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Predigt Pfarrer Dr. Givens vom 5. Juli 2026:Kommt zu mir, ich will euch Ruhe verschaffen

Stille
Maß halten zwischen Zuhören, Ruhe und Reden
Datum:
6. Juli 2026
Von:
Herbert Kohl

Im Gottesdienst ist Raum für Stille und Feier

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

zur Vorbereitung der Texte, die an diesem Wochenende in der Leseordnung zu lesen sind, Lesung und Evangelium, hab ich mir verschiedene Kommentare angeschaut und im Te Deum den Kommentar eines Mitbruders gefunden zu dem Satz: 'Kommt zu mir, ich will euch Ruhe verschaffen.' Und er schreibt darin: Was für ein Kampf, das in seiner Gemeinde gewesen ist, dass nach der Lesung, dass nach dem Evangelium und dass bei der Kommunion es Ruhe gibt.

Eine Minute Stille nach der Lesung, 2 Minuten Stille nach dem Evangelium und nur Orgelspiel während der Kommunion. Und dann dann sollte in seiner Gemeinde ein Fernsehgottesdienst sein und alles wurde durchgesprochen, wie der Ablauf für diesen Gottesdienst ist. Und der Verantwortliche vom ZDF hat ihm gesagt, so wie Sie das machen, das geht nicht. Wenn da dreimal im Gottesdienst Ruhe ist, dann werden die Leute wegschalten, dann werden die das Programm wechseln, dann werden die abschalten. Er ärgert sich bis heute, dass er nachgegeben hat, dass er es nicht ausprobiert hat, wie das ist, wenn es Ruhe im Gottesdienst gibt.

Das ist aber gar nicht so unähnlich zu der Situation unserer Gemeinde. Da kommen die heute Morgen hierher, die haben schon genug Ruhe, weil sie daheim allein sind. Vielleicht, weil sie sich auch nichts mehr zu sagen haben oder wenig zu sagen haben. Da kommen die, die vielleicht nur beim Aldi noch jemanden treffen und die dankbar sind, dass da bekannte Gesichter sind, dass man sich begrüßen kann, dass da Begegnung möglich ist. Da kommen ganz viele, die haben schon genug Ruhe, weil es still geworden ist, nachdem die Kinder ausgezogen sind. die Kinder da gewesen sind, die Wohnung einfach still ist. Und zugleich kommen die, die sagen: "Boah, endlich eine Stunde Ruhe, endlich kein Alltag, endlich hier sitzen und langsam runterkommen. Niemand will was von mir, niemand fordert was von mir." Und das ist die Spannung am Anfang des Gottesdienstes, bevor es losgeht, hier drin einander zu begrüßen und trotzdem den anderen Ruhe zu schenken, Begegnung zu ermöglichen, aber die Kirche nicht ins Café Rall zu verwandeln.

Gut, dass es nach dem Gottesdienst die Möglichkeit gibt, einander zu begegnen und miteinander zu reden. Gut, dass es diesen Ort der Begegnung gibt, der uns immer wieder von der Emmaus-Gruppe geschenkt wird. Kommt alle zu mir, die ihr Ruhe sucht. In den großen Kathedralen des Mittelalters gab es immer eine Kapelle, die etwas ganz Besonderes gewesen ist.

In Exeter kann man das heute noch sehen. Da läuft man durch diese Riesenkathedrale Und ganz am Ende ist da hinter dem Altar eine kleine Kapelle. Die wurde geschaffen für diejenigen, die dorthin gepilgert sind. Das waren oft verkrüppelte Menschen, lahme Menschen, Menschen, die unter Gicht, unter verschiedenen Gebrechen gelitten haben, für die war der Weg schon unendlich mühsam. Und wenn sie endlich am Altar des Heiligen angekommen sind, da unten durchgekrochen sind, berührt haben, dann war für die meisten der Weg nach Hause erst einmal zu viel. Die mussten ausruhen, Kraft sammeln und darum gab es in Exeter, wie in ganz vielen Kathedralen, die Kapelle der Träume, die Kapelle der nächtlichen Heilung, die Kapelle der Ruhe. Da drin wurde nichts gesprochen, da war einfach nur ein Raum, Da konnte man sich hineinlegen auf den Boden, der mit Stroh ausgelegt war, und durfte die ganze Nacht Ruhe haben, träumen. Und das Besondere war, die ganze Decke war ausgemalt mit lauter Gucklöchern und aus jedem einzelnen Guckloch hat ein Engel geschaut, jeder Engel anders, so als wollte der Künstler sagen, Wenn du jetzt hier schläfst, wenn du jetzt hier träumst, wenn du jetzt hier ausruhst, wenn du jetzt hier zur Ruhe kommst, musst du keine Angst haben vor dem, was in dir in der Stille aufsteigt. Da schaut dein Schutzengel auf dich.

Wie gut ist es, in den Urlaub gehen zu können und keine Angst zu haben vor der Stille. keine Angst zu haben, endlich Zeit zu haben und zu spüren, da gibt es ganz viel, was im Alltag nicht angesprochen wird. Manch einer, manch einer zerstreitet sich vollkommen in den Ferien, weil so vieles aufbricht, was im Alltag nicht ausgesprochen wird, was weggeschoben wird, wofür keine Zeit ist. Und dann hat man endlich 10 Tage Ferien, 10 Tage nur füreinander, 10 Tage nur miteinander und merkt, da gibt es so einiges, was wir beim Frühstück immer wieder weggeschoben haben. Da gibt es so vieles, was das Herz jetzt endlich aussprechen möchte. Es ist gut, dass es die Ruhe gibt, damit nicht weiter verdrängt wird, nicht weiter weggeschoben wird, sondern dass es ins Wort kommt. Und dann ist es gut, einander Engel zu sein. So hinzuhören, dass der andere sich wirklich aussprechen kann, dass der andere wirklich von sich erzählen kann. Vielleicht auch mal eine ganze Nacht lang nichts zu sagen, bevor man antwortet. Einfach die Klappe halten und schlucken, bis man bereit ist, wie ein Engel zu sprechen. Einfach aus dem Guckloch hinzuschauen. Was sagt mir der Mensch, den ich liebe, mit dem ich heute unterwegs bin? Was will er oder sie mir wirklich sagen? Was muss ich überhören und wo muss ich genau hinhören?

Es ist eine große Kunst, ein gutes Maß zu halten zwischen dem Zuhören, der Ruhe und dem Reden. Es ist ein gutes Austarieren in jedem Gottesdienst, dass die, die gekommen sind, damit ihr Herz sprechen kann, damit ihr Herz Ruhe findet, damit ihr Herz stark wird für das Viele, das im Alltag wieder kommt, dass die auch Ruhe finden in unserem gemeinsamen Gottesdienst und dass die, die zu viel Ruhe haben, die zu viel Stille haben, die zu viel Einsamkeit haben, miteinander singen, miteinander beten, einander anschauen können, miteinander auch Kaffee trinken, miteinander Kommunion halten können, um draußen die Stille wieder anzunehmen, die Einsamkeit anzunehmen, das Isoliertsein anzunehmen.

Die Kathedralen des Mittelalters, die wussten darum, es braucht den Raum, wo der Festgottesdienst stattfindet, es braucht den Raum, wo gefeiert und wo erzählt wird, wo mit Weihrauch, mit allem Drum und Dran, mit allen Sinnen gefeiert wird. Aber es braucht auch der Raum, wo nur Ruhe ist, wo Stille ist, wo geträumt werden darf, wo man weiß, alles was jetzt in meinem Herzen hochkommt, dafür muss ich mich nicht schämen. Das hat Platz in unserer Ehe, hat Platz in unserer Freundschaft, das hat Platz in unseren Beziehungen, das darf sein, damit das Herz frei wird. Ihr alle, die ihr mühselig und beladen seid, kommt zu mir. Mein Joch drückt nicht und ist leicht. Ich will euch Ruhe verschaffen. Das ist unsere Nachfolge. Für den anderen ein leichtes Joch zu sein, dem anderen zu sagen, komm nur, erzähl von deinen Lasten, ich trage mit dir und den Mut zu haben, Ruhe zu schenken, nicht gleich eine Antwort zu haben, eine Nacht darüber zu schlafen, damit der Raum der Heilung, damit Kapelle der Heilung in der eigenen Familie, im Betrieb, im Miteinander errichtet wird. Amen.