Fasten, Beten und Almosen geben sind „Wegmarken der Menschlichkeit“

Bischof Kohlgraf feierte Gottesdienst an Aschermittwoch / Impuls mit Hans Joas

Mainz, 18. Februar 2026: Bischof Peter Kohlgraf im Gespräch mit den Soziologen und Religionsphilosophen Hans Joas (links) beim Impuls zum Aschermittwoch im Erbacher Hof. (c) Bistum Mainz / Blum
Datum:
Mi. 18. Feb. 2026
Von:
tob (MBN)

Mainz. „Tatsächlich ruft uns die österliche Bußzeit zur Entscheidung: Willst du Wolf sein oder willst du im Sinne einer gemeinsamen Verantwortung Mensch sein? Es geht um eine Entscheidung, welchem Menschenbild und welcher Haltung du folgen willst.“ Das sagte der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf an Aschermittwoch, 18. Februar, in seiner Predigt im Mainzer Dom. Fasten, Beten und Almosen geben als besondere Prägungen der österlichen Bußzeit bezeichnete Kohlgraf als „drei Wegmarken der Menschlichkeit“. 

Mainz, 18. Februar 2026: Bischof Peter Kohlgraf zeichnet an Aschermittwoch im Mainzer Dom mit Asche ein Kreuz auf die Stirn der Gläubigen. (c) Bistum Mainz / Blum

Der Gottesdienst war zugleich Auftakt für den traditionellen Impuls zum Aschermittwoch im Erbacher Hof. Die Akademie hatte in diesem Jahr unter der Überschrift „Hoffen auf Menschlichkeit? Ein Ideal zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ den Soziologen und Religionsphilosophen Hans Joas eingeladen.

Weiter sagte Kohlgraf in seiner Predigt: „Wir sind eingeladen, in den kommenden Wochen Menschen zu werden, die Empathie, also Einfühlungsvermögen gegenüber anderen, sowie Barmherzigkeit, Rücksicht, Achtsamkeit, Toleranz und Respekt leben. Sie werden damit Gott ähnlich werden, dessen Wesen selbst Hingabe und Menschenfreundlichkeit, ja Menschlichkeit ist.“ Und weiter: „Wer fastet, öffnet sein Herz für die Bedürfnisse anderer. Der Mensch, der verzichten kann, hört auf, seine Bedarfe absolut zu setzen. Abhängigkeiten werden entlarvt und am Ende geht es um die innere Freiheit des Menschen, seinen Blick auf die Welt und andere Menschen zu weiten. Fasten ist ein Beitrag zur Suche nach Menschlichkeit. Ein freier Mensch lässt sich von den Bedürfnissen anderer berühren und versteht sich als Beschenkter, nicht als jemand, der einen Rechtsanspruch auf die Gaben der Schöpfung hat.“

Mainz, 18. Februar 2026: Impuls zum Aschermittwoch im Erbacher Hof: Hans Joas (rechts) im Gespräch mit Andreas Linsenmann. (c) Bistum Mainz / Blum

Wörtlich sagte der Bischof: „Im Gebet tragen wir die ganze Welt vor Gott, die Not der vielen, den Dank für die Schöpfung, deren Teil ich bin. Im Gebet lebe ich Beziehung, die für mich zur Menschlichkeit gehört. Das Gebet bricht jeden Egoismus und problematischen Selbstbezug auf. Jesus wird mir immer wieder zum Helfer beim Beten.“ Und weiter: „Das Almosengeben steht dafür, dass Menschlichkeit nicht nur eine schöne Idee bleibt, sondern zur Tat wird. Almosen geben muss nach dem biblischen Zeugnis auch heißen, Strukturen von Ungerechtigkeit anzuschauen und zu verändern. In der biblischen Verkündigung wird auch deutlich, dass Teilen und Zuwendung nicht delegierbar sind.“ Musikalisch gestaltet wurde der Gottesdienst vom Mainzer Domchor unter der Leitung von Domkapellmeister Professor Karsten Storck sowie Domorganist Professor Daniel Beckmann an der Orgel.

Impuls mit dem Soziologen und Religionsphilosophen Hans Joas

Mainz, 18. Februar 2026: Der Mainzer Domdekan Henning Priesel (rechts) zeichnet Bischof Peter Kohlgraf an Aschermittwoch im Mainzer Dom mit Asche ein Kreuz auf die Stirn. (c) Bistum Mainz / Blum

Beim anschließenden Impuls im Erbacher Hof diskutierte Hans Joas im Gespräch mit Akademiedirektor Dr. Andreas Linsenmann verschiedene Aspekte seines im vergangenen Jahr erschienenen Buches „Universalismus. Weltherrschaft und Menschheitsethos“. Joas ging außerdem in einer Fragerunde auf Rückfragen aus dem Publikum ein. Linsenmann hatte den Abend gemeinsam mit Akademiedirektorin Dr. Marita Liebermann moderiert.

Stichwort: Fastenzeit / Aschermittwoch

Mainz, 18. Februar 2026: Marita Liebermann (rechts) moderierte den Abend gemeinsam mit Andreas Linsenmann. (c) Bistum Mainz / Blum

Die Fastenzeit ist die 40-tägige Vorbereitungszeit der Kirche auf Ostern, das Fest der Auferstehung Jesu von den Toten. Die Fastenzeit wird auch österliche Bußzeit genannt. Sie beginnt mit dem Aschermittwoch und endet mit dem Karsamstag. Insgesamt umfasst sie 46 Kalendertage, allerdings sind die sechs Sonntage vom Fasten ausgenommen, da an jedem Sonntag in der Kirche die Auferstehung gefeiert wird. Charakteristisch für diese Zeit sind seit ältester Zeit Tauferinnerung bzw. -vorbereitung sowie Fasten und Buße. Neben dem Aschermittwoch ist nur noch der Karfreitag als strenger Fastentag vorgeschrieben.

Am Aschermittwoch lassen sich katholische Christen beim Gottesdienst mit Asche ein Kreuz auf die Stirn zeichnen als Symbol der Vergänglichkeit allen Lebens. Die Austeilung der Asche ist Appell zur Umkehr und zur Vorbereitung auf Ostern. Sie erfolgt mit den Worten: „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staube zurückkehrst.“ Seit dem zwölften Jahrhundert wird die verwendete Asche aus Palmzweigen des Vorjahres gewonnen.

Mainz, 18. Februar 2026: Einzug des Mainzer Domchores unter Leitung von Domkapellmeister Karsten Storck zum Gottesdienst an Aschermittwoch im Mainzer Dom. (c) Bistum Mainz / Blum

In der Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils „Sacrosanctum concilium“ (1964) heißt es zur Fastenzeit: „Die vierzigtägige Fastenzeit hat die doppelte Aufgabe, einerseits vor allem durch Tauferinnerung oder Taufvorbereitung, andererseits durch Buße, die Gläubigen, die in dieser Zeit mit größerem Eifer das Wort Gottes hören und dem Gebet obliegen sollen, auf die Feier des Pascha-Mysteriums vorzubereiten.“ (SC 109) Die Bischöfe schreiben jeweils zur Fastenzeit einen Hirtenbrief, der in den Gemeinden an einem der Sonntage verlesen wird. Die liturgische Farbe in den Gottesdiensten der Fastenzeit ist violett.

Bereits aus dem zweiten Jahrhundert gibt es Berichte darüber, dass sich Christen durch ein zweitägiges Trauerfasten auf das Osterfest vorbereitet haben. Im dritten Jahrhundert wurde es auf die ganze Karwoche ausgedehnt. Seit dem vierten Jahrhundert ist die 40-tägige Fastenzeit vor Ostern fester Brauch der Kirche. Der Zeitraum von 40 Tagen ist biblischen Ursprungs und leitet sich vor allem von der 40-tägigen Gebets- und Fastenzeit her, die Jesus nach seiner Taufe im Jordan auf sich nahm (Mt 4,1-11). Das Alte Testament berichtet an anderen Stellen unter anderem, dass Mose während der 40 Tage auf dem Berg Sinai nichts aß und trank (Ex 24,18). Von Elias wird erzählt, dass er 40 Tage zum Berg Horeb wanderte, ohne etwas zu essen (1 Kön 19,8).