Predigt Angela Eckart vom 25.10.2026:Sei mutig und stark

Weltmissionssonntag 2026
Liebe Kinder und Jugendlichen, liebe Schwestern und Brüder,
der Regen hat den Boden aufgeweicht. Langsam steigt sie den schmalen Weg hinauf. Vorsichtig setzt sie einen Schritt vor den anderen. Das Gras ist feucht. Es reicht ihr beinahe bis zu den Knien. Von Zeit zu Zeit bleibt sie stehen und blickt sich um. Zwischen den Büschen und den hohen Gräsern hält sie Ausschau. Sie sucht nach einer Pflanze, die hier in dieser Landschaft wächst. Nichts Auffälliges. Keine leuchtende Blüte. Kein prachtvolles Kleid, das sofort ins Auge fällt. Und dann entdeckt sie diese kleine, diese so unscheinbare Pflanze. Fast verborgen steht sie zwischen dem Grün. Vorsichtig schneidet sie einen Stängel ab und legt ihn behutsam in ihren Beutel. Sie freut sich über diesen kostbaren Fund. Sie weiß, welche Kraft in dieser kleinen Pflanze steckt. Welche wertvollen Stoffe sie enthält. Stoffe, die Menschen in ihrer Krankheit helfen können. Sie nimmt das kleine Grün mit in ihr Labor. Sie forscht, probiert aus und sucht nach Wegen, ein wirksames Medikament zu entwickeln. Eine Medizin für die Menschen hier auf ihrer Insel. Eine Medizin, die sie sich auch leisten können. Das möchte sie entdecken. Das möchte sie erforschen. Doch das braucht Zeit. Das braucht Wissen. Das braucht Geduld. Und es braucht die Bereitschaft, dranzubleiben.
Schwester Claudine ist Ordensfrau. Und sie ist Wissenschaftlerin, Chemieprofessorin. Sie lebt auf Madagaskar, einer Insel vor der Ostküste Afrikas. Einer Insel voller Schönheit, voller Leben und voller kostbarer Pflanzen. Schwester Claudine weiß darum, wie viel Gutes Gottes Schöpfung in sich trägt. Wie reich unsere Erde ist. Wie viel Leben und Heil in ihr stecken. Wie viel Kraft. Wie viel Schönheit. Gerade Madagaskar bringt davon so viel hervor.
Doch Schwester Claudine sieht auch, wie verletzlich ihre Insel, wie verletzlich unsere Erde ist. Wie unendlich wichtig es ist, verantwortungsvoll mit ihr umzugehen. Dafür setzt sie sich ein. Dafür setzen sich ihre Mitschwestern, ihre Ordensgemeinschaft ein. Mit all ihrer Kraft. Sie möchten, dass die besondere Schönheit Madagaskars, die einzigartige Pflanzenwelt, soll erhalten bleiben. Für die Kinder, die heute dort aufwachsen. Für die Menschen, die morgen auf diesem Land leben werden. Doch das braucht Mut. Und es braucht Stärke. Denn zwei Drittel der Menschen auf Madagaskar leben in Not. Und es ist nicht nur Armut. Es ist Elend. So erzählen uns die Schwestern am heutigen Weltmissionssonntag. Das unterscheiden sie bewusst für uns. Das geben sie uns mit. Denn Elend heißt für sie: Es fehlt am Allernötigsten. An einer Decke, die in der Nacht wärmt. An einem Topf, in dem sich eine Mahlzeit zubereiten lässt. An sauberem Wasser. An einer medizinischen Versorgung, die im entscheidenden Augenblick hilft und bezahlbar ist. Die Schwestern sehen diese dieses Elend. Sie leben mit den Menschen. Tag für Tag. Sie suchen nach Möglichkeiten. Sie setzen ihre Kraft, ihr Wissen, ein, um neue Lebensperspektiven zu eröffnen.
Im Hochland Madagaskars schafft Schwester Claudine deshalb ein Labor. Ihr Orden hat Land erworben, damit die Heilpflanzen wild wachsen und geerntet werden können. Denn diese Ernte sichert den Menschen vor Ort zugleich ein Einkommen. Auf der Farm der Schwestern schafft nachhaltige Landwirtschaft zusätzliche Arbeit und eröffnet neue Perspektiven. So wächst aus dem Einsatz der Schwestern mehr als eine einzelne Idee.
Es wächst eine Perspektive für die Zukunft. Am Anfang war nicht abzusehen, was einmal aus diesem Projekt werden würde. Da war eine Idee. Da war eine kleine, eine unscheinbare Pflanze. Doch die Schwestern haben dem Kleinen getraut. Sie haben hingesehen. Sie haben entdeckt, was in dieser Pflanze, in ihrer Insel steckt.
„Seid mutig und stark“, rufen uns die Schwestern heute zu. Und sie fragen uns zugleich an: Was bedeutet es für dich, mutig und stark zu sein? In deinem Alltag, in unserer Welt? Für deine Mitmenschen, für unsere Erde? Was braucht deine Aufmerksamkeit? Was ist uns anvertraut? Was kann daraus entstehen? Welche Schritte sind lebensnotwendig?
Und die Frage der Schwestern auf der Insel richtet sich auch ganz bewusst und konkret auch an uns als Kirche: Was braucht es von uns, von unserer Pfarrei, damit unsere Kinder, damit die kommenden Generationen, gut leben können? Wie gerecht, wie verantwortungsvoll gehen wir als Pfarrei, als Kirche in Viernheim, mit unseren Ressourcen, mit unserem Besitz um? Wie setzen wir sie uns ein? Für die Menschen unserer Stadt, für das Elend in unserer Welt, für die Bewahrung unserer Erde.
Das sind große Fragen. Fragen, die uns herausfordern, miteinander Ideen und Lösungen zu suchen, miteinander zu überlegen und gemeinsam Schritte wagen, auf den Weg zu bringen
„Sei mutig und stark.“ Die Worte aus der Lesung stehen über dem heutigen Sonntag. Diese Botschaft der Schwestern möchte uns erinnern - uns, die wir in dieser Welt Verantwortung tragen. In unseren Familien. In unseren Klassengemeinschaften und Berufen. Im Verein. Im Jahrgang. In unserer Pfarrei. In unserer Stadt. In unserem Land. Diese Worte stehen über all den kleinen Schritten in unserer neuen Woche, mit denen Menschen, mit denen wir, uns sich einsetzen. Mit denen sie füreinander da sind und einstehen. Mit denen wir unsere Welt und unsere Erde ein wenig menschlicher und lebenswerter machen.
„Sei mutig und stark“ – diese Worte spricht unser Gott uns an diesem Morgen ganz bewusst zu. Gerade dann, wenn wir uns fragen: Wie und wo sollen wir bei dieser Aufgabe anfangen? Reichen unsere Mittel? Können wir uns das überhaupt leisten? Reicht unsere Kraft dafür aus? Können wir hier bei uns überhaupt etwas bewirken?
„Sei mutig und stark.“ Das heißt nicht, keine Sorgen, keine Angst, vor den Herausforderungen zu sehen und zu haben. Unser Gott weiß um unser Ringen und nicht immer scheint deutlich, wird sichtbar, warum aus unseren drei von vielen Menschen geliebten Kirchen etwas Neues für unsere Stadt entstehen soll. Warum Investitionen wie eine Solaranlage, eine Wärmepumpe, ein regionaler Einkauf bei unseren Veranstaltungen im Kirchenchor, in der Johannesrunde, in unseren Kindertagesstätten, für unsere Pfarrei und unsere Stadt für die Zukunft unserer Kirche so immens wichtig sind für die Zukunft unserer Erde. Doch aus unseren kleinen Anfängen können neue Perspektive entstehen, kann Hoffnung werden für unsere Schöpfung.
Und das ist schließlich das große Gütesiegel, dass wir als Christinnen und Christen tragen: Hoffnungsträgerinnen und Hoffnungsträger zu sein für unsere Welt.
Wenn wir heute auf Schwester Claudine und ihre Mitschwestern schauen, dann sehen wir Frauen, die ihre Fähigkeiten und ihre Kraft, ihren Besitz und die Mittel ihres Ordens einsetzen. Frauen, die sich von den Herausforderungen berühren lassen. Frauen, die entdecken, was wachsen kann aus einer unscheinbaren Pflanze und die sich dafür einsetzen, dass daraus Hoffnung und Leben wird.
Heute, am Weltmissionssonntag, geben sie uns eine Ermutigung mit auf unseren Weg in die neue Woche: „Sei mutig und stark.“
Eine Ermutigung, uns selbst und einander zutrauen - zu trauen, dass unsere Möglichkeiten zählen für unsere Erde. Amen.