Predigt Pfarrer Dr. Givens vom 12. Juli 2026:Der Sämann

Gute Worte aussäen
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, wie viele Bücher haben Sie daheim in der Wohnung stehen? Wie viele Bücher besitzen Sie? Von den Büchern, die ich gelesen habe, habe ich nur fünf Stück. Und mehr werden das auch nicht. Jedes Mal, wenn ich ein Buch zu Ende gelesen habe, überlege ich, Behalte ich dieses eine Buch oder gebe ich es weg, weil ich nicht mehr haben möchte als fünf Bücher? Und wenn ich es behalte, dann muss halt ein anderes gehen.
Welches Buch würden Sie mitnehmen von Ihren Büchern, wenn Sie ins Gefängnis kommen würden? Helmut James Graf von Moltke wird verurteilt in Berlin-Tegel und er nimmt aus einer riesigen Bibliothek nur ein einziges Buch mit. Aus allen Büchern wählt er ein Buch aus und er weiß, das wird ihn begleiten bis zum Tod, bis zur Hinrichtung in Plötzensee. Er nimmt die Bibel mit. Nichts anderes will er mehr lesen dort in Gefangenschaft.
Wenige Worte kann Helmut James Graf von Molke machen. Er schreibt an seine geliebte Frau Freya, an seine Kinder, an andere. Und in einem seiner Briefe, da schreibt er vielleicht das Kostbarste, das es gibt zu dem Evangelium, das wir gerade eben gehört haben, vom Sämann, der hingeht und seine Saat aussät. Und da kommen die Vögel und fressen die Körner, da ist der felsige Boden, da ist all das, was an Dornen und Gestrüpp verhindert, dass der Samen aufgeht und da ist der gute Boden. Und da schreibt Helmut James Graf von Molke an seine Frau Freya: Ich bin wie ein stiller Sämann über das Feld gegangen. Und eben das will man nicht. Der Samen aber, den ich gesät habe, wird nicht umkommen, sondern wird eines Tages seine Frucht bringen, ohne dass irgendjemand wissen wird, woher der Same kommt und wer ihn gesät hat.
Vor 81 Jahren ist er dann in Plötzensee hingerichtet worden. Seine Leiche kam anonym ins Krematorium. Himmler hat befohlen, dass gar nichts von Moltke übrig bleiben soll und seine Asche wird auf den Feldern um Berlin zerstreut, damit es keinen Ort gibt, wo man an ihn denken kann. Ich bin wie ein stiller Sämann über die Felder gegangen und habe gesät. Und nach 81 Jahren steht hier einer und erinnert sich an den, an den sich niemand erinnern sollte. Und wie viele Moltkestraßen gibt es? Und bis heute sind die Briefe, die er aus dem Gefängnis geschrieben hat, absolut lesenswert.
Woher kommt dieses Vertrauen, das Graf von Moltke hatte, in den Samen, dass das, was er aussät, guter Samen ist, denn das verbindet uns alle. Sie müssen als Eltern, sie müssen als Liebende, ihr müsst als Geschwister ein ganzes Leben lang darauf vertrauen, dass das, was wir sagen, dass die Worte, die wir aussäen, auf guten Boden fallen. Wir vertrauen darauf, dass das, das wir sagen, dass die Worte, die wir einander schenken, dass die Worte, die wir einander geben, im anderen wachsen, eine Frucht hervorbringen, sonst würden wir nicht miteinander reden. Und alle Liebe geht erst einmal durch das Wort. Und wir alle wissen auch, dass es auch das gibt, dass die Worte unter die Dornen fallen, auf harten Boden, dass man sie, so wie es Helmut James, Graf von Moltke schreibt, nicht gehört werden wollen. Wie kommt er aber dazu, einen guten Samen zu haben? Er macht es wie ein Züchter.
Er macht es so, wie hoffentlich wir alle machen. Wir lernen doch im Lauf des Lebens, welche Worte den anderen gut tun. Und wir lernen auch im Laufe des Lebens hoffentlich, welches Wort werde ich nie mehr sagen, weil es zerstört, weil es beim anderen, bei der anderen etwas triggert, mit dem sie nicht umgehen kann. Und welche Worte bringen Frucht? Und so muss man ein ganzes Leben lang das eigene Saatgut sortieren, immer wieder sich hinsetzen und sich überlegen: Ist das ein Wort, das wachsen kann? Ist das ein Same, der Frucht bringen wird? Oder möchte ich dieses Wort nicht mehr weitergeben? Und wir alle, die wir hier sitzen, wir haben das ja auch gelernt. Welche Worte unserer Eltern geben wir weiter? Welche Taten unserer Eltern geben wir weiter, weil sie sagen, weil wir sagen: Das hat mir gut getan. So wie mein Vater, wie meine Mutter mit mir umgegangen ist.
Aber um einen guten Samen zu bekommen, muss jeder und jede von uns neu entscheiden, was gebe ich nicht weiter. Das hat mir nicht gut getan von dem, was meine Familie, was meine Eltern mir weitergegeben haben. Weil sie vielleicht in sich gefangen waren, weil sie es nicht anders konnten, aber jeder und jede von uns hat immer neu die Chance zu überlegen, Was ist guter Samen? Was möchte ich aussäen? Was möchte ich in diese Welt hineintragen? Und was hat sich nicht als fruchtbar erwiesen? Was möchte ich lassen?
Und darum nimmt Helmut James Graf von Molke die Bibel mit in seine Gefängniszelle, weil er davon überzeugt ist, es tut meinen eigenen Worten, es tut den Briefen, die ich an Freya schreibe, gut, wenn ich immer wieder Maß nehme am Wort Gottes. Denn wie hat denn Jesus gesprochen? Das waren Worte, die geheilt haben. Das waren Worte, die vergeben haben. Das waren Worte, die das Verbindende gesucht haben, die aufgebaut haben. Und er konnte auch schweigen. Er konnte ganz still werden, weil er wusste, hier werde ich nicht Sämann sein. Hier werde ich nicht das Korn auswerfen.
Durch die Taufe, durch die Firmung sind wir anstelle von Jesus diejenigen geworden, die über die Felder dieser Welt gehen, über die Felder unserer Familien gehen, über die Felder unserer Freunde gehen und eingeladen sind, mutig den guten Samen auszusäen. Immer zu wissen, ein Teil fällt unter die Dornen, weil der andere die andere gar nicht anders kann. Ein Teil von dem, was wir in bester Absicht ausgesät haben, wird auf harten Boden fallen. Ein Teil gehört den Vögeln des Himmels.
Aber ein Teil bringt Frucht, dreißigfach und sechzigfach und hundertfach.
Wer das weiß, wer das einmal verstanden hat, dass kein Kind zufällig diesen Eltern anvertraut ist, dass keine Freundschaft zufällig ist, dass keine Liebe zufällig ist, sondern dass wir berufen sind, Säfrau, Sämann zu sein für genau diesen Menschen. Der kann gar nicht anders, als darauf zu vertrauen. Ich habe von Gott gutes Saatgut anvertraut bekommen. Ich werde nicht ruhen, immer wieder auszusortieren durch die Erfahrung meines Lebens, durch das Hören mit anderen, durch das Hinschauen auf das Wort Gottes, dass mein Saatgut immer besser wird, dass es heilend und befreiend wird, dass es aufrichtend und stark wird.
Aber wie arm wäre diese Welt, wenn wir dieses Vertrauen nicht mehr hätten, dass trotz aller Dornen, trotz aller Vögel, trotz allem harten Boden es Frauen und Männer braucht, die wie ein stiller Seemann über die Felder gehen und sagen: Das Wort bewirkt etwas. Ich glaube daran, dass ich mit meinem Leben ein gutes Wort in diese Welt bringen kann, dass ich mit meiner Stimme ein Wort der Vergebung bringen kann, dass ich mit meiner Haltung ein Wort des Friedens bringen kann. Ich glaube daran, dass es sich lohnt, gutes Saatgut in diese Welt auszustreuen und keine Angst zu haben vor den Dornen, vor den Vögeln und vor dem Beton. So wie Helmut James Graf von Molke den Mut hatte. wie ein stiller Sämann über die Felder zu gehen und darauf zu vertrauen: Die Saat wird aufgehen. Ich bin von Gott berufen. Amen.