Predigt Gemeindereferent Herbert Kohl am Samstag, 5.9.2026:Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes

Gottes Gebote als Geländer für unser Leben
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,
die heutige Lesung könnte so missverstanden werden, dass die 10 Gebote gar nicht mehr wichtig sind, sie sind aus der Zeit gefallen. Das passt doch zu uns modernen und aufgeklärten Menschen nicht mehr. Viel zu eng, zu konservativ zu einengend. „Hauptsache, ich bin ein guter Mensch. Hauptsache, ich tue niemandem etwas Böses. Die einzelnen Gebote – die sind doch aus einer anderen Zeit.“
„Aber vielleicht macht Paulus etwas ganz anderes. Er schafft die Gebote nicht ab. Er zeigt uns, worauf sie eigentlich hinauswollen.“ Schauen wir doch einmal genau hin: „Du sollst nicht töten.“ Das ist natürlich das drastischste Beispiel. Der tiefere Sinn ist nicht nur: Du darfst niemanden umbringen. Sondern: Das Leben des anderen ist kostbar. Und damit wird das Gebot plötzlich sehr aktuell. Wir töten Menschen nicht – aber wir können Menschen kleinmachen, verletzen, ausgrenzen, fertig machen. Diese Woche in Mannheim geschehen: Eine AFD Politikerin bezeichnet Muslime indirekt als Dreck. Wie weit sind wir gekommen…… Aber es gibt noch mehr….. Ein böses Wort. Eine abfällige Bemerkung. Mobbing. Hass im Internet. Das bewusste Ausgrenzen eines Menschen. Man muss nicht alles gut finden, was andere tun. Aber man kann einen Menschen trotzdem in seiner Würde achten. Liebe macht aus „Du sollst nicht töten“: „Ich will, dass du leben kannst.“ Ich will, dass jeder Mensch in Freiheit und in Würde leben kann. Egal welche Religion er hat, welche Hautfarbe und welche Nationalität. Die Erde gehört allen Menschen und dieses kleine Stück Erde das wir Deutschland nennen, es gehört Gott und allen seinen Geschöpfen.
„Du sollst nicht stehlen.“ Auch hier geht es um mehr als um den Diebstahl einer Geldbörse. Der tiefere Gedanke könnte sein: „Was dem anderen gehört, achte ich.“ Sein Eigentum. Seine Zeit. Seine Arbeit. Seine Leistung. Aber vielleicht auch: seine Ideen, seine Lebensleistung, seine Geschichte. Wie oft wird Menschen vermittelt: „Das brauchst du nicht mehr. Das kannst du nicht mehr. Du bist nicht mehr wichtig.“ Dabei gehört auch Würde zu dem, was wir dem anderen nicht nehmen dürfen. Liebe sagt: „Ich nehme dir nichts weg – auch nicht deine Würde.“
„Du sollst nicht begehren.“ Das ist vielleicht sogar das modernste der Gebote. Wir leben in einer Gesellschaft, die ständig sagt: Du brauchst mehr. Du brauchst das Neueste. Du brauchst ein schöneres Haus. Du brauchst ein besseres Auto. Du brauchst einen jüngeren Körper. Du brauchst ein aufregenderes Leben. Und plötzlich merken wir: Das Gebot will uns vielleicht gar nicht kleinhalten. Es will uns frei machen von dem ständigen Vergleichen. „Schau nicht ständig darauf, was der andere hat. Schau auf das, was dir geschenkt ist.“ Liebe kann hier bedeuten: Dankbarkeit statt Neid.
„Du sollst nicht die Ehe brechen.“ „Was wollte dieses Gebot ursprünglich schützen?“ Was ist der tiefere Sinn? Eine Ehe, eine Partnerschaft ist ein Versprechen: Ich will dir treu sein. Ich will dich nicht einfach wegwerfen, wenn es schwierig wird. Ich will Verantwortung übernehmen für dich. Ich will deine Verletzlichkeit nicht ausnutzen. Ich will zu dir halten, auch wenn du alt oder krank bist. Du bist dann immer noch liebenswert. Gescheiterte Beziehungen gibt es. Manche Menschen haben schmerzhafte Erfahrungen gemacht. Manchmal ist eine Trennung sogar der einzige Weg, sich und andere zu schützen. Es geht nicht darum, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Es geht um die Frage: Wie gehen wir miteinander um, wenn wir einander unser Herz anvertrauen? Liebe bedeutet hier Treue, Verlässlichkeit, Verantwortung und Respekt.
„Du sollst nicht falsch Zeugnis reden.“ Das wäre für unsere Zeit vielleicht eines der spannendsten Gebote. Denn wir leben in einer Welt, in der jeder alles über jeden sagen kann. Gerüchte. WhatsApp-Gruppen. Facebook. Internet. Stammtisch. Und manchmal genügt ein Satz: „Hast du schon gehört …?“ Und schon ist der Ruf eines Menschen beschädigt. Das Gebot könnte heute heißen: „Mach den anderen nicht durch deine Worte kaputt.“ Oder noch positiver: „Gebrauche deine Worte so, dass sie dem anderen guttun.“ „Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses.“ Liebe heißt eben auch: Ich rede so über dich, wie ich möchte, dass du über mich redest.
„Du sollst keine anderen Götter haben.“ Unsere heutigen „Götter“ heißen Geld. Erfolg. Macht. Ansehen. Besitz. Selbstoptimierung. Und die Frage wäre: Was bestimmt eigentlich mein Leben? Woran hängt mein Herz? Denn auch hier ist das Gebot keine willkürliche Einschränkung. Es will sagen: „Mach dich nicht abhängig von Dingen, die dir keine Heimat geben können.“ Der christliche Glaube sagt: Du bist mehr wert als dein Besitz. Du bist mehr wert als deine Leistung. Du bist mehr wert als das, was andere von dir denken. Wenn vieles im Leben weniger wird – Gesundheit, Kraft, Mobilität, vielleicht auch Aufgaben und Beziehungen –, bleibt die Zusage: Dein Wert vor Gott bleibt.
Wenn wir die Gebote so anschauen, dann sind sie plötzlich gar nicht mehr altmodisch. Im Gegenteil. Sie beschreiben ziemlich genau, was unserer Gesellschaft heute fehlt. Wir brauchen Menschen, die Leben schützen. Menschen, die treu und verlässlich sind. Menschen, die nicht alles haben müssen. Menschen, die die Würde anderer achten. Menschen, die nicht über andere herziehen. Menschen, die teilen können. Menschen, die Verantwortung füreinander übernehmen. Vielleicht sind die zehn Gebote also gar kein Gefängnis für unsere Freiheit. Vielleicht sind sie vielmehr ein Geländer, das uns hilft, menschlich zu bleiben. Ein Geländer nimmt mir nicht die Freiheit. Es verhindert, dass ich abstürze.
Der entscheidende Gedanke: Liebe ist nicht das Gegenteil von Geboten. Wir denken häufig: Gebot = Einschränkung und Liebe = Freiheit Paulus sagt aber: Nein. Liebe zeigt mir, warum ein Gebot sinnvoll ist. Wenn ich einen Menschen liebe, brauche ich nicht ständig ein Gesetzbuch, das mir sagt: „Du sollst ihn nicht verletzen.“ Ich möchte ihn nicht verletzen. Wenn ich einen Menschen liebe, brauche ich nicht ständig die Vorschrift: „Du sollst ihn nicht betrügen.“ Ich möchte ihn nicht betrügen. Wenn ich einen Menschen liebe, brauche ich nicht die Vorschrift: „Du sollst ihm nichts wegnehmen.“ Ich möchte ihm nichts wegnehmen.
Die Liebe macht aus einem äußeren Gebot eine innere Haltung. Und genau deshalb schreibt Paulus: „Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes.“ Vielleicht müssen wir die zehn Gebote heute gar nicht neu erfinden. Vielleicht müssen wir sie nur wieder neu lesen. Nicht als zehn erhobene Zeigefinger. Sondern als zehn Fingerzeige Gottes auf das, was unser Zusammenleben menschlich macht. Achtet das Leben. Achtet die Würde des anderen. Seid treu. Seid ehrlich. Nehmt einander nichts weg. Vergleicht euch nicht ständig. Kümmert euch umeinander. Und vor allem: Liebt einander. Denn wer liebt, der hat verstanden, worum es Gott bei all seinen Geboten eigentlich geht.“
„Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes.“