Kohlgraf: Einladung zur Gestaltung des lebendigen Glaubens

Pfarreigründungsgottesdienst in Gießen / Insgesamt elf Neugründungen im Jahr 2026

Gießen, 11. Januar 2026: Bischof Peter Kohlgraf bei seiner Predigt im Gründungsgottesdienst in St. Bonifatius. (c) Bistum Mainz / Blum
Datum:
So. 11. Jan. 2026
Von:
tob (MBN)

Gießen. „Strukturen müssen mit Inhalt gefüllt werden. Und das fängt damit an, die Gegenwart nicht nur als Zeit des Verfalls zu sehen, sondern als Einladung zur Gestaltung des lebendigen Glaubens. Dazu braucht es jeden und jede. Denn der Glaube ist bunt. Er lebt von den vielen unterschiedlichen Glaubenserfahrungen der Menschen, von ihren Hoffnungen und Freude, Sorgen, Ängsten und sogar Zweifeln.“ Das sagte der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf am Sonntagnachmittag, 11. Januar, beim Gründungsgottesdienst der Pfarrei St. Bonifatius in Gießen.

Gießen, 11. Januar 2026: Am Ende des Gottesdienstes überreichte Bischof Peter Kohlgraf die Ernennungsdekrete an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der neuen Pfarrei. (c) Bistum Mainz / Blum

Der Pfarrpatron Bonifatius stehe für den Missionsauftrag der Kirche, betonte Kohlgraf: „In seinen Mainzer Jahren war Bonifatius mit heute unglaublichem Einsatz an der Schaffung verlässlicher Kirchenstrukturen befasst. Daran erinnere ich gerne, wenn heute Bischöfen und auch mir von manchen Seiten vorgeworfen wird, wir seien zu wenig geistlich und zu sehr mit Strukturfragen beschäftigt, auch bei den Veränderungen im Bistum Mainz. Auch Strukturveränderungen sind Fragen einer geistlichen Haltung, denn dahinter steht das Vertrauen, dass Gott auch in unserer Zeit die Kirche lenkt und leitet.“

Wörtlich sagte Bischof Kohlgraf: „In den letzten Jahren haben sich in dem Bereich der neuen Pfarrei viele Menschen engagiert, sie haben sich auf den Weg gemacht, und sie gehen das Risiko ein, das mit neuen Wegen verbunden ist. Ich kann als Bischof nur meine Anerkennung ausdrücken für die vielen Engagierten im Haupt- und Ehrenamt. Manche Sorge steht im Raum, auch Trauer um manchen Abschied darf sein und muss Raum haben. Wir leben in einer Gesellschaft, die sich radikal verändert. Auch die Kirchen sind von diesen Veränderungen betroffen. Wir werden weniger, unsere materiellen und personellen Ressourcen werden weniger, und dennoch dürfen wir nicht mutlos werden. Zahlenmäßig weniger werden muss nicht heißen, weniger kraftvoll zu werden.“

Der Pastorale Weg im Bistum Mainz sei nicht nur ein Strukturprozess, „sondern vor allem die Einladung zur Vergewisserung, wozu wir in dieser Zeit Kirche sein wollen“, betonte Bischof Kohlgraf: „Sie haben an einem Pastoralkonzept gearbeitet und dabei die Menschen in Ihrem Raum in den Blick genommen, ihre Freuden und Hoffnungen, Sorgen und Ängste. Ich ermutige Sie, nicht nur die eigenen binnenkirchlichen Themen in den Blick zu nehmen. Vielmehr sind wir als Kirche Teil der Gesellschaft, wir haben dieselben Freuden und Hoffnungen, dieselbe Trauer, die gleichen Ängste wie unsere Zeitgenossinnen und Zeitgenossen. Wir bieten Menschen in einer zunehmenden Situation der Gottvergessenheit an, mit ihnen im Gespräch zu bleiben, ob der Mensch nicht mehr ist als ein biologischer Organismus, der nach seiner Geburt und vielen verworrenen Wegen am Ende in den Kreislauf des Sterbens und Vergehens eingeht. Wir stehen für die hoffnungsvolle Botschaft, dass jeder Mensch Ebenbild Gottes ist und auf Ewigkeit hin angelegt.“

Gießen, 11. Januar 2026: Bischof Peter Kohlgraf übergab das Gründungsdekret für die neue Pfarrei an Pfarrer Benjamin Weiß (rechts). (c) Bistum Mainz / Blum

Im Gottesdienst wurde auch das Gewinnerlied des Bonifatius-Liederwettbewerbs zur Pfarreigründung gesungen („Dem heil´gen Bonifatius gilt unser Lied“ von Martin Wesolowsky auf die Melodie von „Geh aus, mein Herz und suche Freud“ von Paul Gerhardt). Am Ende des Gottesdienstes überreichte Bischof Kohlgraf die Bischöflichen Ernennungsdekrete an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Pfarrei. Sylvia Schmidt, Vorsitzende des Gesamtpfarrgemeinderates, hatte die Begrüßung übernommen. Der Leitende Pfarrer der neuen Pfarrei, Erik Wehner, konnte krankheitsbedingt nicht an dem Gottesdienst teilnehmen.

In der neuen Pfarrei sind neben den vier Gemeinden St. Bonifatius, St. Albertus St. Thomas Morus und Maria Frieden in Heuchelheim auch die vier muttersprachlichen Gemeinden der Italiener, Kroaten, Polen und Spanier sowie die weiteren katholischen Einrichtungen in Gießen zusammengefasst. Die verschiedenen Muttersprachen waren im Gottesdient unter anderem bei den Fürbitten repräsentiert, neben Deutsch in Kroatisch, Spanisch, Polnisch, Ungarisch und Englisch.

Am Ende des Gottesdienstes standen außerdem verschiedene Grußworte auf dem Programm, die von Dr. Ansgar Dorenkamp vom Pfarrgemeinderatsvorstand moderiert wurden. Es sprachen: der Gießener Oberbürgermeister Frank-Thilo Becher; Martin Rößler, Staatssekretär im Hessischen Ministerium des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz; der stellvertretende Dekan des evangelischen Dekanates Gießen, Pfarrer Andreas Specht; Schwester Monika Heuser, Hausoberin der Schwestern vom göttlichen Erlöser; Pfarrer i.R. Bernd Apel vom Rat der Religionen im Kreis Gießen; Andreas Leipert, Geschäftsführer des St. Josefs Krankenhauses. An der musikalischen Gestaltung des Gottesdienstes hatten sich verschiedene Chöre und Organisten aus der neuen Pfarrei St. Bonifatius beteiligt, koordiniert von Regionalkantor Michael Gilles. Die Verwaltungsleiterin der Pfarrei, Eva Maria Schaffner, lud am Ende des Gottesdienstes zum Empfang im Martinssaal ein. Beschlossen wurde der Tag mit einer Vesper in St. Bonifatius.

Pfarrer Wehner hatte im Vorfeld des Gottesdienstes wiederholt auf die „Gießen-spezifische Faktoren“ der Pfarreigründung hingewiesen. So ist die neue Pfarrei von einer großen Internationalität geprägt. Diese „Weltkirche vor Ort“ zeige sich unter anderem in regelmäßigen Fürbitten in verschiedenen Sprachen. Außerdem zeichne sich die Gemeinde durch die große Zahl an Studierenden in Gießen durch eine hohe Präsenz junger Menschen auch in den Gottesdiensten aus. Eine große Bedeutung hätten darüber hinaus auch die Kirchenmusik durch die Arbeit des Regionalkantorats, die „Kulturkirche“ St. Thomas Morus, die kategorialen Dienste in Klinik-, Telefon-, Gefängnis-, City- und Hochschulseelsorge und der Verbände sowie die Ökumene und die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren der Stadtgesellschaft, wie Wehner betont.

Bereits 24 der 46 neuen Pfarreien im Bistum Mainz gegründet

Gießen, 11. Januar 2026: Regionalkantor Michael Gilles koordinierte die musikalische Gestaltung des Gründungsgottesdienstes der neuen Pfarrei. (c) Bistum Mainz / Blum

Der Gründungsgottesdienst in Gießen mit Bischof Kohlgraf bildete zusammen mit dem Gründungsgottesdienst am gleichen Tag in St. Peter und Paul in Dieburg, dem Generalvikar Dr. Sebastian Lang vorstand, den Auftakt der elf Gründungsgottesdienste im Jahr 2026. Zum 1. Januar 2026 waren im Bistum Mainz im Rahmen des Pastoralen Weges insgesamt elf weitere Pfarreien aus bisherigen Pastoralräumen gegründet worden. Nach fünf Gründungen im Jahr 2024 und neun Gründungen im Jahr 2025 sind im Bistum Mainz aus den 46 Pastoralräumen mittlerweile somit 24 neue Pfarreien gegründet worden.

Bis zum Jahr 2030 entstehen aus den 46 Pastoralräumen im Bistum Mainz 46 neue Pfarreien. Die Gründungen sind Teil des Reformprozesses „Pastoraler Weg“, auf dem sich das Bistum Mainz befindet. Es ist ein Prozess der Entwicklung und Erneuerung der Kirche im Bistum Mainz. In jeder Pfarrei wird ein Gründungsgottesdienst gefeiert, zusammen mit Bischof Peter Kohlgraf, Generalvikar Dr. Sebastian Lang oder der Bevollmächtigten des Generalvikars, Ordinaraitsdirektorin Stephanie Rieth. Die Leitung der neuen Pfarreien wird in gemeinsamer, geteilter Verantwortung erfolgen, unbeschadet der rechtlichen Stellung des Pfarrers als Leiter der Pfarrei. Es gibt drei Rollen: Pfarrer, Koordinatorin oder Koordinator, und Verwaltungsleiterin oder Verwaltungsleiter. Sie berücksichtigen Verantwortung und Rechte des Pfarreirates und des Kirchenverwaltungsrates, sowie der Mitglieder des Pastoral- und des Verwaltungsteams.

Mit Jahresbeginn 2026 sind folgende Pfarreien im Bistum Mainz gegründet worden: Pfarrei St. Bonifatius, Gießen; Pfarrei Heiliger Bardo, Wetterau-Nord; Pfarrei Heilige Maria Magdalena, Taunusblick; Pfarrei Heilige Katharina von Siena, Heusenstam-Dietzenbach; Pfarrei Heilige Theresa von Avila, Mühlheim-Obertshausen; Pfarrei St. Clara, Mainz; Pfarrei Heiliger Nikolaus, Worms-Wonnegau; Pfarrei St. Christophorus, Dieburger Land; Pfarrei Guter Hirte im Odenwaldkreis; Pfarrei Heilig Geist, Otzberger Land; Pfarrei Heilige Walburga, Weschnitztal.