Predigt Pfarrer Dr. Givens vom 19. April 2026:Mit den Ohren Jesu hören

Wir sind berufen uns für Minderheiten einzusetzen
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, nicht beachtet zu werden, übersehen zu werden, das ist eine äußerst unangenehme Erfahrung. Das war am Anfang der Kirche so. Eine Gruppe, die nicht Hebräisch gesprochen hat, die Griechisch gesprochen hat in Jerusalem, hat das Gefühl gehabt, weil wir uns nicht richtig verständigen können, weil wir die Minderheit sind, bringen wir nicht ins Wort, was wir brauchen, was uns wichtig ist.
In der Lesung hat es geheißen, die Witwen, der Griechen beschweren sich, weil die Hebräer sie übersehen beim Verteilen des Essens. Die Apostel, die Urkirche löst das dadurch, dass das Amt des Diakons, der Dienst des Diakons erfunden wird. Es werden sieben aus der Gemeinde ausgesucht, sieben Männer, die fortan die Aufgabe haben, dass eben niemand in der Gemeinde mehr übersehen wird. Die Aufgabe haben, dass gerade die, die sich vielleicht sprachlich schwer tun, die sich auf irgendeine Weise schwer tun zu sagen, was brauche ich, was möchte ich, dass die nicht übersehen werden, dass die nicht untergehen in der Mehrheitsgesellschaft und bald schon hat die Urkirche gemerkt, aber es gibt Situationen, da haben Männer auch einen blinden Fleck, gerade wenn es darum geht, wenn die Taufbewerber zum Taufbrunnen gekommen sind, da war es für Frauen, wenn sie sich zur Taufe gegeben haben, mehr als unangenehm, vor einem Mann sich auszuziehen, um dann nackt ins Taufwasser hinabzusteigen.
Und so kam der Dienst der Diakonin dazu und das hat der Urkirche gut getan, dass es Frauen gegeben hat, die in ganz unterschiedlichen Bereichen anders hingeschaut haben als die Männer. Diakone und Diakoninnen, die in den ersten Jahrhunderten unserer Kirche den Auftrag hatten, hinzuschauen, um niemanden zu übersehen. Und so wie das ZDF einmal geworben hat, man sieht nur mit dem zweiten gut, so ist es auch in der Kirche. Es hat uns gut getan, den Blick der Frauen zu haben, weil Frauen anders hinschauen als Männer, damit niemand übersehen wird.
In der Westkirche geht der Dienst der Diakonin im dritten, vierten Jahrhundert verloren. Er hält sich noch in einigen Klöstern. In der Ostkirche bleibt der Dienst der Diakonin bis ins achte Jahrhundert, dann verschwindet auch dort dieser Dienst und irgendwann verschwindet auch der Dienst des Diakons. Er wird zum Durchlauferhitzer auf dem Weg zum Priestertum, nur noch eine Weihestufe, die abgehakt werden muss. Und dann kommt das zweite Vatikanische Konzil, das noch einmal den Blick weitet auf die Welt und der Kirche ins Stammbuch hinein schreibt: Eure Aufgabe ist es, dass ihr die nicht überseht, die nicht überhört, die keine Stimme haben, die Witwen und Waisen im wahrsten Sinn des Wortes, aber auch im übertragenen Sinn. Und so kam neu der Dienst des Diakons, um deutlich zu machen, Wir haben als Kirche die Aufgabe immer und immer wieder hinzuschauen, übersehen wir jemand, überhören wir jemand. Diakon bedeutet übersetzt eigentlich nichts anderes als ein Kellner. Und ein Kellner oder eine Kellnerin, das haben sie alle schon erlebt, das ist eigentlich ein kleines Wunder, sie sitzen an einem Tisch im Restaurant, in der Kneipe und sie sagen dem Kellner oder der Kellnerin Worte und ein paar Minuten später wird ihr Durst gelöscht, steht etwas auf dem Tisch zum Essen, da hat jemand aus ihren Worten etwas Nahrhaftes gemacht.
Da hat jemand aus Worten umgewandelt etwas, was Durst löscht, etwas, das satt macht. Kellner oder Kellnerin sind diejenigen, die dann tatsächlich etwas bringen, das den Menschen leben lässt. Auch wenn wir nicht nur vom Brot allein leben, wir brauchen auch das Brot. Bei der Firmung geschieht etwas ganz ähnliches wie damals bei der Urkirche. Da gibt es diesen einen Moment, wo jede und jeder einzelne ganz alleine vor dem Firmspender steht und dann passiert dasselbe wie in der Urkirche. Dann wird die Hand aufgelegt Und das ist der Moment, wo die Firmbewerber, die Firmbewerberinnen zur Kellnerin und zum Kellner Gottes werden, zu Diakonen und zu Diakonen. Das ist der Moment, in dem wir Anteil haben am Heiligen Geist, in dem uns gesagt wird, von jetzt an bist du ein Kellner, eine Kellnerin Jesu. Von jetzt an musst du das Wunder hinbekommen, so hinzuhören, dass du verstehst, was braucht der Mensch neben mir, damit sein Durst gelöscht wird. Von jetzt an musst du ausgesprochene und unausgesprochene Worte so übersetzen, dass du etwas auf den Tisch bringst, das Menschen satt macht.
Wir alle sind Kellner und Kellnerinnen Jesu seit unserer Firmung. Wir sind Diakone und Diakoninnen seit dem Augenblick, als uns zugesprochen wird, du bekommst die Ohren Jesu, du bekommst den Blick Jesu, du bekommst das Herz Jesu durch Handauflegung, damit du die nicht überhörst und übersiehst, die womöglich untergehen, weil sie Sprachschwierigkeiten haben, weil sie Ausdrucksschwierigkeiten haben, weil sie die Minderheit sind, weil sie zu schwach sind. Und vielleicht hat das Papst Leo in diesen Tagen in exemplarischer Weise für uns alle vorgelebt und vorgemacht, was das bedeutet, ein Diakon, eine Diakonin zu sein, als er ins Wort gebracht hat, bei all dem Geschrei, bei all dem Krieg, bei all der Gewalt gilt es hinzuhören auf die Witwen und auf die Weisen, auf die die der Krieg betrifft, auf die die nicht mehr wissen, wie sie in all diesem Bombenhagel zurechtkommen.
Da hat einer gegen das Geschrei aus Washington, gegen das Geschrei aus Teheran, gegen das Geschrei aus Moskau, darauf hingewiesen: Ich höre die Witwen und die Weißen und ich bitte um das Brot des Friedens für diese Menschen. Das ist unsere Berufung. und es lohnt nicht zu warten, bis die Kirche soweit ist, dass es auch eine Diakonin gibt. Es lohnt dafür zu kämpfen und dafür zu beten und sich dafür einzusetzen, denn man sieht nur mit dem zweiten gut, aber bis dorthin sind wir alle durch Handauflegung berufen, eine Kellnerin, ein Kellner Gottes zu sein, Diakon und Diakonin Gottes hinzuhören und zu übersetzen, gerade die, die von den anderen niedergeschrien, niedergebombt, niedergemacht werden, damit das Brot des Friedens, damit der Durst nach Gerechtigkeit durch uns gelöscht wird. Amen.