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Predigt Pfarrer Givens an Pfingstsonntag:Glauben leben - Glauben teilen

Kirchenfenster spiegeln sich in der Katharinenkirche zu Oppenheim
An Pfingsten feiern wir, dass es gar nicht genug Bücher gibt, um zu füllen, was Menschen mit diesem Gott erlebt haben und erleben. Und dass diese Welt Menschen braucht, die den Mut haben, auf ihre Art und Weise, mit ihren Worten, mit ihrer Musik, mit ihrem Gebet, mit ihrer Treue, mit ihren Ideen von diesem Jesus zu erzählen, der an jedem Morgen uns einlädt zu fragen: Was möchtest du behalten? Und was möchtest du loslassen? Was soll neu beginnen? Und was liegt hinter dir?
Datum:
26. Mai 2026
Von:
Herbert Kohl

Gottes Geist schenkt uns Orientierung

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

da hinten an der Glaswand, wo man eine Kerze in Gebetsanliegen anzünden kann, liegt auch so ein Buch. In dieses Buch schreiben ganz unterschiedliche Menschen, malen ganz unterschiedliche Menschen etwas hinein, was ihnen wichtig ist.

In jeder Kirche in England lag auch so ein Buch, und der ein oder andere aus der Gruppe hat es übernommen, da hineinzuschreiben, zu sagen, dass wir da gewesen sind. Manchmal auch ein Anliegen, ein Dank oder sonst irgendetwas.

„Lieber Gott, ich bitte dich um deine Hilfe. Gerade jetzt brauche ich deine Unterstützung.“
„Ich bete um ein gutes Ergebnis.“
„Gott, ich danke dir.“

Wenn Sie im Urlaub sind, wenn Sie unterwegs sind, dann werden Sie ganz oft solche Bücher finden und wahrscheinlich haben Sie auch schon etwas hineingeschrieben: ein Dank, eine Bitte, ein Anliegen, etwas, das Ihr Herz bewegt und das in dem Augenblick, dass Sie diesen Raum, diesen Kirchenraum betreten haben, hervorsprudelt. Weil in Kirchen noch einmal etwas wachgerufen wird, was im Alltag sonst vielleicht untergehen würde, was wir vielleicht vergessen würden, wofür keine Zeit ist.

Die Straßen sind immer enger geworden, die Hecken immer höher, die Schlaglöcher immer tiefer und die Fahrer haben immer mehr gebetet: Jetzt soll bitte ja kein LKW entgegenkommen, weil dann müssen Fahrzeuge rückwärts fahren, das gibt ein schwieriges Manöver. Und dann, mitten im Nichts, wo es nach Kuhstall und nach Schweinen gerochen hat, wo es gerade mal drei Häuser gegeben hat, da stand mitten im Nichts hinter Weißdornhecken St. Nicolas, eine kleine Kirche. Von außen schon unglaublich schön und wie in allen englischen Kirchen drumherum die Grabsteine von denen, die im Schatten der Kirche behütet und beschützt begraben sind.

Diese Kirche wurde erbaut von zweien, die etwas in ihrem Leben ganz Schlimmes getan haben. Zur Buße wurden sie im Mittelalter auf den Weg geschickt nach Jerusalem. Wenn sie zurückkämen, wenn sie diese Bußwallfahrt nach Jerusalem überleben würden, dann durften sie wieder zurück in ihre Familien, zurück in ihre Ämter, zurück in ihr altes Leben.

Und so machen sich die beiden Freunde auf den Weg. Sie bestehen die Höhen und die Tiefen. Sie kommen mit allen möglichen Sprachen, mit ganz unterschiedlichen Menschen in Berührung. Sie werden überfallen, sie finden kein sauberes Wasser, sie überqueren Meere, sie überqueren Kontinente. Und irgendwann, nach vielen Jahren, sind sie wieder in England, nicht weit mehr bis zu ihrem alten Leben.

Und da fragen sich die beiden: Möchten wir wirklich ins alte Leben zurück? Sind wir dafür aufgebrochen, um genauso weiterzumachen wie vorher?

Und sie besinnen sich, was sie miteinander bestanden haben, was sie miteinander ausgehalten haben, was sie gehört und was sie gesehen haben. Sie besinnen sich, warum sie denn nach Jerusalem gegangen sind: um am Grab, am Auferstehungsort Jesu zu sein. Und sie merken: Wir haben uns verändert. Wir können nicht mehr. Wir wollen auch nicht mehr ins Alte zurück.

„Wem ihr die Sünden erlasst, dem sind sie erlassen. Und wem ihr sie behaltet, dem sind sie behalten.“

Das fragen sich die beiden: Was möchten wir denn behalten? Und was möchten wir loslassen?

Das ist doch die Urfrage. Jeden Morgen. Möchte ich tatsächlich an gestern anknüpfen? Möchte ich festhalten, was gestern gewesen ist? Möchte ich bewahren, was gestern gewesen ist? Oder wird es Zeit, dass ich sage: Das halte ich nicht mehr. Das vergebe ich dir und das vergebe ich mir. Das lass ich los.

Jeder Morgen ist das Ende einer Wallfahrt und der Anfang eines neuen Lebens und die Frage: Bleibe ich die, die ich gestern war? Bleibe ich der, der ich gestern gewesen bin? Oder wird es nicht endlich Zeit zu sagen: Was will ich denn? Wo will ich denn hin? Was hat mich berührt? Und was wird Zeit, dass ich es anders mache?

Und so bleiben die beiden genau dort, wo sie diese Frage gestellt haben, und bauen eine Kirche. Nicht irgendeine Kirche – eine unglaublich schöne kleine Dorfkirche mitten im Nirgendwo.

Und sie sagen sich: Was ist mir wichtig gewesen? Wichtig war, dass ich etwas Schönes gesehen habe. Und diese Kirche ist wunderschön, weil alles, was sie auf dieser Reise gesammelt haben an Kunst, an Gestaltung, da steckt in dieser Kirche.

Was wären wir arm, wenn wir nicht Organisten, wenn wir nicht Kantorinnen, wenn wir nicht Chöre, wenn wir nicht Musik hätten? Was wären wir arm, wenn wir nicht Glasfenster hätten, wenn wir nicht Künstlerinnen und Künstler hätten, die das teilen, was ihnen wichtig geworden ist, die das schenken, was ihr Leben reich gemacht hat, die davon erzählen: Da ist etwas, das glüht in mir. Das muss sich in Musik, das muss sich in Farbe, das muss sich in Kunst zeigen.

So bauen sie, weil sie davon überzeugt sind: Die Schönheit verändert den Menschen. Und auch ein armer Mensch, ein Mensch, der nichts anderes hat als einen Pilgerrucksack, der muss das Schöne erleben. Der darf nicht nur abgespeist werden. Der muss erfahren, welche Würde er hat, welche Schönheit auch hinter allem Dreck, hinter allem Schmutz, hinter aller Krankheit es zu entdecken gilt.

Und sie stellen mitten in diese Kirche einen Altar, weil sie sagen: Das hätten wir nicht überlebt, wenn wir nicht immer und immer wieder miteinander gebetet, miteinander gesungen, miteinander Eucharistie gefeiert hätten.

Wir haben das gebraucht: das Miteinanderbeten, das Füreinanderbeten. Nicht allein irgendwo, sondern in der Gemeinschaft der Kirche, in der Gemeinschaft derer, die meine Stimme ergänzen, die meinen Glauben ergänzen, die eine andere Sicht haben als ich.

Sie haben in ganz unterschiedlichen Sprachen miteinander gebetet, unterschiedliche Liturgien erlebt. Aber wie gut tut es, jetzt heute Morgen hier nicht allein zu sitzen, sondern da sitzt jemand neben mir, der sagt: „Dieser Jesus ist mir wichtig.“

Das sind Eltern, die ihre Kinder hierher bringen und sagen: Auch wenn mein Kind vielleicht mit fünfzehn, sechzehn sagt: „Ich will das nicht mehr“, aber jetzt und heute und hier möchte ich, dass sie diesen Weihrauch einatmet, damit sie diese Lieder hört, damit sie erfahren: Ich glaube daran, dass Himmel und Erde verbunden sind. Und ich möchte dir dieses Samenkorn anbieten. Ob du es wachsen lässt, das überlasse ich dir. Aber ich möchte dir die Chance geben, das, was das Haus meiner Seele reich gemacht hat, das Haus meiner Seele schön gemacht hat, das möchte ich mit dir teilen.

Wie gut tut es, dass so viele da sind, die sagen: Ich bringe meine Kinder, ich begleite meine Jugendlichen, ich bin hier, ich lass die nicht allein.

Und ihr, ihr baut ein Haus für die Seele als Messdienerinnen und Messdiener. Ihr legt ein Zeugnis davon ab, dass irgendwo irgendetwas euch wichtig geworden ist, dass ihr heute Morgen da seid, dass bei der Erstkommunion, dass bei den Freunden etwas ist, wo ihr sagt: Darum bin ich heute Morgen hier.

Ich zeige dieser Gemeinde, ich zeige den Alten, dass das nicht nur eine Religion für die Alten ist, sondern auch ein Glaube, wo irgendetwas ist, das bis heute Menschen fasziniert.

Und sie machen einen Schlafplatz in diese Kirche. Sie sorgen dafür, dass genug zu essen da ist. Und sie zeigen damit, dass sie darum wissen: Der Mensch lebt vom Brot und nicht nur vom Brot. Und so steht diese kleine Kirche, weil da zwei Menschen begriffen haben: Ich möchte meinen Glauben teilen. Ich möchte etwas weitergeben von dem, was mir heilig und wichtig ist.

Und das hier, die Heilige Schrift, ist nichts anderes als dieses Buch. Darin haben all die, die mit Jesus zusammen gewesen sind, all die, die nach Jesus inspiriert gewesen sind, aufgeschrieben, warum sie glauben, was sie mit ihm erlebt haben, was sie hoffen, wo sie zweifeln. Und darum lesen wir es in der Kirche vor, damit wir uns daran erinnern: Es gibt so viele. Wir stehen in einer Tradition, in der Menschen davon erzählt haben, was sie mit diesem Gott erlebt haben.

Und das ist nichts anderes als die Heilige Schrift. In diesem Buch, in diesen Büchern, in so vielen Kirchen erzählen Menschen davon, dass sie eine Freundschaft mit Gott haben, dass sie glauben, dass es da jemand gibt, der ihnen zuhört, dass da einer, eine ist, die heilt, Kraft gibt, Mut macht.

In diesem Buch ist genauso viel Kostbares enthalten wie in diesem Buch. Und beide Bücher leben davon, dass jemand sagt: Ich schreibe das auf. Ich gebe das weiter. Ich teile es mit jemandem, der nach mir es liest oder hört.

Und so funktioniert unsere Kirche seit zweitausend Jahren: Dass Menschen davon erzählen, was sie mit diesem Jesus erlebt haben. 

Im Messdienergewand ganz einfach, dass ihr da seid. Daheim bei Tisch ganz einfach, indem vor dem Essen gebetet wird. Bei der Tafel ganz einfach, indem Essen ausgegeben wird. Heute Morgen ganz einfach, indem wir miteinander singen und beten. In einem Musikstück, das davon erzählt, wie das Herz jubelt. Ganz einfach. In einem Kunstwerk, das Menschen anrührt und berührt. Ganz einfach.

An Pfingsten feiern wir, dass es gar nicht genug Bücher gibt, um zu füllen, was Menschen mit diesem Gott erlebt haben und erleben. Und dass diese Welt Menschen braucht, die den Mut haben, auf ihre Art und Weise, mit ihren Worten, mit ihrer Musik, mit ihrem Gebet, mit ihrer Treue, mit ihren Ideen von diesem Jesus zu erzählen, der an jedem Morgen uns einlädt zu fragen:

Was möchtest du behalten?
Und was möchtest du loslassen?
Was soll neu beginnen?
Und was liegt hinter dir?

Amen.