Ansprache Gemeindereferent Herbert Kohl am 17. Mai 2026:Maria Knotenlöserin

Heilige Maria, Muttergottes, bitte für uns
Liebe Schwestern und Brüder,
lesen Sie gerne Krimis? Ich schon. Da gibt es oft diese eine Szene: Ein Problem taucht auf – alles scheint festgefahren. Und dann wird der große Problemlöser gerufen. Meistens endet es damit, dass das Problem einfach „gelöst“ wird – im Krimi manchmal sogar sehr endgültig. Soweit so spannend. Aber wie ist das im echten Leben?
Was machen Sie, wenn Sie ein Problem haben? Haben Sie einen „Problemlöser“ oder eine „Problemlöserin“, die Sie anrufen können? Welch ein Segen ist es, wenn es Menschen gibt, denen wir unsere Sorgen anvertrauen können. Menschen, die einfach einmal zuhören. Nicht sofort mit Ratschlägen kommen. Nicht gleich alles besser wissen. Sondern die da sind. Die mich ernst nehmen. Die mich nicht verurteilen, sondern verstehen. Oft merke ich: Wenn ich so jemanden habe, dann finde ich die Lösung manchmal schon selbst. Weil ich endlich wieder klarer sehen kann.
Im Evangelium dieses Sonntags heißt es: Nach der Himmelfahrt Jesu versammelten sich die Jünger im Obergemach. Sie blieben dort einmütig im Gebet – zusammen mit den Frauen, mit Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern. Maria wird ausdrücklich genannt. Sie ist mitten unter den Jüngern. Sie gehört dazu. Und sie betet mit ihnen.
Das ist etwas ganz Entscheidendes: Die Jünger bleiben nicht allein mit ihrer Unsicherheit. Sie ziehen sich zurück. Sie suchen die Gemeinschaft. Und sie beten um den Heiligen Geist. Diese Bitte wird erhört werden – wir hören es am kommenden Sonntag an Pfingsten: Gott schenkt seinen Geist. Kraft. Neues Leben. Erneuerung.
Und genau das kann auch eine Blaupause für unser Leben sein. Unsere Sorgen und Nöte, unsere Krankheiten, Ängste und Trauer sind wie Knoten in unserem Lebensfaden. Sie machen unser Leben manchmal eng. Sie ziehen sich zusammen. Und manchmal sehen wir keinen Ausweg mehr. Wie gut tut es dann, eine Vertrauensperson zu haben. Oder besser gesagt: eine ganze „geistliche Vertrauensgemeinschaft“. So wie heute hier in der Apostelkirche.
Und genau hier kommt Maria ins Spiel. Sie haben dieses Bild erhalten: „Maria, die Knotenlöserin“. Maria ist diese Vertrauensperson. Sie ist die Mutter, die zuhört. Die nicht urteilt. Die nicht wegschaut. Ihr dürfen wir alles anvertrauen, was uns belastet. Alles, was in uns verknotet ist. Und wir glauben: Auf ihre Fürsprache hin kann Gott die Knoten unseres Herzens lösen.
Aber eines ist wichtig: Das geschieht nicht immer sofort. Es braucht Zeit. Es braucht Stille. Es braucht einen Rückzugsort – so wie die Jünger im Obergemach. Es braucht Menschen, die uns begleiten. So wie Maria. Und es braucht das Gebet. Die Offenheit für Gottes Geist – für seine er-lösende Kraft.
Dann kann etwas geschehen: Das Wirrwarr in unserem Herzen beginnt sich zu ordnen. Knoten lösen sich langsam. Nicht immer sichtbar, aber spürbar. Und wir schöpfen wieder Kraft für unseren Alltag. Nehmen Sie dieses Bild gerne mit nach Hause. Und wenn Sie Knoten in Ihrem Leben spüren, dann ziehen Sie sich zurück ins Gebet. Oder kommen Sie hierher in den Gottesdienst. Oder suchen Sie ein Gespräch. Das, was für Sie gerade gut ist.
Zwischen Himmelfahrt und Pfingsten stehen wir genau in dieser Zeit des Wartens. Und wir erinnern uns heute: Gott wirkt besonders dort, wo Menschen sich in seinem Namen versammeln. Wo sie beten. Wo sie einander tragen. Nehmen Sie doch nochmal das Bild zur Hand. Was für ein Bild für unser Leben! Denn jeder von uns – ob jung oder alt – kennt diese Knoten.
Da sind die Knoten des Verlustes. Wer von uns hat nicht Menschen geliebt und sie verloren? Eltern, Geschwister, den Ehemann, die Ehefrau, Freunde, die man ein Leben lang kannte. Manchmal zieht sich das Herz noch Jahre später zusammen, wenn man an sie denkt. Dieses Zusammenziehen – das ist ein Knoten. Ein Knoten der Trauer, der Sehnsucht, des Schmerzes. Und der Knoten sagt uns: Dieser Mensch hat mir wirklich viel bedeutet. Liebe hinterlässt immer Spuren – auch als Schmerz.
Da sind die Knoten in der Familie. Manchmal haben sich Lebenswege von Menschen, die wir lieben, auf eine Art entwickelt, die uns Sorgen bereitet. Ein Kind, das den Glauben verloren hat. Ein Enkel, der schwere Entscheidungen trifft. Eine Beziehung, die zerbrochen ist und nicht heilen will. Wir wünschen uns so sehr, helfen zu können – und oft können wir es nicht. Das macht hilflos. Und Hilflosigkeit verknotet das Herz.
Da sind auch die Knoten, die wir selbst geschlagen haben. Dinge, die wir getan haben oder nicht getan haben, die uns noch beschäftigen. Worte, die wir gesagt haben und nicht zurücknehmen können. Versöhnungen, die nie stattgefunden haben – vielleicht, weil der andere gestorben ist, bevor man sich zusammengefunden hat. Auch das sind Knoten.
Und dann sind da noch die großen Knoten unserer Zeit: eine Welt voller Krisen. Kriege, die kein Ende finden. Eine Wirtschaft, die viele Menschen in Sorge versetzt. Eine Gesellschaft, die manchmal so gespalten wirkt, dass man sich fragt: Findet das noch zusammen? Auch das drückt auf die Seele.
Liebe Schwestern und Brüder, erinnern wir uns an die Rolle von Maria bei der Hochzeit zu Kana.
Es ist ein Fest. Eine Hochzeit. Und mitten in der Freude – ein Problem, das man nicht selbst lösen kann. Der Wein ist alle. Das klingt banal, aber damals wäre das eine Schande für die ganze Familie gewesen. Eine Blamage, die man nicht mehr loswird. Ein Knoten.
Und was tut Maria? Sie schaut hin. Sie bemerkt es. Wie eine Mutter, die spürt, wenn etwas nicht stimmt. Sie geht nicht daran vorbei. Sie verdrängt es nicht. Sie sagt es Jesus: »Sie haben keinen Wein mehr.« Das ist das ganze Gebet. Mehr braucht es nicht. Keine langen Erklärungen. Keine Verhandlung. Einfach nur: Schau, hier ist Not.
Jesus antwortet zunächst etwas seltsam: »Meine Stunde ist noch nicht gekommen.« Aber Maria lässt sich davon nicht beirren. Sie sagt den Dienern: »Was er euch sagt, das tut!« Was für ein Vertrauen! Sie weiß: Wenn ich es ihm gesagt habe, dann darf ich loslassen. Dann ist es in guten Händen. Und der Knoten löst sich. Nicht durch Marias eigene Kraft – sondern durch die Kraft Jesu, den heiligen Geist. Wir sehen auf dem Bild, über Maria, die Taube, Symbol des heiligen Geistes. Das, liebe Schwestern und Brüder, ist das Geheimnis Mariens, der Knotenlöserin. Sie löst die Knoten nicht selbst. Aber sie trägt sie zu ihrem Sohn. Sie zeigt sie ihm. Und sie vertraut: Er wird einen Weg finden.
Dürfen wir das auch? Ja. Wir dürfen. Wir dürfen alle unsere Knoten – die der Trauer, der Sorge, der Schuld, der Angst, der Hilflosigkeit – wir dürfen sie Maria in die Hände legen. Wir dürfen sagen: »Ich schaffe das nicht alleine. Ich weiß nicht, wie das noch gut werden soll. Aber du weißt es, Gott. Und Maria trägt es zu dir.« Das ist kein Aufgeben. Das ist Vertrauen. Das ist vielleicht das Reifste, was ein Mensch lernen kann: loszulassen und Gott zu vertrauen.
Ein letzter Gedanke: Manchmal löst sich ein Knoten gar nicht in diesem Leben. Die Trauer um einen geliebten Menschen bleibt. Die zerbrochene Beziehung heilt nicht mehr. Die Krankheit geht nicht weg. Aber auch das hat Maria erlebt. Auch sie hat am Kreuz gestanden und es nicht verstanden. Und auch sie hat vertraut – bis zur letzten Stunde. Und Gott hat ihr Vertrauen nicht enttäuscht.
So halten auch wir aus – mit unseren Knoten – im Vertrauen auf Gottes erlösenden heiligen Geist. Maria, die Knotenlöserin, trägt unsere Anliegen vor Gott.