Predigt Pfarrer Dr. Givens am 30.08.2026:Johannes der Täufer

Mut zum Widerspruch
Schwestern und Brüder im Herrn,
die Geschichte vom Tod Johannes des Täufers beginnt viel, viel früher und es ist eine Herzensgeschichte. Sie beginnt damit, dass zunächst einmal da zwei Menschen sind, Elisabeth und Zacharias, und die sehnen sich danach, endlich ein Kind zu bekommen. Aber sie bekommen kein Kind. Die Jahre gehen ins Land, die beiden werden alt. Und das Erstaunliche daran ist, dass ihre Herzen nicht bitter werden. Das ist schon ein Herzenskunststück. Das Herz nicht bitter werden zu lassen, wenn das Leben anders kommt, als man sich das vorgestellt hat. Das Herz nicht hart werden zu lassen, wenn Krankheit, wenn Enttäuschung, wenn Lebenswege ganz anders kommen, als man gehofft und sich gewünscht hat. Von beiden heißt es, Elisabeth und Zacharias, die Eltern des Johannes, sie waren gerecht und fromm. Gerecht, das setzt ein Herz voraus, das beweglich ist, das nicht das eigene Leben, die eigene Lebensenttäuschung zum Maßstab macht, sondern immer wieder hinschaut, was braucht der andere. Darum sind wir heute Morgen hier, um unsere Herzen bilden zu lassen, um unsere Herzen beweglich zu halten, um nicht bei den Enttäuschungen, nicht bei dem stehen zu bleiben, was so ganz anders gekommen ist, als wir gedacht haben, sondern wie Elisabeth und Zacharias darum zu bitten, ein bewegliches Herz zu behalten, ein offenes Herz.
Und dann, dann geschieht das Wunder. Zacharias bekommt im Tempel die Botschaft: Euch beiden wird im hohen Alter noch ein Kind geboren werden. Auch das ist eine Herzenssache. Im Alter noch Freude an der Sexualität zu haben, an der Zärtlichkeit. Zacharias muss verstummen, er kann ein halbes Jahr lang nicht reden. Vielleicht ist das notwendig, dass diese Ehe einen neuen Impuls bekommen hat, wenn einer nicht mehr die ganze Zeit quasselt, sondern mit Händen und Füßen, mit dem ganzen Körper danach sucht, dem anderen zu zeigen: Ich liebe dich. Johannes ist ja nicht vom Himmel gefallen. Die zwei müssen noch einmal ein bewegliches Herz gefunden haben. Die müssen noch einmal der Liebe getraut haben. Auch das ist ein Herzenskunststück, nicht im Alter brummelig und schweigsam zu werden, sondern zärtlich und liebevoll, für jeden Lebensabschnitt eine Sprache zu finden, die den anderen im Herzen satt macht an Leib und Seele. Das ist den Eltern von Johannes gelungen und so kommt er zur Welt. Und dann sind die Nachbarn und die Verwandten, dann sind die Freunde und die wissen schon, wie dieses Kind heißen soll: Zacharias. Da steht die Mutter auf und sagt: Nein, der soll Johannes heißen. Eine Frau nimmt sich ein Herz und steht zu dem, was ihr wichtig ist, und kann das in dieser traditionellen Gesellschaft sagen. Das setzt voraus, dass sie einen Mann gehabt hat, der ihr das ermöglicht hat, und dass sie ein Herz gehabt hat, das stark genug war, ihm das auch zu sagen und zu zeigen. Auch das ist die Geschichte von Johannes, ist die Geschichte von Elisabeth und Zacharias: aus dem Herzen keine Mördergrube zu machen, keine falschen Rücksichten zu nehmen, sondern zu sagen, was mir auf dem Herzen liegt und nicht zu überlegen: Was denkt der andere, was denkt die andere? Sondern dem anderen und der anderen zuzutrauen, dass er oder sie damit umgehen kann, wenn ich von meinem Herzen rede. Und wenn nicht, dann wird es Zeit, einmal miteinander zu reden, wer wann, wie es in einer Freundschaft, in einer Ehe bestimmen und sagen darf. Elisabeth kann sagen, was ihr auf dem Herzen liegt, und sie kann es durchsetzen. So bekommt das Kind einen Namen.
Vielleicht ist das für den kleinen Johannes die wichtigste Botschaft, wenn er groß wird: Geh deinen eigenen Weg. Eigentlich hätte er Priester werden sollen, wie sein Vater Zacharias. Eigentlich war sein Weg vorherbestimmt und wäre ein goldener Weg gewesen, ein abgesicherter Weg, ein Weg in der Tradition, ein Weg mit einem sicheren Beruf, mit einem sicheren Einkommen. Und er lässt das alles beiseite, geht in die Wüste und geht einen radikal anderen Weg. Die Hanna schmiegt sich gerade an dich, lieber Simon. Und hoffentlich, hoffentlich darf sie irgendwann mal ihren eigenen Weg gehen. Das wünsche ich auch dir, das wünsche ich allen Kindern, die heute Morgen da sind, dass ihr wie Johannes euren Weg gehen dürft. Dass wir Erwachsenen, dass alle Eltern den Mut haben, zwei Schritte zur Seite zu gehen und zu sagen: Ich würde mir das wünschen, ich hätte diese Idee, aber es geht nicht um mein Leben, es geht nicht um meine Träume, nicht um das, was ich sehe, sondern das, was dir dein Herz sagt. Johannes muss starke Eltern gehabt haben, die ihm das ermöglicht haben. Er geht in die Wüste, er findet seinen eigenen Weg, einen radikal anderen Weg als viele seiner Zeitgenossen. Wie sehr ist es jedem Kind zu wünschen, dass sein Herz den Weg weisen darf und dass da Eltern, Großeltern, dass da Familie ist, die sagt: Geh! Und wisse immer, die Tür hinter dir ist offen, auch wenn es vielleicht mal eine Sackgasse gegeben hat. Du darfst kommen und dann schauen wir neu, wohin dein Herz dich jetzt führt.
Und dann geht Johannes in die Wüste, dort wo niemand ist, und das Erstaunliche ist, das Wunder dieser Zeit ist, dass Menschen ihn hören, obwohl sie in der Stadt leben, dass sie hören und dass sie sich auf den Weg machen in die Wüste und fragen: Was soll ich verändern in meinem Leben? Wie viel Kraft kostet das, aus der Stadt herauszugehen, aus der Blase herauszugehen, aus dem Eigenen herauszugehen und hinzugehen und zu sagen: Was möchte ich verändern? Was es jetzt sei, dass es anders wird, sich ein Herz zu fassen und zu sagen: Ich verändere etwas. Und die Menschen haben das gezeigt, indem sie sich von Johannes haben taufen lassen, ein Zeichen gesetzt: Ich will anders zurückkehren in die Stadt, in das Dorf, in mein vertrautes Umfeld, als ich losgegangen bin. Wir werden nicht an den Jordan gerufen, aber es gibt immer wieder diese Herzensmomente an einem Sterbebett, im Krankenbett, bei der Geburt eines Kindes, nach dem ersten Kuss. Das sind die Momente, wo sich die Frage stellt: Will ich in der alten Blase weiterleben oder hat dieses Kind, die Geburt dieses Kindes, mein Leben verändert? Will ich wirklich so weiterleben oder hat diese Krankheit, dieses Sein am Krankenbett, mein Leben verändert? Und genauso ist es, wenn einer oder eine stirbt, geboren wird für den Himmel. Möchte ich danach einfach wieder in den alten Trott zurückkehren, in die alten Gewohnheiten? Oder hat diese Berührung nicht mir gezeigt: Ich war am Jordan, der Himmel hat sich mir geöffnet in diesem Sterben, in dieser Geburt, in dieser Krankheit und mir gezeigt: Dein Leben ist viel weiter, viel größer, als du es vielleicht bisher gesehen hast, weil du so fixiert gewesen bist. Jede Geburt, jeder Tod, jede Krankheit ist Herzensberührungszeit. Einladung hinzuschauen, ob ich an den Jordan gehen sollte. Einladung, ob etwas Neues ist.
Und dann wird Johannes verhaftet, weil er das Herz eines Löwen hat, weil er keine Angst hat vor dem König und vor der Königin und weil er den Mut hat, das zu sagen, was gesagt werden muss. Johannes: Es ist nicht recht, das Herz eines anderen Menschen zu brechen. Du hast das Herz deines Bruders Philippus gebrochen. Ich hoffe, wir haben Freunde. Ich hoffe, wir haben Menschen in unserem Leben, die diesen Löwenmut haben, uns zu sagen: Du hast gerade das Herz von jemandem gebrochen. Wie viel Mut kostet das, einem anderen, einer anderen zu sagen: „Das geht so nicht. Du hast Verantwortung für ein anderes Herz.“ Johannes hatte diesen Mut und Herodes hat gespürt, wann immer er ihn im Gefängnis besucht hat, da ist eine Stimme, die ist herausfordernd. Aber sie ist wichtig in meinem Leben. Da ist eine Stimme, die ist anders als alle meine Freunde, als alle meine Offiziere, als alle, die mich am Hof umgeben. Und das Tragische ist, dass Herodes nicht den Mut hat, vor allen Freunden, vor allen Mächtigen, vor Herodias zu sagen: Nein, auf diese Stimme möchte ich nicht verzichten. Lieber lässt er Johannes über die Klinge springen, als den Mut zu haben, den eigenen Freunden, den eigenen Höflingen zu sagen: Hier ist deine Grenze, nicht weiter, ich brauche diese Stimme in meinem Leben.
Und wie tragisch ist das Leben des Mädchens, das da getanzt hat. Die tanzt und die muss so toll getanzt haben, dass alle begeistert sind. Wie viel Lebensfreude, wie viel Lebenslust muss in diesem Tanz gesteckt sein? Und jeder von ihnen, der gerne tanzt, weiß, wie gut das ist, wenn man alle Sicherungen durchbrennen lässt und dem Körper Freiheit gibt und tanzt, was das Gefühl sagt. Und dann kommt die Mutter und sagt zu dem Mädchen, als dieses fragt: Was soll ich mir wünschen? Als ein halbes Reich diesem Mädchen vor Füßen liegt, da sagt die Mutter: Meinen Hass, meine unerfüllten Wünsche, den sollst du dir wünschen. Anstatt dass die Mutter diesen Hass auslaufen lässt, wie eine Welle am Strand, pflanzt sie den Tsunami in das Herz ihres Kindes. Wie furchtbar, wenn eine Generation an die nächste Generation den Hass weitergibt, wenn Eltern ihren Zorn, ihre Erbstreitigkeiten, ihre Auseinandersetzungen an die nächste Generation weitergeben. Wie furchtbar, wenn der Tsunami von einem Herz zum anderen wandert, anstatt sich auslaufen zu können.
Dann kommen die Jünger des Johannes und sie setzen Johannes bei. Noch einmal zeigen sie, dass dieser Mensch mit seinem Herzensmut, mit seiner Herzensgeschichte ihr Herz berührt hat. Und dass er es wert ist, nicht wie ein Verbrecher verscharrt zu werden, sondern würdig beerdigt zu werden. Noch einmal ein Zeichen an die Welt: Dieser Mensch hat mich berührt. Ich setze ihn bei. Ich gebe ihm einen Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren können. Gib mir einen Ort, wo mein Herz trauern kann. Ich stehe dazu, dass wir eine gemeinsame Geschichte haben.
Johannes ist eine Herzensbotschaft. Die Eltern von Johannes, Elisabeth und Zacharias, der andere Name. Diese Sehnsucht, ein Herz zu haben, das die Wahrheit spricht, diese Weisheit, einem Herzen zuzuhören, die Gefahr, dass ein Herz hart wird, die Angst, nicht zu sehen, wohin das Herz führen möchte, und die Weisheit zu zeigen: Dieses Herz war mir kostbar. Amen.