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Predigt Pfarrer Dr. Givens an Allerheiligen 2026:Ich bin ein Diamant – trotz aller Hammerschläge des Lebens

Salisbury Kirchenschiff
Die mittelalterlichen Fenster der Kathedrale von Salisbury wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Jahrzehnte später entstand daraus ein außergewöhnlicher Ort der Hoffnung: Aus dickem, zunächst lichtundurchlässigem Glas schuf ein Künstler funkelnde Fenster. Eine Geschichte über die Hammerschläge des Lebens, über Menschen, die trotz allem ihr Licht bewahren, und über die Zusage Gottes: Du bist ein geliebtes Kind Gottes.
Datum:
2. Nov. 2026
Von:
Herbert Kohl

Von den Seligpreisungen, zerbrochenen Lebensgeschichten und dem Licht, das Menschen miteinander teilen.

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

es ist in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges. Da zerstören Fliegerbomben die mittelalterlichen Fenster der Kathedrale von Salisbury. Sie wird zwar nicht selber getroffen, aber die Druckwellen der Bomben zerstören diesen mittelalterlichen Schatz. Kein Fenster bleibt heil. Nach dem Krieg ist kein Geld da, um diese Fenster zu reparieren. Es wird Glas eingesetzt. Dann aber, in den 1970er Jahren, mitten im Kalten Krieg, als die Angst voreinander und das Wettrüsten immer weitergeht, da treten zwei Vermögende an das Domkapitel von Salisbury heran und sagen: Wir hätten gerne einen Ort in der Kathedrale, wo Menschen ermutigt werden, das zu glauben, was wir gerade eben gehört haben:

Selig, die Frieden schaffen.
Selig, die barmherzig sind.
Selig, die sanftmütig sind.
Selig, die Durst haben nach Gerechtigkeit.

Wir hätten gern einen Ort, der Menschen ermutigt, das in ihr Leben hineinzutragen. Das Domkapitel macht sich auf den Weg und sucht einen Künstler. Und sie finden ihn in Chartre, in Frankreich: einen Glaskünstler. Sie bitten ihn: Gestalte im Ostchor, dort, wo das Auferstehungslicht hereinfällt, gestalte dort einen Ort, der Menschen ermutigt, heilig zu werden im Alltag, der Menschen ermutigt, Heil zu bringen. Gestalte einen Ort, der aufrichtet und Mut macht.

 

Fenster Chorraum Kathedrale in Salisbury

Kirchenfenster Salisbury

Da wagt er ein Experiment. Er nimmt nicht, wie es in Chartres, wie es in allen Kirchen üblich ist, Glasscheiben, die so dünn sind, dass das helle Sonnenlicht hereinfallen kann, sondern er nimmt Glasscheiben, die mehr als zwei Zentimeter dick sind. Und wenn man sie gegen das Licht hält, da fällt kein Licht durch. Da ist nichts vom Glanz der Sonne zu sehen. Da ist Dunkelheit.

Und dann nimmt er diese Glasscheiben und bearbeitet sie mit dem Hammer. Auf jede einzelne schlägt er stundenlang mit dem Hammer ein, sodass die Glassplitter wegfallen. Und da geschieht das Wunder: Jetzt, wenn das Licht auf das Glas trifft, auf das gesplitterte Glas, auf das Glas, das nicht mehr eben ist, sondern wie ein Diamant ganz viele Facetten hat, da beginnt es zu leuchten und zu funkeln. Da wird es zum Edelstein. Und nun schafft er im Ostchor drei Fenster.

Auf der linken Seite ein Fenster voll dieser Glassteine. Und man muss ganz nah herantreten, dann sieht man: Auf jedem dieser kleinen Glassteine hat Gabriel Loire ein Gesicht gemalt, eine Heilige.

Und er erzählt mit diesem Fenster: Ja, es gab sie durch alle Zeiten hindurch. Gott sei Dank gab es die, die Widerstand geleistet haben. Gott sei Dank gab es die, die Frieden gesucht haben. Gott sei Dank gab es sie, die, die geteilt haben. Ein ganzes Fenster, wenn man nah herantritt, mit lauter einzelnen Gesichtern, mit lauter einzelnen Lebensschicksalen von Menschen, die gezeigt haben: Meine Taufe hat sich verwandelt in einen Edelstein. Meine Taufe ist funkelnd geworden. Meine Firmung hat mir Kraft gegeben, heilig zu werden.

Ein ganzes Fenster, das davon erzählt, dass die Hammerschläge des Lebens, all das, was diesen Menschen auch an Unheil widerfahren ist, nicht dazu geführt hat, dass sie dunkel geworden sind, sondern funkelnd wie ein Diamant.

Und dann hat er auf der rechten Seite ebenfalls ein Fenster geschaffen. Wieder nimmt er dicke Glasplatten, die kein Licht durchlassen, und wieder bearbeitet er sie mit dem Hammer, um zu zeigen: Das gibt es, dass das Leben uns bearbeitet wie ein Hammer, dass da nichts heil bleibt, körperlich und seelisch, dass wir unter den Schlägen des Schicksals splittern und Risse bekommen und spüren: Ich bin nicht mehr die, ich bin nicht mehr der, der ich vorher gewesen war, bevor mich der Hammer getroffen hat.

Und auch auf dieses Fenster malt er auf jeden einzelnen Stein, den er so bearbeitet hat, ein Gesicht. Aber es sind keine Heiligen. Es sind keine bekannten Gesichter. Es ist eine namenlose Zahl, die da auf diesem Fenster verewigt ist. Und er schafft eine Verbindung zwischen dem linken Fenster und dem rechten Fenster, weil er sagt: Auch das gibt es, dass ein Mensch aufhört zu funkeln und zu strahlen, weil es einen Hammerschlag zu viel gegeben hat, dass ein Mensch nicht mehr glauben kann, nicht mehr sehen kann, dass er oder sie ein geliebtes Kind Gottes ist, so wie es in der Lesung geheißen hat. Auch das gibt es, dass das Leben diesen Glauben auslöscht: Ich bin ein geliebtes Kind.

Denn wie soll man glauben am Grab: Selig die Trauernden? Wie soll man glauben, wenn man auf der Flucht ist und keine Heimat mehr hat: Selig die Friedfertigen? Wie soll man glauben, wenn man nach Gerechtigkeit gedürstet hat und im Gefängnis vergiftet worden ist, weil man eine andere Meinung vertreten hat? Und er schafft die Verbindung, weil er sagt: Die, die das Licht bewahren können, die, die im Schicksal noch glauben können, dass sie geliebte Kinder sind, das sind die, die ihr Licht teilen müssen mit denen, die nicht mehr glauben können, dass sie geliebte Kinder sind.

Eine Welt wird dann eine Welt der Seligen, wenn die, die etwas haben, mit denen teilen, die nichts mehr haben, wenn die, die glauben, mit denen teilen, die nicht mehr glauben können, wenn die, die aus welchen Gründen auch immer in Sicherheit, in Freiheit, in Liebe geboren und geborgen sind, den anderen, die all das nicht haben, zurufen: Du bist ein geliebtes Kind Gottes, auch wenn dein Leben nicht mehr funkelt und strahlt, auch wenn du nicht mehr glauben kannst, dass das Licht einen Weg ganz tief in dich hineinfindet, auch wenn du nur noch die Dunkelheit siehst. Ich rufe dir zu mit allem, was ich habe, mit allem, was ich kann, mit allem, was ich bin. Ich teile mit dir, damit es wahr bleibt: Du bist dein geliebtes Kind Gottes.

 

Kirchenfenster nah

Salisbury nah

Und schließlich schafft er das mittlere Fenster. Und in diesem Fenster, wieder aus unzähligen Glassteinen zusammengesetzt, ist Christus. Und er streckt die Arme aus nach beiden Seiten. Und er macht deutlich: Auch das gibt es, dass eine und einer lebt und heilig wird und funkelnd wird und strahlend wird und so viele andere wie diese Menschen mit diesem Licht ansteckt, das er oder sie von Christus empfangen hat, dass ein Funkeln und ein Strahlen in diese Welt hineingekommen ist durch dieses Leben, durch diesen Menschen.

Und auch das gibt es, dass ein Mensch nie mehr gefunden hat zu diesem Licht, nie mehr geglaubt hat, dass da Freiheit ist, dass da Leben ist, dass da Glück ist, dass da Frieden ist, weil alles im Leben unselig gewesen ist und dass es dafür einen Himmel braucht. Es braucht einen Himmel, damit geheilt wird, was die Erde nicht heilen kann. Damit befriedet wird, was die Erde nicht befrieden kann. Es braucht einen Himmel, damit keine und keiner aus diesem Leben geht, ohne jenseits des Todes zu hören:

Du bist mein geliebtes Kind und du warst selig auch in deiner Trauer. Du warst selig auch in deiner Armut. Du warst selig in aller Ungerechtigkeit. Ich habe dich nie vergessen, nie übersehen. Aber mein Licht hat dich nicht erreicht. Es braucht einen Himmel, weil auch wenn wir alles geben, wenn wir alles teilen, wenn wir alle miteinander heilig werden, wir niemals bis in die tiefste Dunkelheit der Menschenherzen vordringen werden.

Es braucht einen Himmel, damit die letzte Dunkelheit, damit die letzte Traurigkeit, damit der letzte Unfrieden nicht ewig fortbesteht. Aber bis dahin, und das erzählt dieser Ostchor in Salisbury, bis dahin braucht Gott die, die trotz aller Hammerschläge begriffen haben und spüren: Ich bin ein Diamant. Ich kann mein Vermögen, ich kann meine Fähigkeiten, ich kann mein Gebet, ich kann meinen Glauben, ich kann alles, was ich habe, teilen, damit ich so viele wie möglich Menschen erreiche, denen der Glaube verloren gegangen ist, dass sie ein geliebtes Kind Gottes sind.

Denn darauf vertraut dieser Christus bis heute, dass wir die sind, die mit allem, was wir haben, die selig machen, die diese Seligkeit in ihrem Leben nicht finden, dass wir uns miteinander den Glauben bewahren. Es gibt einen Gott, der die Seligkeit einmal vollenden wird. Dafür steht sein Himmel und dafür steht alles, was er auf diese Erde gebracht hat.

Amen.