Predigt Pfarrer Dr. Givens am Sonntag, 23. August 2026:Ihr aber, für wen haltet ihr mich?

Wer bin ich für dich?
Liebe Schwestern und Brüder,
was haben Sie am Mittwoch um 12 Uhr gemacht? Vielleicht wissen Sie noch, was Sie gestern um 12 Uhr gemacht haben. Als Papst Leo dieses Jahr zu den Jugendlichen nach Assisi gefahren ist, zur großen Begegnung innerhalb des Jubiläumsjahres, da hat er Ihnen einen Ratschlag mit auf den Weg gegeben. Immer wenn ihr um 12 Uhr die Kirchenglocken läuten hört, der Angelus, wenn es um 12 Uhr irgendwo von einer Kirche läutet, dann schaltet euer Handy aus und schaut, wer gerade neben euch ist.
Wen haben Sie am Mittwoch um 12 Uhr angeschaut? Wen haben Sie gestern um 12 Uhr angeschaut? Es ist kein Zufall, wer uns begegnet. Es ist überhaupt kein Zufall, wer mit uns durchs Leben geht. Wir Christen glauben, jede Begegnung ist Christusbegegnung und der Angelus, dass 12 Uhr Läuten erinnert daran, es gibt Augenblicke, die dürfen nicht ungesehen vorübergehen.
Es gibt Momente, die sind so kostbar, die werden sich nicht wiederholen. Und leider weiß man nicht im Vorhinein, bei welchem Angelus die große Begegnung ist. Das weiß man oft erst hinterher wie wichtig und wie gut eine Begegnung gewesen ist.
In Berlin im Bode-Museum, und dafür würde sich ein Besuch in diesem Museum allein schon reichen, gibt es eine Skulptur aus dem 11. Jahrhundert. Da sieht man Christus und einen seiner Jünger in Holz geschnitzt, Händchen haltend. Der eine Jünger neigt seinen Kopf an das Herz Jesu. Und diese ganze kleine Figur, diese Figurengruppe, diese beiden Jünger, die strahlen Ruhe aus. Sie machen deutlich: Wie oft muss man die Hand eines Kindes, wie oft muss man die Hand der Schwester oder des Bruders, wie oft muss man die Hand eines Kranken oder eines geliebten Menschen in die Hand genommen haben, um zu verstehen, was das Herz sagen will.
Und wie oft muss man, ohne ein Wort zu sprechen, neben dem Freund, neben der Freundin sitzen. Wie oft muss man einfach nur da sein, ohne irgendetwas zu sagen, so wie es in der berühmten Erzählung vom kleinen Prinzen mit dem Fuchsen heißt, wo der Fuchs sagt: „Ich möchte, dass wir vertraut werden. Aber dazu musst du dich ganz still neben mich setzen. Wir dürfen nichts sagen, denn die Sprache ist die Quelle der Missverständnisse. Und dann wirst du sehen, die Farbe des Weizens. Du wirst mein Herz hören und wir werden einander Freunde werden.“
Jesus geht mit seinen Jüngern in die Einsamkeit, nach Caesarea Philippi, dort, wo die Quellen des Jordan entspringen, in diese Stille hinein. Und er nimmt sich Zeit, um die für ihn wichtige Frage zu stellen: Wer bin ich euch? Wer bin ich für dich? Und wie gut ist es, dass Petrus den Mut findet, ihm zu sagen: Du, du bist mir der Lebendige, du bist mir Gott selber.
Wann haben sie zum letzten Mal den Menschen, die sie lieben, ihren Geschwistern, ihren Kindern, den Menschen, mit denen sie verheiratet sind, befreundet sind, verpartnert sind, gesagt: Du ist meine ganze Liebe. Du bist mein Leben. Du bist der Segen meines Lebens. So wie Petrus dem Jesus sagen kann, was er ihm ist.
Wir reden über so vieles und wir alle wissen, dass wir davon leben, dass es gute Worte gibt, dass es Worte gibt, die Kraft machen. Ihr habt neue Lehrerinnen und Lehrer bekommen, ein neues Schuljahr hat bekommen und vielleicht ist es das Wichtigste und darauf hoffen alle Eltern, dass ihr Lehrer findet, die nicht nur mit dem roten Stift unterwegs sind, sondern mit einem guten Wort, die es schaffen, den Schatz zu heben, der in euch von Gott hineingelegt ist.
Wir wissen nicht, wie viele Angelusläuten es in unserem Leben geben wird. Wir wissen nicht, wie viele Augenblicke es geben wird, um einander zu sagen: Schwesterherz, Bruderherz, du meine Geliebte, du mein Mausilein, du mein Kind, das bist du mir.
Aber dieser Petrus, der hört ja dann von Jesus auch ein Wort. Petrus, du bist ein Fels. Und es ist nicht so, dass Jesus nicht wüsste, wie bröckelig manchmal dieser Fels ist. Es ist nicht so, dass dieser Jesus nicht wüsste, wie viel Überschwang und auch wie viel Schattenseiten dieser Petrus hat. Und trotzdem sagt er ihm: Du bist ein Fels.
Diejenigen, die in Rom dabei gewesen sind, die wissen, der Petrus läuft mit diesem einen Wort bis nach Rom, der kann aus diesem einen Wort heraus einen Weg zurücklegen, der für viele in der damaligen Zeit undenkbar, unmöglich gewesen ist.
Und hoffentlich erleben wir das alle irgendwann mal im Leben, dass ein Wort, ein gutes Wort uns so stark macht, dass wir über alle Grenzen gehen, dass wir bis an die Grenzen gehen, dass wir Wege zurücklegen, von denen wir nie gedacht hätten, dass wir sie zurücklegen können. Wer bist du mir?
Jedes Angelusläuten ein großes Geschenk, ob das an der Kasse beim Aldi ist, ob das irgendwo in den Bergen ist, bei einer wunderschönen Bergwanderung, das daheim beim Mittagstisch ist, ob das mitten im Toro, wo er Bohu der Schule ist oder wo auch immer.
Einen Augenblick beim Glockenläuten innehalten und zu schauen, wem kann ich jetzt was Gutes sagen? Wem kann ich jetzt einen Augenblick schenken des Segens? Wie verändert sich dadurch alles? Petrus kommt auch zu hören. Und dann, dann hab den Mut, das zu binden, was auf Erden gebunden sein soll.
Ich liebe dich. Du kannst dich auf meine Liebe verlassen. Ich sehe in dir einen Felsen und ich glaube an dich, auch wenn du manchmal nicht an dich glauben kannst.
Verbindlich zu sein in dem, was wir einander zusprechen, damit der andere spürt, da hat sich jemand so an mich gebunden, da gibt jemand so viel von seinem eigenen Leben, damit mein Leben stark wird. Und Petrus hört auch und dann habt den Mut zu lösen, es auf ewig gelöst ist, auch im Himmel.
Auch das kann ein Segen sein, zu sagen, es ist gut, lass uns nicht mehr streiten. Ich möchte in meinem Herzen Vergebung finden, ich möchte nicht nachtragen, lass uns das lösen, lass uns das so lösen, dass wir die Ewigkeit miteinander verbringen können, dass wir im Himmel gelöst, erlöst uns begegnen.
Wie viel Chance schenkt uns jeder neue Tag, immer wenn die Glocken läuten, einander anzuschauen und zu sagen, das bist du mir, dazu stehe ich und einander zu sagen, das würde ich gerne lösen. Das würde ich gerne auflösen. Das soll uns nicht belasten.
Wir wissen nicht, wie viele solche Augenblicke, wie viele solche Angelus-Leuten uns geschenkt werden. Aber jeder Einzelne ist ein Geschenk. Bei der Krankensalbung, bei der letzten Ölung ist es mir immer wichtig, auch wenn der Ritus das nicht vorsieht, dass nicht nur der Pfarrer das Kreuzzeichen mit Öl auf die Stirn macht, sondern die Angehörigen.
Alle, die in diesem Augenblick da sind, sollen noch einmal auf die Stirn schreiben: „Du warst mir ein Segen. Du bist mir ein Segen.“ Auf die Stirn schreiben: Ich weiß um den Schatten, der uns auch verbindet. Aber ich möchte segnen, was da ein Licht war, was da ein Licht ist, was mein Leben durch dich geworden ist. Ich möchte, dass du in den Himmel gehst und weißt, du warst ein Segen. Und ich möchte dich lösen von all dem, was dein Herz belastet. Ich möchte, dass du hineingehst zu dem Gott, der den Mut hatte, in die Einsamkeit zu gehen und zu fragen: Wer bin ich für dich?
Und der zärtlich und mutig genug war, seinem Freund, seinem Petrus zu sagen: Und du, du bist für mich ein Fels. Wie gut du das. wenn Menschen so miteinander sprechen. Amen.