Predigt Pfarrer Dr. Givens vom Sonntag, 4. Oktober:Franz von Assisi

Gott liebt uns so wie wir sind
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, es ist die Nacht vom 3. auf den 4 . Oktober des Jahres 1229. Es ist die Nacht, in der die Schwestern und die heilige Klara in Assisi jemanden vermissen: Franziskus. Sie haben ihn in den letzten Wochen und Monaten seines Lebens gepflegt. Er war bei ihnen, nachdem er nichts mehr gesehen habt, nachdem der ganze Leib nur noch geschmerzt hat, nachdem die Augen nur noch gebrannt haben, nachdem er blind geworden ist, da sind es die Schwestern, die den Gestank seiner Wunden aushalten, die mit seiner Blindheit zurechtkommen, die ihn pflegen und die ihm einen Raum geben in ihrer Gemeinschaft, wo er anfangen kann, das Leben, das er so geliebt hat, die Schöpfung, die er so geliebt hat, die Menschen, mit denen er so gerne zusammen gewesen ist, loszulassen. Und in dieser Blindheit, in diesem Gestank seiner Krankheit, in den eiternden Wunden, da schreibt er das Lied, das wir am Anfang des Gottesdienstes gesungen haben: "Gelobt seist du, mein Herr." Und dann lobt er die Sonne und den Mond. Dann lobt er die ganze Schöpfung und er lobt sogar den Bruder Tod. Und Er lobt alles, was ihn umgibt, all das, was er nicht mehr sieht, all das, was er nur noch mit Schmerzen ertragen kann. Und er lobt es.
Und jetzt, in dieser letzten Nacht seines Lebens, am 3. Oktober auf den 4. Oktober, da lässt er sich rausbringen außerhalb von Assisi zu dieser kleinen Kapelle, zur Portiuncula, lässt sich dort auf den Boden legen und er bittet darum, dass die Brüder ihm alles, was er noch hat, ausziehen. Nackt möchte er dort vor dem Kreuz, das er so geliebt hat, in dieser kleinen Kirche liegen, um dort zu sterben. Was für ein weiter Weg war es für diesen Franziskus, dass er am Ende seines Lebens sich da nackt hinlegen kann. keine Angst hat, wie sehe ich aus, was denken die anderen über mich? Und aller Welt zeigt, ich gehe nackt zu meinem Schöpfer und das ist nicht schlimm, denn er hat mich ein ganzes Leben lang geliebt. Er hat mich geliebt, als ich gesungen und getanzt habe. Er hat mich geliebt, als ich die größten Fehler meines Lebens gemacht habe und so viel falsch gemacht habe und er hat mich geliebt, wann immer ich ihm begegnet bin. Und er wird mich auch lieben, wenn ich jetzt krank und blind und alt und gebrochen zu ihm heimgehe. Ich muss ihm nichts bieten, weil er bietet mir alles, sein ganzes Leben.
Was für ein weiter Weg hat dieser Franziskus zurückgelegt? Denn am Anfang seines Lebens hat er gedacht: Ich genüge nicht. Darum hat er es so wie auf diesem Altar gemacht. Er hat sich mit den kostbarsten Stoffen, die im Geschäft seines Vaters zu finden waren, der Tuchhändler war, gekleidet. Schön wollte er sein. Es konnte gar nicht ausgefallen genug sein, weil er gedacht hat, ich finde nur Freunde, ich finde nur Menschen, die mich anerkennen, wenn ich besonders bin. Darum konnten es nicht die einfachen Stoffe sein. Es mussten die Markenklamotten seinerzeit sein. Es musste das Neueste, es musste das Kostbarste sein. Er hat, wann immer es ging, sich selbst mit Stoffen zugedeckt. Er hat ein Fest nach dem anderen gegeben, weil er es nicht ausgehalten hat, alleine zu sein, weil er Angst gehabt hat, Mich mag niemand und darum hat er Feste geschmissen, weit über seine Verhältnisse. Darum hat er gefeiert und gesucht und wie sehr hätte er sich danach gesehnt, dass er so wie er ist, von seinem Vater geliebt wird, dass er nicht das Geschäft übernehmen muss, dass er nicht das lernen muss, was der Vater möchte, sondern dass er der sein kann, der er ist. Aber das hat er nie hinbekommen. Und so hat er sein Leben übertüncht und zugedeckt und vor aller Welt einen anderen gegeben, als er ist. Das ist so, wie wenn ich nicht weiß, ob meine Freunde mich lieben, weil ich der bin, weil ich die bin, der ich bin weil sie mich nur lieben, weil ich etwas zu bieten habe. Das ist so, wenn Kinder nicht wissen, ob sie bedingungslos da im Schoß der Oma oder der Eltern liegen können oder ob sie etwas leisten müssen. Ob sie so sein müssen, wie Eltern das erwarten. Manches Kind lernt sehr früh, eine andere, ein anderer zu sein. um ein Lächeln, um ein freundliches Gesicht von Mama und Papa zu bekommen. Um vor den Klassenkameradinnen und Klassenkameraden zu bestehen, ein Like zu bekommen, dazuzugehören. Franziskus wollte dazugehören und darum will er Ritter werden. Er will adelig werden, weil er denkt, bürgerlich, das reicht nicht, es muss noch mehr sein. Ich muss ein anderer werden.
Und so erzählt er es, als er in der Höhle von Laverna sich zurückzieht, als er gescheitert ist an seinen eigenen Orten, als die Brüder darum streiten, ob alles so bleiben muss, wie es früher einmal gewesen ist oder ob sich etwas verändern darf und er merkt, das halte ich nicht aus, diesen Streit, Das ist nicht meine Kirche, in der darum gestritten wird, ob man etwas verändern darf oder ob alles alt bleibt. Das geht doch um Jesus und nicht darum, ob Gebäude erhalten werden, ob man etwas besitzt, sondern es geht darum, diesen Jesus zu lieben. Und da zieht er sich zurück in die Höhle von Laverna, gibt die Leitung des Ordens ab und dann erzählt er den wenigen, die ihn begleiten in dieser Höhle, wie er sich bekehrt hat. Er ist auf dem Weg in die große Schlacht, wo er Ritter werden möchte und auf diesem Weg da begegnet ihm ein Aussätziger. Was hat sich Franziskus gefürchtet vor Krankheit, vor Schmutz, vor Menschen, die nicht sauber sind, vor Menschen, die sich nicht gewaschen haben, vor Menschen, die stinken und riechen, denen man ansieht, dass sie arm sind, armselig sind. das, was er ein ganzes Leben lang übertüncht hat, mit Kleidung, mit Parfüm, mit Festen und mit Reichtum, das sitzt da am Wegrand und er weiß nicht wie, aber er steigt vom Pferd und er küsst den Aussatz, er küsst diesen stinkenden Menschen, er küsst die Wunde, er küsst all das, wovor er bisher Angst gehabt hat und begreift, Ich muss aufhören alles zuzudecken, sonst erfahre ich nie, ob ich geliebt bin oder meine Kleider, sonst erfahre ich nie, ob ich geliebt bin oder der Stammbaum meiner Familie, ob ich geliebt bin und meine Fähigkeiten oder das, wo ich funktioniere.
Sie alle kennen die berühmte Szene auf dem Marktplatz von Assisi, als Franziskus alle kostbaren Stoffe, alles Bunte ablegt. und als ein armer Verwundeter übrig bleibt, zeigt, dass er wie Jesus einer ist, der nackt ist, dass er einer ist, der so vieles in seinem Leben so falsch gemacht hat und sich danach sehnt, dass er davon erzählen kann, das sind die Wunden meines Lebens, Das ist die Sehnsucht meines Blutes. Das ist es, was ich mir nicht vergeben kann und was ich heute so gerne rückgängig machen würde. Er sehnt sich danach, dass es da einen oder eine gibt, wo er sich nicht verstellen kann, wo er ehrlich erzählen kann, wo er der sein kann, der er ist. Und da merkt er nackt auf dem Marktplatz von Assisi, wie viele andere da um ihn herum stehen, die genau das gleiche Gefühl haben. Die sagen, endlich einer, der nicht seine Familie beschönigt, sondern sagen kann, ja, das ging bei uns schief, das ist bei uns zerbrochen, das war nicht gut, endlich einer, der sagt, Ich möchte mit euch feiern, ich möchte mit euch zusammensitzen, nächtelang. Aber ich möchte nichts bieten, sondern ich möchte, dass wir uns gegenseitig beschenken, dass wir erzählen, dass wir vom Leben einander berichten und dass man weinen kann und lachen kann und dass man dir oder der sein kann, der man ist. Und da stehen die Menschen auf dem Marktplatz von Assisi und die ersten sagen: Franz, wenn du das durchziehst, dann gehen wir mit dir.
So findet er Clara und Frauen und so findet er die ersten Brüder, die begriffen haben, wie reich und wie schön ist diese Schöpfung, wie vielfältig ist diese Schöpfung, was hat diese Erde zu bieten, wenn ich nicht mehr nehme, als ich gebe. Und das ist es, was bis heute fasziniert an diesem Franziskus. Das ist es, was bis heute in jeder Familie, in jeder Gemeinde, in jeder Gesellschaft, in jeder Nation und auf dieser Erde funktioniert. Ich nehme nicht mehr, als ich gebe und ich weiß darum, dass ich nicht alles habe, dass ich nicht alles geben muss, dass ich nicht alles bieten muss, sondern Ich weiß darum, dass da auch andere sind, die auch etwas haben, die auch etwas bieten können, die mir helfen können, die mich ergänzen können. Dieser Franziskus macht deutlich, ich bin ein Sehnsüchtiger. Ich bin danach sehnsüchtig, dass ich so begegnen kann und dass mir so begegnet wird, dass ich mich nicht verstellen muss. dass ich der oder die sein kann, der ich bin.
Und in der Höhle von Laverna, da erzählt er den Brüdern: Darum hat er Jesus geliebt. Weil dieser Gott ein nackter Gott geworden ist in Bethlehem, der gezeigt hat: Ich brauch Mama und Papa, die mich lieben. Ich Ich brauche diese Maria und diesen Josef, die mich annehmen, wie ich bin, die meine beschissenen Windeln wechseln, die mir die Sprache beibringen und die mich stark machen für das Leben. Und dieser Jesus, der am See von Genezareth seinen Jüngern gesagt hat: Ich bin nicht allmächtig, ich möchte nicht allein durchs Leben gehen. Ich brauche dich, Petrus und ich brauche dich, Jakobus. Und ich brauch dich Judas und ich brauch dich Maria von Magdala und Maria Salome. Ich brauch euch, weil das Leben nicht auszuhalten ist ohne Freunde, weil es nicht möglich ist, durch das Leben zu gehen, wenn ich nicht erzählen kann, wie weh es tut, wenn Lazarus stirbt, wie furchtbar es ist, wenn Maria und Josef nicht mehr da sind, weil ich Freunde brauche, mit denen ich teilen kann, meinen Glauben und meine Sehnsüchte und weil ich Freunde brauche, die für mich beten, wenn ich nicht mehr beten kann im Garten Gethsemane, wenn ich Angst habe vor dem Sterben, weil ich Menschen brauche, die da sind, wenn das Leben loszulassen ist. Dieser Jesus, dieser Arme, der gezeigt hat, als er unter dem Kreuz zusammengebrochen ist, dass er eben nicht das Kreuz allein tragen kann, der geschrien hat "Warum hast du mich verlassen?" und damit gezeigt hat, dass man auch als Kind Gottes den Glauben verlieren kann, der darauf vertraut hat, dass der Himmel sich ihm öffnet, dass die anderen ihnen Würde beerdigen dass da eine Gemeinschaft ist, die mit ihm zum Leben findet, zur Auferstehung.
Das rote Tuch ist auf dem Altar geblieben, weil dieser Altar daran erinnert, dass wir dem nachfolgen, der uns eingeladen hat, aufzuhören, unser Leben aufzupeppen, unser Leben mit Botox aufzuspritzen, unser Leben größer zu machen, als es ist. Dieser Altar ist rot gewandelt, weil zu unserem Leben die Falten gehören und die Wunden und die Sehnsucht und die Armseligkeit und weil wir einem nachfolgen, der seine Wunden bis zum Schluss gezeigt hat, der uns eingeladen hat zu begreifen, wie reich ist das Leben, wie viel Reichtum und wie viel Vielfalt findet ihr auch bei denen, denen ihr es nicht erwartet. Und wie schön ist es, an diesem Wochenende deutsche Einheit feiern zu können. Ein Volk, das sagt, wir wären nur die Hälfte, wenn ihr nicht da seid. Was würde uns fehlen, wenn es kein Stuttgart und kein Magdeburg gäbe? Wie furchtbar wäre es, wenn durch Berlin weiterhin mitten eine Mauer durchgehen würde. Wie armselig für Europa Wenn wir einander nicht sagen würden, was bin ich froh, dass du da bist, dass du Polnisch sprichst und Französisch, Italienisch und Spanisch, wie gut ist es, dass wir armselig sind, dass wir einander brauchen und dass wir so vielfältig sind. Was für ein kleiner Bruchteil ist dieser Erntealtar, wie viel mehr gibt es in diesem Europa, wie viel mehr gibt es in Deutschland, wie viel mehr gibt es zu ernten Wenn wir mit der Schöpfung so umgehen, dass die Schöpfung aufatmen kann, dass die Schöpfung sagen kann, da ist jemand, der nimmt nicht mehr, als er gibt, das sind lauter Kinder des heiligen Franziskus, die darum wissen, das Leben braucht kein Botox, das Leben braucht Falten und Runzeln es braucht unendlich viel Liebe, damit die Wunden heilen können. Amen.