro.

Wie der Vorstand mit dem Vermögen umgeht, insbesondere bei größeren Schenkungen, war Thema einer Satzungsänderung. So ist es dem Vorstand künftig gestattet, die Vermögenswerte - so wie sie sind - im Vereinsvermögen zu belassen oder sie zu veräußern. Damit könne man flexibel auf die Gegebenheiten des jeweiligen Marktes reagieren. Dies kann Grundstücke, Immobilien oder auch Gold und andere Wertsachen betreffen. Eine zweite Satzungsänderung besagt, dass bei Abstimmungen künftig ein Quorum von 25 Prozent der anwesenden Mitglieder erforderlich ist, um für eine geheime Abstimmung zu votieren. Bislang hatte es gereicht, wenn ein einzelnes Mitglied eine geheime Abstimmung verlangt hatte.

Diese Änderung wurde bei der aktuellen Vorstandswahl sogleich angewendet. Alle bisherigen Vorstandsmitglieder wurden bei öffentlichen Abstimmungen jeweils einstimmig wiedergewählt: Sabine Flegel als Vorsitzende, Karl-Josef Wirges als Stellvertreter, Theo Stauder als Schatzmeister und Michael Bonewitz als Schriftführer. Auch die Beisitzer Peter Krawietz, Dr. Stephan Kern und Andreas Horn erhielten das erneute Vertrauen einstimmig. „Geborene Mitglieder“ sind Domdekan Heckwolf, Dompfarrer Domkapitular Professor Dr. Franz-Rudolf Weinert, Baudezernent Johannes Krämer und Konservatorin Diana Ecker.

Domdekan Heckwolf dankte dem Vorstand und den Mitgliedern des Dombauvereins für die geleistete Arbeit und für ihre Bereitschaft, sich weiterhin für den Dom einzusetzen. Den aktuellen Sanierungsstand fasste er kurz zusammen. Der westliche Vierungsturm ist eingerüstet und wird momentan gereinigt. Die Erneuerung der Stromversorgung ist nahezu abgeschlossen. Die Erneuerung der Beleuchtung im Inneren ist in vollem Gang.

Voraussichtlich im Januar 2020 erfolgt die erste Lieferung der neuen Orgelanlage, deren Bau momentan in Luzern vorbereitet wird. Aufgrund der Größe und der Bedeutung des Projekts haben sich die beiden international renommierten Orgelbaufirmen Goll (Luzern) und Rieger (Vorarlberg/Österreich) als Konsortium zusammengeschlossen. Die konkrete Umsetzung soll in drei Bauabschnitten erfolgen. Künftig sollen drei Orgelwerke die Bischofskathedrale mit Klang erfüllen – im Westchor, im Ostchor und an der Marienkapelle, wo das Projekt beginnt. Dazu bedarf es einiger vorbereitender Maßnahmen, kündigte Domdekan Heckwolf an. So wird die „Schöne Mainzerin“ während der Umbauarbeiten in die Laurentiuskapelle umziehen.

Jeder Mainzer und jeder Domfreund kann eine Patenschaft für eine der 14.526 Pfeifen erwerben, ergänzte Flegel. 1.012 Patenschaften seien bereits vergeben. Dies habe 415.865 Euro an Spenden eingebracht. Es warten also noch 13.514 Pfeifen auf einen Paten. Im Internet kann der aktuelle Stand unter www.domorgel-mainz.de verfolgt werden.

ath (MBN)

 

Vorschau

Religionsfreiheit unter Druck - Christen in Gefahr (5.-11.5.)

Ausstellung und Podiumsdiskussion in Bad Nauheim-St. Bonifatius

Bad Nauheim. In der Pfarrei Bad Nauheim-St. Bonifatius ist von Sonntag, 5., bis Samstag, 11. Mai, die Ausstellung „Religionsfreiheit unter Druck - Christen in Gefahr“ zu sehen. Die Ausstellung wurde vom katholischen Hilfswerk Missio konzipiert. Am Sonntag, 10. Mai, um 19.00 Uhr wird der Fotograf der in der Ausstellung gezeigten Bilder, Andy Spyra, einen Vortrag zur Entstehung der Bilder halten. Dem Vortrag im Gemeindezentrum St. Bonifatius schließt sich eine Podiumsdiskussion an. Zum Thema „Wie kann die deutsche Politik eine Verbesserung dieser Lage erreichen?“ diskutieren der Fotograf Andy Spyra, die Projektleiterin von Missio, Katja Nikles, mit Oswin Veith (MdB, CDU), Omid Nouripour (MdB, Bündnis 90/Die Grünen), Andreas Lichert (MdL, AfD), Ernst-Ewald Roth (SPD), Michael Erhardt (stellvertretender Landesvorsitzender, Die Linke) und Peter Heidt (FDP). Es moderiert die ehemalige ZDF-Journalistin Michaela Pilters.

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Theater im Ketteler-Kolleg (6.5.)

Christian Klischat spielt „Das Ende der Zeit. Die Offenbarung des Johannes“

Mainz. „Das Ende der Zeit. Die Offenbarung des Johannes“ heißt ein Ein-Personen-Stück, das am Montag, 6. Mai, im Foyer des Ketteler-Kollegs und -Abendgymnasiums in Mainz aufgeführt wird. Darsteller ist Christian Klischat, ehemaliger Kollegiat des Ketteler-Kollegs und -Abendgymnasiums und jetzt Mitglied am Darmstädter Staatstheater. Der Eintritt beträgt acht Euro, ermäßigt drei Euro.

Hinweis: www.ketteler-kolleg.de

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„Gehoben aus der Nacht“ (13.5.)

Geistliche Reihe im Erbacher Hof wird fortgesetzt

Mainz. Mit einem Vortrag zum Thema „Gehoben aus der Nacht“ wird am Montag, 13. Mai, die diesjährige Geistliche Reihe in der Bistumsakademie Erbacher Hof fortgesetzt. Referent ist Dr. Gotthard Fuchs, Wiesbaden. Im Rahmen der Geistlichen Reihe, die jeweils um 18.30 Uhr mit einer Eucharistiefeier in der Bernhard-Kapelle des Erbacher Hofes beginnt, wird am 28. Mai der neue Bischof von Hildesheim, Dr. Heiner Wilmer, erwartet.

Die weiteren Termine der Geistlichen Reihe:

  • Montag, 20. Mai: „,Das denkende Herz‘. Etty Hillesum (1914-1943)“ mit Präsident Professor Dr. Michel Deneken, Universität Straßburg
  • Dienstag, 28. Mai: „Hunger nach Freiheit“ mit Bischof Dr. Heiner Wilmer, Hildesheim

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Bewerbungsphase an der KH Mainz läuft (bis 31.5.)

Studiengänge Soziale Arbeit, Praktische Theologie, Sozialwissenschaften

Mainz. Noch bis zum 31. Mai läuft an der Katholischen Hochschule (KH) in Mainz die Bewerbungsphase für die Bachelorstudiengänge. Folgende Bachelorstudiengänge sind an der KH möglich: Bachelorstudiengang Soziale Arbeit, Internationaler Bachelorstudiengang Sozialwissenschaften „Migration und Integration“, Doppelstudium Soziale Arbeit und Praktische Theologie sowie der Bachelorstudiengang Praktische Theologie. Die Studiengänge beginnen jeweils zum Wintersemester 2019/20.

Hinweis. Die Bewerbung erfolgt über das Online-Portal der Hochschule: www.kh-mz.de/bewerbung. Weitere Informationen auch im Internet unter www.kh-mainz.de

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Dokumentationen

„Ohne den Auferstandenen geht es nicht“

 Predigt von Peter Kohlgraf im Pontifikalgottesdienst am Ostersonntag

Mainz. Am Ostersonntag, 21. April, ist im Mainzer Dom die Auferstehung Jesu Christi gefeiert worden. Der Bischof von Mainz, Peter Kohlgraf, hielt die Predigt. Im Folgenden dokumentieren wir den Wortlaut der Predigt:

„Christus lebt. Er ist unsere Hoffnung, und er ist die schönste Jugend dieser Welt. Alles, was er berührt, verjüngt sich, wird neu, füllt sich mit Leben. Die ersten Worte, die ich also an jeden Einzelnen von euch (jungen Christen) richten möchte, lauten: Er lebt und er will, dass du lebendig bist! Er ist in dir, er ist bei dir und verlässt dich nie. So sehr du dich auch entfernen magst, der Auferstandene ist an deiner Seite; er ruft dich und wartet auf dich, um neu zu beginnen. Wenn du dich aus Traurigkeit oder Groll, Furcht, Zweifel oder Versagen alt fühlst, wird er da sein, um dir Kraft und Hoffnung zurückzugeben.“

Liebe Schwestern, liebe Brüder! Mit diesem starken Glaubens- und Hoffnungsbekenntnis beginnt das nachsynodale Schreiben zur Jugendsynode von Papst Franziskus vom 25. März 2019. „Christus vivit“ – Christus lebt! Diese Erfahrung der ersten Jüngerinnen und Jünger Jesu führt uns auch heute hier zusammen. Vor wenigen Tagen haben wir mit beinahe 1.000 Jugendlichen und ihren Begleitern einen Tag der Vorbereitung auf das Sakrament der Firmung gefeiert. Vorher gab es persönliche Gespräche mit den Jugendlichen und den Firmspendern. Auch ich konnte mit Jugendlichen persönlich sprechen. Sie haben Fragen formuliert. Und es waren tiefgreifende Fragen dabei. Was bedeutet Ihnen Jesus Christus? – haben sie mich gefragt. Da wird es persönlich. Ja, was bedeutet mir Jesus? Und tatsächlich finde ich mich in den Worten von Papst Franziskus wieder. Ich verlasse mich darauf, dass er lebt, dass er an meiner Seite ist, dass er mit mir geht. Dass ich neue Hoffnung bekomme, wenn ich mich alt und mutlos fühle. Ich habe dies in meiner Biographie manchmal erfahren. Er ist mir Freund, Weggefährte, Vorbild, Weg, Wahrheit und Leben. Ohne ihn könnte ich mir ein Leben nicht vorstellen. Ich bin meinen Eltern und den Wegbegleitern in den Glauben unendlich dankbar, dass ich Jesus, den Auferstandenen, kennenlernen durfte. Er hat mich durch viele lichtvolle Zeiten begleitet, aber er verlässt mich auch auf den dunklen Wegstrecken nicht.

In den vergangenen Jahren habe ich immer wieder an den Gräbern lieber Menschen gestanden und bei aller Trauer konnte ich sicher sein, diese Menschen sind in guten Händen. Meine Hoffnung, so formuliert es der Hebräerbrief (6,19) ist wie ein „sicherer und fester Anker der Seele, der hineinreicht in das Innere hinter dem Vorhang“. Diesen Anker werfe ich immer wieder aus. Und er schenkt nicht nur Hoffnung jenseits der Schwelle des Todes. Er geht auch jetzt mit. Im Gebet, in den Sakramenten, in der Gemeinschaft der Glaubenden, im Wort ist er da, persönlich, lebendig, Leben schenkend. In seiner Nachfolge lebe ich. Seinetwegen verzichte ich als Priester auf eine Familie, auf eine enge Form menschlicher Zuwendung. Das ergibt nur einen Sinn, wenn er lebt, wenn er mitgeht, wenn er mein Freund ist, wenn seine Liebe meine Motivation ist.

Der Religionspädagoge Albert Biesinger hat ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Kinder nicht um Gott betrügen.“ Er beginnt sein Buch mit einem persönlichen Brief einer jungen Frau, die sterben wird, an ihre Mutter. Bei allem Dank an die Mutter für die Hingabe und Liebe formuliert sie eine große Not: „Ich fühle jetzt, dass da noch etwas ist, etwas Geheimnisvolles, eine Macht, der wir in die Hände fallen, der wir antworten müssen auf alle Fragen. Und das ist meine Qual, dass ich nicht weiß, wer das ist. Wenn ich ihn kennen würde! Mutter, weißt du noch, wie du mit uns Kindern durch den Wald gingst bei einbrechender Dunkelheit, dem Vater entgegen, der von der Arbeit kam? Wir liefen dir manchmal davon und sahen uns plötzlich allein. Schritte kamen durch die Finsternis (…). Welche Freude, wenn wir den Schritt erkannten als den Deinen, den der Mutter, die uns liebte. Und nun höre ich in der Einsamkeit Schritte, die ich nicht kenne. (…). Du hast für mich gesorgt, du wurdest nicht müde über allem Sorgen. (…). Warum hast du uns von so vielem gesagt und nicht – von Jesus Christus? Warum hast du uns nicht bekannt gemacht mit dem Klang seines Schrittes, dass ich merken könnte, ob er zu mir kommt in dieser letzten Nacht (…)?“ (ebd. S. 8).

Ich habe ihn kennengelernt, und dafür bin ich unendlich dankbar. Meine große Sorge als Bischof ist die, dass zunehmend Menschen mit uns leben, die ihn nicht mehr kennen, die ihn aber scheinbar auch nicht mehr vermissen, die davon ausgehen, dass am Ende Schluss ist, und keine Schritte, kein Licht, keine Hoffnung, keine Ewigkeit. Ich halte dies für eine katastrophale Verarmung des Menschseins. Es wäre so wunderbar, wenn diese Menschen in der Gemeinschaft der Kirche die Erfahrung hätten machen dürfen, wie großartig und belebend dieser Glaube sein kann: Er lebt und er will, dass du lebendig bist! Ich danke allen, die ihre Kinder nicht um Gott betrügen, um diese große Hoffnung, um diesen Freund und Wegbegleiter! Ich ermutige die Eltern, Kinder mit Gott in Berührung zu bringen. Der Glaube an diesen Freund und Wegbegleiter Jesus zeigt mir die Würde jedes Menschen, dessen Bruder er geworden ist. Wir laufen zunehmend Gefahr, den Menschen auf Perfektion und Nützlichkeit zu trimmen. Leben im Sinne Jesu ist etwas anderes: es ist das Vertrauen auf eine Liebe, die vor jeder Leistung, vor jeder Perfektion steht, und die ewige Treue bedeutet.

Die Kirche ist die Gemeinschaft derer, die ihren Anker hoffnungsvoll hinter den Vorhang ausgeworfen haben. Sie ist die Gemeinschaft derer, die wissen und hoffen, wessen Schritte im Dunkel auf sie zukommen. Es tut mir oft so weh, wenn Menschen ihre Verachtung, ja, auch ihren Hass über die Kirche ausschütten. Es stimmt, Menschen haben in der Kirche vielfaches Leid angerichtet. Aber die Kirche bleibt die Gemeinschaft der Menschen, die aus der Hoffnung auf Leben über den Tod hinaus diese Welt mitgestalten. Kirche ist der Ort der Gegenwart Christi. Vor einigen Wochen hatte ich einen Gottesdienst in einer Gemeinde, und die Predigt bezog sich auf eine Aussage des Apostels Paulus: „Ist Christus (…) nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer, leer auch euer Glaube.“ (1 Kor 15,14). Etwas überspitzt vielleicht hatte ich gesagt: „Wenn Jesus nicht lebt, können wir die Kirche dicht machen.“ Im Anschluss protestierte ein Mann. Die Kirche mache so viel Gutes, das könne im Grunde auch ohne den Auferstandenen geschehen. Ich glaube das nicht. Papst Franziskus hat immer wieder gesagt, die Kirche sei keine „NGO“, also keine nur gemeinnützliche und sozial aktive Gesellschaft. Damit würde sie austauschbar. Manchmal reduzieren wir uns wohl selbst darauf, wenn wir unsere Nützlichkeit und gesellschaftliche Relevanz hervorheben. Ja, wir tun viel Nützliches, Menschen engagieren sich im Geiste Christi für andere, und leisten damit Unverzichtbares. Aber ohne den Auferstandenen geht es nicht. Mit dem Auferstandenen haben wir einen Grund, der uns leitet, der uns motiviert. Und noch mehr: wir sehen den Menschen, dem wir helfen wollen, anders als eine NGO. Wir sehen in jedem Menschen das Ebenbild Gottes, zur Ewigkeit gerufen, unzerstörbar, ewig, einmalig, eingeschrieben in Gottes Hand. Wir geben ihm Brot, aber wir sprechen ihm auch den Glanz ewigen Lebens zu. Das macht christliche soziale Arbeit so besonders, so unverzichtbar, so menschenfreundlich.

Viele Osterevangelien sind Geschichten vom Suchen und Finden. Jesus zeigt sich, die Zeugen erkennen ihn nicht, sie suchen ihn, und er entzieht sich. Das sind sehr realistische Texte. Der Glaube bleibt bei aller Hoffnung ein lebenslanges Tasten und Ringen, ein Suchen und Gefundenwerden von Ihm, dem Freund und Weggefährten. Mit Ihm bin ich nie am Ende. Er ist da, er lebt. Und er sucht auch noch nach jedem Menschen, der sich entfernt. So schreibt es der Papst. Gott gibt die Welt und die Menschen nicht auf. „So sehr du dich entfernen magst, er bleibt an deiner Seite.“ Gerne würde ich das den Menschen sagen, die sich aus unterschiedlichen Gründen von der Kirche entfernen. Du bleibst geliebt, wir alle.

„Christus lebt. Er ist unsere Hoffnung, und er ist die schönste Jugend dieser Welt. Alles, was er berührt, verjüngt sich, wird neu, füllt sich mit Leben.“ (Papst Franziskus). Möge dieses Osterfest eine solche Erfahrung neuen Lebens sein. Für jeden und jede Einzelne, für die Kirche, für unsere Welt.

(MBN)

 

Auferstehung ist das Hineingehen in eine unvorstellbare Lebensweise

Predigt von Peter Kohlgraf im Gottesdienst am Ostermontag in Mainz-St. Quintin

Mainz. Am Ostermontag, 22. April, hat der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf einen Gottesdienst in Mainz-St. Quintin gehalten. Im Folgenden dokumentieren wir den Wortlaut der Predigt:

In den vergangenen Tagen bewegten viele Menschen die Bilder der brennenden Kathedrale Notre Dame in Paris. Nachdem der Brand gelöscht werden konnte, gingen die Feuerwehrleute in den durch Feuer und Wasser zerstörten Innenraum. Das Bild von diesem Raumeindruck ging ebenfalls um die Welt. Über dem Altar hing das Kreuz, von der Sonne durch die kaputten Fenster beschienen. Ein mehr als beeindruckendes Bild, ein Bild starker österlicher Hoffnung in den Ruinen der Kirche.

Es hilft mir, die Situation der Jünger auf dem Weg nach Emmaus und die Situation der in Jerusalem zurückgebliebenen Männer und Frauen zu betrachten. Sie stehen tatsächlich vor den Ruinen ihres Lebens und ihres Glaubens. Sie formulieren gegenüber dem seltsamen Wanderer, der mit ihnen geht, was in ihnen vorgeht: „Wir aber hatten gehofft, dass er (Jesus) der sei, der Israel erlösen werde.“ Und der Hinweis auf den dritten Tag seit der Hinrichtung Jesu betont die Endgültigkeit. Menschen haben auf Jesus ihre ganze Hoffnung gesetzt, er sollte Israel erlösen. Ob sich dahinter die Hoffnung auf eine politische Befreiung verbarg? Oder der machtvolle Erweis, dass in großen und beeindruckenden Zeichen nun endlich für ganz Israel die Gottesherrschaft hereinbrechen würde? Und sie hätten gerne dabei mitgewirkt. Und nun: keine Erlösung, Jahre des Lebens weggeworfen. Dazu kommt die Trauer, denn sie waren Freunde gewesen. Ich vermag mir nicht vorzustellen, was in diesen Menschen vorgegangen ist, deren gesamter Lebensentwurf und deren Glaube in wenigen Tagen zerstört wurden und nun in Ruinen darniederliegen. Dem Evangelisten geht es nicht allein um eine historische Erinnerung, sondern er beschreibt Erfahrungen des Glaubens, die Jesus vielen Menschen schenken will.

Vertraue darauf, dass er lebt, sagt er uns. Diese umwerfende Erfahrung geben uns die Jünger von Emmaus weiter. Darin besteht der zentrale christliche Glaubensinhalt. Er lebt nicht sein irdisches Leben weiter. Auferweckung, Auferstehung ist das Hineingehen in eine unvorstellbare Lebensweise, ein Leben in Fülle, ein Leben in Gott, und doch in unvorstellbarer Nähe zu den Menschen. Paulus fasst diese Botschaft zusammen: „Wir verkünden, wie es in der Schrift steht, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was in keines Menschen Herz gedrungen ist, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“ (1 Kor 2,9). Gott ist ein lebendiger und lebensstiftender Gott, so lautet der österliche Glaube. Wie das leuchtende Kreuz in Notre Dame hoffe ich, dass mich und die vielen Menschen in der Nachfolge Jesu dieser Glaube immer begleiten und stärken mag, besonders in den Situationen, in denen alles am Boden zu sein scheint.

Er geht mit dir, er geht mit euch, wo immer zwei in seinem Namen unterwegs sind, sagt uns der Evangelist. Das Bild des Weges der zwei Jünger ist wohl nicht zufällig. Immer wieder sind Menschen unterwegs, und lernen Gott dabei als einen Gott des Weges besser kennen. Bischof Franz Kamphaus hat über die Erfahrung Gottes auf dem Weg einmal so geschrieben: „Der Gott Israels ist von seinen Ursprüngen her ein Weg-Gott, immer dabei auf den Wegen des Volkes und des Einzelnen. Seine Beweglichkeit ist Ausdruck seines Wesens, seiner Wegtreue und seiner Freiheit.“ 

Die Christen der ersten Stunde nennen sich selbst „Anhänger des neuen Weges“. (Apg 9,2). In Jesus hat der Gott des Bundes ein Gesicht bekommen, in Jesus ist seine Lebenskraft greifbar geworden in der Auferweckung. Bei den Jüngern von Emmaus wird der Weg von einer Flucht zu einem Weg der Verkündigung, des Zeugnisses und eines hoffnungsvollen Aufbruchs in eine neue Zukunft. Glaube verändert sich, entfaltet sich, in dem wir auf einem Weg bleiben: Damit verbinde ich Lebendigkeit des Glaubens, aber auch, dass er als Zeugnis auf die Straße gehört. Glaube als Wegerfahrung ist kein Privatbesitz, nichts für die stille Kammer allein. „Bleibe bei uns, du Wandrer durch die Zeit“ (Gotteslob Nr. 325). Diese Bitte aus einem Osterlied nehme ich als meinen persönlichen Osterwunsch.

Auf dem Weg braucht es feste Haltepunkte, es braucht die Herbergen, sagt uns der Evangelist. Es braucht die heiligen Orte, Zeiten und Räume. „Der Weg ist nicht das Ziel“, betont Bischof Kamphaus in seiner Predigt. Die junge Kirche sieht wohl im Brechen des Brotes ein derartiges Zentrum, ohne das sich der Glaube zu verflüssigen droht. Das gilt für den Glauben in und mit der Kirche bis heute. Glaube kann nicht nur ein Tasten, Suchen und Fragen sein, so sehr er dies oft tatsächlich ist. Er kann nicht nur flüssig sein, es braucht auf dem Weg der Einzelnen auch die gemeinsame Feier, in der wir uns beschenken lassen von seiner Gegenwart im Brot und im Wein. Hier hat der Glaube der vielen Einzelnen sein Zentrum. Es ist ein Glaube, den wir uns nicht machen, sondern der ein Geschenk ist, denn er lebt aus der Erfahrung der Gegenwart des Auferstandenen. Die Verpflichtung zur Sonntagsmesse, die in der katholischen Kirche gilt, ist daher keine Schikane. Dahinter steht eine Sorge um den Glauben des einzelnen Menschen. Dahinter liegt die bis in die frühe Gemeinde zurückgehende Erfahrung, dass ein nur im Privaten und in der persönlichen Suche gelebter Glaube ohne den festen Ankerpunkt der in der Gemeinde gefeierten Eucharistie buchstäblich seinen Halt verliert und auf der Strecke bleibt. Denn es ist Christus selbst, der sich verschenkt. Unsere Gottesdienste besonders am Sonntag sollten neu als derartige lebensnotwendige Herbergen verstanden werden. Es ist die verantwortungsvolle Aufgabe unserer Priester und Seelsorgerinnen und Seelsorger, dass diese Begegnungen mit dem Herrn das Herz auch zum Brennen bringen können.

Lerne mit anderen, das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu neu und tiefer zu verstehen. Die Jünger sprechen auf dem Weg über ihre Erfahrungen mit Jesus. Ich erlebe oft eine Hilflosigkeit in den Fragen religiöser Kommunikation. Eltern trauen sich oft nicht, mit den Kindern über den Glauben zu sprechen, berichten unsere Erzieherinnen in den Kindertageseinrichtungen. Erwachsene sprechen über alles Mögliche, es gibt beinahe keine Tabus. Eines der letzten großen Tabus bleiben der persönliche Glaube und die persönliche Glaubenserfahrung. Im Hören auf den anderen, im Teilen der Erfahrungen entfaltet sich der eigene Glaube. Wir nehmen ihm durch das Schweigen in Glaubensthemen eine große Chance der Entfaltung und Entwicklung. Es wäre mein großer Wunsch, dass wir alle da mutiger würden, am Ende profitieren wir alle davon.

Ich schaue auf das leuchtende Kreuz in Notre Dame. In den vielen Realitäten unserer Welt, unserer Kirche und meines Lebens bleibt die Hoffnung auf ihn. Er lebt, er geht mit, er schenkt sich immer wieder.

(MBN)

 

„Der Blick ist für alle offen.“

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf am Karfreitag im Mainzer Dom

Mainz. Am Karfreitag, 19. April, wurde im Mainzer Dom an das Leiden und Sterben Jesu Christi erinnert. Der Mainzer Bischof, Peter Kohlgraf, hat die Predigt gehalten. Im Folgenden dokumentieren wir den Wortlaut der Predigt:

Dem Markusevangelium zufolge ereignen sich zur Todesstunde Jesu dramatische Dinge (vgl. Mk 15,33-41). Mittags tritt eine Finsternis ein, die Mächte des Himmels sind erschüttert. Für diese Welt gibt es kein Licht, scheinbar keine Hoffnung mehr. Nachdem Jesus mit den Worten des Psalms 22 nach Gott, seinem Vater, gerufen hat: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, reißt der Vorhang des Tempels von oben bis unten entzwei. Der Vorhang verhinderte den Blick des Volkes in das Allerheiligste des Tempels. Jetzt, mit dem Tod Jesu, seiner letzten und radikalsten Hingabe an den Vater und die Menschen ist der Blick in das Allerheiligste freigeworden. Das Allerheiligste im Tempel: Einmal im Jahr durfte der Hohepriester dieses Allerheiligste betreten. Im alten Jerusalemer Tempel befanden sich dort die Bundeslade und die Bundestafeln. Sie waren der Beweis für Gottes Treue, seine Zuwendung, Vergegenwärtigung der Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens. In dieses Allerheiligste geht der Hohepriester einmal im Jahr, um Opfer für die Sünden des Volkes darzubringen. Betreten darf nur er allein diesen Raum hinter dem Vorhang. Gott kann man sich nicht so einfach nähern, der Eintritt in das Allerheiligste war sicher für den Hohepriester jedes Jahr eine umwerfende Erfahrung, ein Erleben in Furcht und Zittern. Seit Mose war klar: „Kein Mensch kann mich (Gott) sehen und am Leben bleiben.“ (Ex 33,18). Die Begegnung mit dem großen Gott überfordert den kleinen, sündigen Menschen. Der Priester musste die Zuwendung des großen, unvorstellbaren Gottes vermitteln, er tritt vor Gott, weil die Menschen seine Nähe nicht aushalten können. In der Erfahrung der Finsternis hat dieser Gott angesichts des Todes seines Sohnes sein Angesicht verborgen: Warum hast du uns verlassen? Die Sünde, das Böse ist übermächtig geworden, der Bruch des Bundes, die Abkehr der Menschen von der angebotenen Liebe Gottes zu radikal, scheinbar unumkehrbar. Das war es dann gewesen.

Und dann reißt dieser Vorhang und gibt den Blick ins Allerheiligste frei. Unvorstellbar. Der erste, der versteht, ist dann der römische Hauptmann, der bekennt: Dieser Mensch war Gottes Sohn. Es braucht keinen Hohepriester mehr, jeder, der Jesus sieht, sieht die Wirklichkeit und die Gegenwart Gottes. Jesus selbst ist der Hohepriester, der sich hingibt. Gehen wir zurück in das Markusevangelium. Jesus vollbringt dort staunenswerte Wunder und Zeichen, er treibt Dämonen aus, er heilt Kranke, er vergibt Schuld, was nur Gott selbst zusteht. Die Leute staunen und können diese Erfahrungen nicht für sich behalten, zu großartig ist das, was sie erleben. Und man sollte meinen, Jesus würde sie ermutigen, die Botschaft weiter zu tragen. Allerdings geschieht genau dies nicht: „Er aber gebot ihnen, dass sie ihn nicht bekannt machen sollten.“ (Mk 3,12). Bibelausleger haben sich immer gefragt, warum Jesus so reagiert. Dahinter scheint die Auffassung Jesu zu stecken, dass man ihn nicht verstehen könne, wenn man seinen konsequenten Weg zum Kreuz nicht mitgeht, sondern seinen Glauben an den Wundern und Zeichen festmacht. Erst nachdem er seinen Weg vollendet hat, ist der Blick ins Allerheiligste offen, kann man den Plan Gottes begreifen. Erst am Karfreitag erschließt sich der Sinn des Lebens und Wirkens Jesu. Alles ist Hingabe bis zum letzten. Der Hebräerbrief formuliert entsprechend, wie Jesus sein Priestertum, seine Zuwendung zu den Menschen gelebt hat: „So hat auch Christus sich nicht selbst die Würde verliehen, Hohepriester zu werden, sondern der zu ihm gesprochen hat: Mein Sohn bist du. Ich habe dich heute gezeugt, wie er auch an anderer Stelle sagt: Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks. Er hat in den Tagen seines irdischen Lebens mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört worden aufgrund seiner Gottesfurcht. Obwohl er der Sohn war, hat er durch das, was er gelitten hat, den Gehorsam gelernt; zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden und wurde von Gott angeredet als Hohepriester nach der Ordnung Melchisedeks.“ (Hebr 5,5-10). Wer Jesus nur über die Wunder sucht, wird ihn nicht verstehen. Erst im Leiden und Sterben zeigt er die wahre Größe Gottes. Es ist paradox. Gottes Macht zeigt sich in der Hingabe, in der Schwäche, im Sterben. Erst wenn das ins Herz geht, beginnen die Wunder und Worte Jesu zu leuchten. Jetzt öffnet sich der Vorhang ins Allerheiligste. Jetzt beginnt die Liebe Gottes konkret zu werden. Wer Jesus, den Gekreuzigten sieht, beginnt, Gott nahe zu kommen, nach und nach zu begreifen, wie er ist.

Der Blick ist für alle offen. Es braucht keinen Hohepriester mehr, weil Jesus selbst den Weg und den Blick in das Herz Gottes geöffnet hat. Wer ihn sieht, sieht den Vater. Es gibt wohl noch einen Grund, warum Jesus zu Lebzeiten nicht will, dass man nur über die Wunder staunt und von ihnen erzählt. Wer den Blick in das Heiligtum geworfen hat, muss selbst den Weg der Nachfolge Jesu gehen lernen. Im Glauben geht es nicht allein um das Staunen vor der Größe Gottes, sondern um das eigene Hineingehen in die Lebensform Jesu. Der Blick in das Allerheiligste bleibt nicht ohne Folgen. Tatsächlich folgt aus dieser Erfahrung der unendlichen Liebe, die sich am Kreuz gibt, die Bewegung der Jüngerinnen und Jünger, daraus entsteht die Kirche. Seit Paulus ist klar, dass sie nicht eine Bewegung der Klugen und Mächtigen sein solle, sondern: „Seht doch auf eure Berufung, Brüder und Schwestern! Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme, sondern das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten, damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott. Von ihm her seid ihr in Christus Jesus, den Gott für uns zur Weisheit gemacht hat, zur Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung. Wer sich also rühmen will, der rühme sich des Herrn; so heißt es schon in der Schrift.“ (1 Kor 1,26-31). Paulus spricht nicht gegen Klugheit und Intelligenz. Er erinnert wohl daran, was die Berufung des Christen ausmacht: die Nachfolge Christi, des Gekreuzigten, seine Hingabe, sein Beispiel, dem es zu folgen gilt. Wir müssen lernen, was es heißt, den Weg der Hingabe und des Kreuzes mitzugehen. Es ist jedenfalls nicht der Weg der Herrschaft und der Macht. Es ist nicht der Weg, Menschen vom Heil auszuschließen, sondern einzuladen.

Es ist Auftrag der Kirche, den Vorhang, den Blick ins Allerheiligste offen zu halten, und nicht, den Zugang und den Blick zu versperren. Wir erkennen, dass das nicht immer überzeugend gelingt, ganz im Gegenteil: Oft genug bin ich selbst der Grund dafür, dass Menschen die Liebe Gottes in Jesus Christus nicht mehr glauben können und wollen. Auch wenn der Himmel sich verdunkelt und die Erde bebt, der Vorhang bleibt von Seiten Gottes offen. Er beantwortet den Hass und die Sünde mit seiner bleibenden Gegenwart. Es wird Ostern werden. 

(MBN)

 

„Die Geschichte möchte ich mir ohne die Kirche nicht vorstellen“

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf am Gründonnerstag im Mainzer Dom

Mainz. Am Gründonnerstagabend, 18. April, wurde im Mainzer Dom an das letzte Abendmahl Jesu Christi erinnert. Der Mainzer Bischof, Peter Kohlgraf, hat die Predigt gehalten. Im Folgenden dokumentieren wir den Wortlaut der Predigt:

„Macht das richtig und überzeugend, wozu ich euch gesandt habe“, scheint Jesus uns in dieser Zeit lauter zuzurufen als in vielen Jahren zuvor. Vor einigen Jahren begann man in verschiedenen Bistümern, Beratungsunternehmen zu beauftragen, die Diözesen auf Wirtschaftlichkeit hin zu untersuchen. Am Ende stand die Forderung, die Kirche solle ihre Kernkompetenzen neu entdecken. Was aber diese Kernkompetenzen sein sollen, ist nicht immer ganz klar. Nach solchen Beratungsprozessen stand der karitative Dienst oft schlecht da. Kirche solle verkündigen, Werte vertreten und die Sakramente spenden. Soziale Dienste könnten auch andere verrichten. Hätte man vielleicht einen Blick in die Texte des Gründonnerstags geworfen, hätte man sich einige Mühe sparen können. Kernkompetenzen neu entdecken, darum geht es heute Abend. Was macht also die Kirche unverwechselbar und damit auch unverzichtbar?

Beginnen wir mit der Fußwaschung. Er erniedrigt sich und macht sich zum Sklaven. Die Fußwaschung macht die Menschen fähig, ihm zu begegnen. Nicht die eigenen Leistungen, sondern seine vergebende Zuwendung machen uns würdig, mit ihm am Tisch zu sitzen. Auch den engsten Freunden Jesu wird nicht die Erfahrung erspart, dass sie sich reinigen lassen müssen. So etwas anzunehmen, konnte schon Petrus nicht akzeptieren. Ohne Reinigung, das Eingeständnis der eigenen Schuld, kann es keine tiefe Verbindung mit Christus geben. Am Beginn jeder Eucharistie steht das Schuldbekenntnis. Das ist mehr als eine nichtssagende Floskel. Wir halten Christus unseren Schmutz hin, und jeder braucht diese Vergebung. Im Laufe der Eucharistiefeier wird deutlich, dass dies keine billige Gnade ist, sondern dass seine Hingabe am Kreuz der Preis ist, den Christus bezahlt hat. Auch wer an die göttliche Gnade glaubt, sollte nicht leichtfertig mit ihr umgehen, sondern bedenken, was Christus zu geben bereit war. Lernt also als Freunde Jesu, dass ihr Vergebung braucht. Lernt die Liebe anzunehmen, die Jesus euch schenken will. Eine seltsame Kernkompetenz der Kirche und eines jeden Glaubenden: Vergebung annehmen und zu den eigenen Sünden zu stehen.

Begreift ihr, was ich euch getan habe, fragt Jesus? Wenn ich euch den Sklavendienst getan habe, dann müsst auch ihr entsprechend handeln. Theoretisch weiß das die Kirche seit ihren Anfängen. Sie soll sich zur Dienerin der Menschen machen, wie Christus sich zum Diener aller gemacht hat. Und in vielen Beispielen gelingt ihr das auch vorbildlich. Die Geschichte der letzten 2.000 Jahre möchte ich mir ohne die Kirche nicht vorstellen. Ich möchte mir unsere Welt nicht vorstellen, ohne Christinnen und Christen, die ihren Glauben leben und gelebt haben. Bis heute treten Menschen ein in die Hingabe Jesu und leben diese auf ihre Art und Weise im Alltag. Wenn aber heute oft an der Kirche Kritik geübt wird, dann wegen der Wahrnehmung, sie lebe selbst nicht mehr das, was Christus von ihr gefordert habe. Pauschal formuliert ist diese Behauptung ungerecht, genauso oft trifft sie jedoch ins Schwarze. In einer Zeit großer persönlicher und kirchlicher Krise hat der Jesuitenpater Alfred Delp einige Wochen vor seiner Hinrichtung 1945 folgenden Gedanken geäußert. Ob die Kirche noch einmal den Weg zu den Menschen finden kann, hängt für ihn wesentlich von der Rückkehr der Kirchen in die „Diakonie“, in den Dienst der Menschheit ab: „Es wird kein Mensch an die Botschaft vom Heil und vom Heiland glauben, solange wir uns nicht blutig geschunden haben im Dienste des physisch, psychisch, sozial, wirtschaftlich, sittlich oder sonstwie kranken Menschen“ (Gesammelte Schriften IV, 1984, S. 319). Dieser Satz hat nichts an Aktualität verloren. Wenn Jesus uns zur Fußwaschung auffordert, sagt er nichts anderes. Und vielleicht sieht er die schlimme Versuchung seiner Jünger voraus: sich mehr bedienen lassen zu wollen als zu dienen. Die Menschen mehr für ihre Zwecke zu nutzen, als ihnen helfen zu wollen. Die Menschen mehr ihren Bedürfnissen anzupassen, als allen alles zu werden, wie der Apostel Paulus einmal seinen Dienst umschreibt. Macht endlich wieder das, was euch aufgetragen ist, höre ich den Herrn heute sagen.

Kernkompetenzen neu leben lernen: Die Menschen in die Gemeinschaft mit ihrem Erlöser Jesus Christus bringen. Wir haben ein wunderbares Angebot: das Wort Gottes und die Speise ewigen Lebens. Der Mensch heute hungert doch auch nicht nur nach Geld und vordergründiger Nahrung. Sicher, es gibt viele Gründe, warum der Mensch Gottes Angebot nicht annimmt. Die äußere Gestalt der Kirche ist sicher einer der Gründe. Vielleicht liegt es auch daran, dass uns oft so wenig anzumerken ist, dass wir diese Speise brauchen, dass sie uns heilig ist, dass wir ohne sie nicht leben können? Dass sie uns vor allem zu froheren Menschen und zu einer guten Gemeinschaft führt? Der heilige Pfarrer von Ars beklagte seinerzeit, dass so wenige Menschen aus falscher Scheu zur Eucharistie kommen. Das hat sich gewandelt. Heute kommen praktisch 100 Prozent der Messbesucher. Ob er sich da nicht auch gewundert hätte? Wenn wir nach unseren Kernkompetenzen fragen, dann muss dazu gehören: die Speise, die Christus ist, so zu reichen, dass spürbar wird, wer uns da begegnet. Wir haben in den vergangenen Monaten kontrovers über den Kommunionempfang evangelischer Christen in konfessionsverbindenden Ehen diskutiert. Nicht wenige Reaktionen waren polemisch gegen eine derartige Möglichkeit. Die eigene Würdigkeit hat in den Zuschriften kein Einzelner in Frage gestellt. Tatsächlich ist die Eucharistie keine Belohnung für die besonders Frommen, sondern das Heilmittel für die Sünder, wie es Papst Franziskus einmal formuliert hat. Und dennoch sollten wir bewusster, andächtiger, froher hinzutreten. Der Kommunionempfang ist jedes Mal das Angebot einer tiefen Freundschaft, die ich mir nicht verdient habe.

Lernt neu, das zu tun, wozu ich euch gesandt habe: Lebt aus der Freundschaft mit Christus, lernt zu leben und zu dienen wie er, bietet den Menschen nicht euch selbst an, sondern das Wort Gottes und das Brot des ewigen Lebens, das er schenkt. Wenn Gott zu uns spricht durch die Zeichen der Zeit, ruft er uns – meine ich – überlaut die Kernthemen ins Ohr: Barmherzigkeit und Vergebung, Eingestehen der eigenen Schuld, Zuwendung zu den Schwachen und die bewusste Feier seiner Nähe im Wort und Sakrament.

(MBN)

Bilder zu MBN Nr. 16/2019

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