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Predigt Pfarrer Dr. Givens vom 7. Juni 2026:Ich bin gemeint

Fronleichnam_10-25
Die Berufung des Matthäus
Datum:
8. Juni 2026
Von:
Herbert Kohl

Und was machst du?

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

wann immer das Evangelium von der Berufung des Matthäus kommt, dann weiß ein Teil von Ihnen schon, über was ich predigen werde, eigentlich immer über dasselbe.

Ich habe das Glück, dass ich dieses Jahr im Sommer mit einem Teil der Messdienerinnen und Messdienern nach Rom darf. Und genau darüber werde ich predigen. Denn dort an der Piazza Navona, diesem unglaublich wunderschönen ovalen Platz, wo Bernini und Bramante Brunnen und Häuserfassaden gestaltet haben, genau dort mitten in Rom steht eine kleine, von außen völlig unscheinbare Kirche.

Und wie das in Rom so ist, alle Kirchen über und über voll mit Kunst, weil jeder und jede wettgeeifert hat, irgendwie Kunst zu hinterlassen. So auch ein französischer Kardinal, der im Jahrhundert gelebt hat und der eine große Summe seines Erbes dafür gestiftet hat, dass er in einer der Kapellen in San Francesco sein Grabmal bekommt. Der berühmteste Freskenmaler, der berühmteste Maler der damaligen Zeit, sollte für ihn diese Kapelle gestalten. Aber weil der so berühmt war, konnte sich vor lauter Aufträgen nicht retten. Er musste zuerst für den Papst malen und malen und malen.

Und so wurde das Grabmal, die Grabkapelle nicht fertig. Das konnte ein Freund des Kardinals, ebenfalls ein Kardinal, nicht länger mit ansehen. Und so entschloss er sich. Ich nehme einen Künstler, der gar keine Aufträge hat. Ich nehme einen, der völlig unbekannt ist. Und so wählt er einen aus, der vollkommen überrascht ist und sich fragt: Wer ich? Ich soll ausgerechnet für diesen Kardinal sein Grabmal gestalten?

Und er macht sich an die Arbeit. Der Kardinal hieß Matteo und so malt er Szenen aus dem Leben des Matthäus. Als das erste Bild fertig ist und in der Kapelle aufgehängt wird, da weigern sich die Priester in Zukunft in dieser Kapelle noch die Eucharistie zu feiern. Sie sind schockiert von diesem Bild. Was kann man denn auch anders erwarten von einem, der von einem Bett ins andere fällt, der unglaublich viele Liebhaberinnen und Liebhaber gehabt hat, einer der des Mordes verdächtig wird. Was erwartet man denn von so einem?

Ein Bild voller Realismus, das war man in Rom damals nicht gewohnt. Man sieht eine Spelunke und in dieser Spelunke Personen, die so realistisch gemalt sind, dass wir da sitzen könnten in diesem Dämmerlicht. Und die sitzen an einem der Tische in dieser Schanke, in dieser Taverne, zählen ihr Geld.

Da sitzt auch Matthäus ganz vorne am Tisch und die Tür geht auf. Man spürt es richtig, wie die Tür aufgeht und mit der Tür kommt das Licht herein und Jesus zeigt auf Matthäus und er greift sich an die Brust und sagt, wer ich.

Und das ist das Bild des Caravaggio. Es ist die Frage, die er stellt, wer ich, einer, der ein so untadeliges, ein so tadeliges Leben führt, einer, der des Mordes beschuldigt wird, einer, der noch nie einen Auftrag bekommen hat, ich soll dieses Bild malen. Und die Priester sind schockiert, weil das so realistisch ist, weil man sich diese Frage nicht vom Leib halten kann. Wer, ich, ich bin gemeint? Als Jesus zur Tür reinkommt.

Viele, viele Jahrzehnte und Jahrhunderte später ein Türsteher. Er muss jeden Abend entscheiden, wer darf rein. Und die, die rein wollen, das ist die Unterwelt. Das sind Typen, mit denen würde man sich bei Tageslicht nicht zeigen. Und wie viele Besoffene, wie viele schräge Typen muss er abwenden und abhalten. Und manch einer kommt versteckt und verschämt, damit man ihn ja nicht erkennt, dass er da hinein möchte.

Und er steht als Türsteher und muss entscheiden, wer hinein darf und wer nicht hinein darf. Und wenn er mit der Arbeit als Türsteher morgens fertig ist, dann geht er in die Fabrik des Vaters und schrubbt den Boden, weil nur so kann er sich sein Studium finanzieren. Er hätte eigentlich einen Beruf gehabt. Chemielaborant hat er gelernt. Er hätte einen Beruf gehabt, er hätte ein Einkommen gehabt.

Und da geht er zur Beichte. Und am Ende, nachdem er gebeichtet hat, nachdem er erzählt hat von den Höhen und von den Tiefen seines Lebens, da fragt ihn im Beichtstuhl der Priester: „Und jetzt?“ Was machst du? Das trifft ihn mitten ins Herz hinein. Nicht was macht mein Vater, nicht was macht deine Mutter, sondern was machst DU, wenn du jetzt hinausgehst aus dem Beichtstuhl?

Und da entschließt er sich, noch einmal alles auf eine Karte zu setzen. Er gibt den sicheren Job im Chemiewerk auf. Er schrubbt den Boden, er macht Türsteher, um sich das Geld als Theologiestudent zu verdienen und er tritt ein in den Jesuitenorden. 

Und er hat das Glück, dass er als junger Mann vom Jesuitenorden nach Rom geschickt wird. Und er wohnt an der Piazza Navona und eines Abends nach dem Gottesdienst, den Kopf hat er mit allem Möglichen voll, da setzt er sich in die Kirche San Francesco, genau dort in diese Kapelle, an das Grabmal des Kardinals Matteo und da sieht er das Bild von Caravaggio.

Er sieht, wie Jesus die Taverne betritt, wie er mit dem Finger zeigt, wie Matthäus sich an die Brust greift und fragt, wer ich, ich? Und da erinnert er sich, wie ihn das damals getroffen hat, als er im Beichtstuhl gefragt worden ist: „Und du? Was machst du jetzt?“

Viele, viele Jahrzehnte später geht er eines Abends wieder auf die Piazza Navona. Dort gibt es viele Händler und er kauft sich eine billige Kopie dieses Bildes von Caravaggio, die Berufung des Matthäus. Er klemmt sich das Bild unter den Arm und er geht nach Santa Marta. Dort wohnt er jetzt. Er ist Papst geworden, Franziskus.

Das ist seine Berufungsgeschichte. Im Beichtstuhl. Und du, was machst du jetzt? Das ist das Bild, das ihn berührt hat von Caravaggio. Wer? Ich? Mich meinst du, Jesus? Und das hängt er sich in Santa Marta über sein Bett. Wenn er abends ins Bett geht, dann will Franziskus als Papst nie vergessen: Ich bin gemeint.

Nicht die anderen Bischöfe, nicht die anderen Kardinäle, nicht die anderen Gläubigen. Ich bin gemeint, wenn Jesus zur Tür hereinkommt. Und er will, wenn er morgens aufsteht in St. Martha vor den ersten Begegnungen sich daran erinnern: Ich bin gemeint, wenn Jesus zur Tür hereinkommt. Nicht die Zöllner, nicht die Sünder, nicht die Armen. Ich Jorge Bergoglio Franziskus.

Man kann sich diesen Jesus gut vom Leib halten. Man kann ihn in ein goldenes Gefäß stecken und der Priester trägt es für einen durch die Straßen unter einem Himmel mit einer Blasmusik und dann läuft man hinterher und man singt und am Ende nimmt der Priester den Jesus und sperrt ihn wieder ein in den Tabernakel und man ist froh, dass man Fronleichnam so gefeiert hat, wie man es immer gefeiert hat, dass der Jesus schön sicher war in einem goldenen Gefäß, dass nur der Priester das Allerheiligste angerührt hat, dass er gut versteckt ist in seinem Tabernakel, dass alles gewesen ist wie immer.

Und dann ist man der Frage ausgewichen, die Jesus stellt: Und du, was machst du? Oder man kann das machen, was Jesus möchte. Man kann ihn fressen, zum Fressen gern haben. Man kann ihn essen und spüren: Ich bin gemeint. Nicht die Zöllner, nicht die Sünder, nicht alle anderen, sondern ich bin gemeint.  Mir legt sich Jesus in die Hand nachher und sagt: Und du, was machst du jetzt? Caravaggio hat sich Jesus nicht vom Leib gehalten. Und er malt das, was ihn zutiefst getroffen hat. Was? Ich bin gemeint.

Jorge Bergoglio ist der Frage im Beichtstuhl nicht ausgewichen. Was machst du jetzt, wenn du zum Beichtstuhl hinausgehst? Papst Franziskus hat sich jeden Morgen und jeden Abend diesem Bild gestellt. Und du? Was machst du jetzt? Nachher kommt er, dieser Jesus, der uns zum Fressen gern hat.

Amen.