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Predigt Pfarrer Dr. Givens vom 17. August 2026:Sonnenfinsternis oder Lumen Christi?

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Wir sind für unsere Welt verantwortlich, und die Welt brennt.
Datum:
17. Aug. 2026
Von:
Herbert Kohl

Gib mir etwas von diesem Licht

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

wenn wir morgens losgegangen sind von unserem Hotel in Rom, die Gruppe der Messdienerinnen und Messdiener, dann ging das blabbernd und schwätzend durch die Straßen Richtung der U-Bahnstation. Und dann gab es immer eine Stelle, da wurde es ganz still. Es wurde deswegen still, weil ein Teil der Messdienerinnen und Messdiener sich die Nase zugehalten hat.

Da lag eine Frau in einer Nische, die lag da jeden Tag in einem Berg von Decken und von Kleidern. Es hat unerträglich gestunken. Sie ging ganz ungeniert auch vor den Kindern an die Straße, um dort ihre Notdurft zu machen. Sie lag da in ihrem Müll und ihrem Abfall. So schnell wie möglich vorbei, weil es so furchtbar gestunken hat.

Da schiebt sich etwas in das Blickfeld und alles wird anders in diesem Augenblick. Das haben wir am Mittwoch miteinander erlebt. Plötzlich war die Sonne weg. Das Licht hat sich verändert. Es waren nur Minuten, aber alles war in diesem Augenblick anders.

Und so ist das auch im Leben Jesu. Da kommt diese Frau, die schreit hinter ihm her, die Syrophinzerin, diese Heidin, die er nicht in seinem Blickfeld hat, nicht in seinem Horizont hat, nicht in seinem Weltbild hat und die sagt: „Hab Erbarmen mit mir.“ Er will sie wegschieben. Er will wieder in die alte Sichtweise. Ich der Jude. Ich bin nur zuständig für die, zu denen ich scheinbar gesandt bin.

Aber sie sagt: Aber meine Sonne, meine Sonne scheint nicht. Mein Kind, mein Mädchen lebt in der Dunkelheit. Da kannst du nicht wegschauen, da musst du hinschauen. Hab Erbarmen mit mir. Und er will nicht. Aber sie macht ihm klar, das ist meine Sonnenfinsternis, das ist meine Dunkelheit. Und wenn du der Sohn Gottes bist und wenn dieser Gott die Sonne aufgehen lässt für alle, dann schau hin.

Bei den Messdienern hat sich im Lauf der Zeit etwas verändert. Am Ende hat der eine oder die andere tatsächlich das Wasser oder das Frühstück mit dieser Frau geteilt, wahrgenommen, dass da etwas im Leben dieser Frau verfinstert ist und dass es uns möglich ist, diese Sonnenfinsternis ein wenig zu erhellen.

Jesus kapiert durch diese Frau, die da schreit, die da um ihr Kind kämpft, Jesus kapiert, dass er zu klein gedacht hat, dass sein Horizont zu eng gewesen ist. Und so ist eine Sonnenfinsternis nicht nur eine Planetenkonstellation, nicht nur etwas, was man vorausberechnen kann, wo man weiß, das geht nach Minuten hinein, sondern es ist das große Zeichen am Himmel, das daran erinnert, wie viele Leben es gibt, bei denen sich etwas verfinstert hat.

Und wenn wir unser Leben anschauen, dann würde ich die Wette eingehen, es gibt keinen und es gibt keine, die diese Erfahrung nicht gemacht hat, wie eine Krankheit, wie eine Diagnose sich vor das Lebenslicht geschoben hat, wie eine Trennung, wie ein Verlust, wie ein Verrat sich, wie der Mond vor die Sonne geschoben hat.

Und umgekehrt gibt es aber auch diese Erfahrung, dass man begreift: Bevor ich dich kennengelernt habe, bevor uns dieses Kind geboren worden ist, da haben wir geglaubt, das wäre die Sonne und nicht gemerkt, dass eigentlich der Mond die ganze Zeit davor gewesen ist. Erst jetzt begreife ich, was das Leben hell macht, was das Leben ganz macht, was das Leben leuchtend und schön macht. Erst jetzt begreife ich Freundschaft, was Ehe, was Liebe, was Vater, Mutter, Opa, Tante, was das bedeuten kann.

Die Sonnenfinsternis am Mittwochabend, die war nach 2  Minuten vorbei. Aber doch erleben wir als Gesellschaft in diesen Tagen ganz besonders, da hat sich etwas verschoben. Wir erleben eine Schöpfung, die brennt, eine Schöpfung, die vollkommen verdunkelt ist, weil alles aus den Fugen geraten ist, weil wir Menschen tatsächlich es geschafft haben, dass für ganz viele Menschen das Leben auf dieser Erde finster geworden ist.

Was haben wir aufgeschrien bei den ersten Toten von Corona? Wo bleibt der Aufschrei, dass über 12.000 Menschen allein in unserem Land wegen dieser Umweltkatastrophe, wegen unserem Lebensstil, wegen unserem Lebensverbrauch, wegen unserem Ressourcenverbrauch, wo bleibt der Aufschrei, dass wir den Kindern, die dort im Kinderwagen geschoben werden, eine Schöpfung hinterlassen, die noch viel heißer sein wird als das, was wir in diesen Tagen erleben?

Wie können wir ruhig dasitzen? Wie können wir noch eine Politik unterschreiben, die für die nächsten Generationen zur totalen Finsternis wird? Wenn wir Alten jetzt schon echt sind, wie werden denn unsere Kinder und Enkelkinder auf diesem Planeten leben können? Wenn wir nicht grundlegend wahrnehmen, wir verfinstern das Leben so vieler. Diese 12.000, die in diesem Sommer bis jetzt gestorben sind, die hatten doch eine Sehnsucht nach Leben. Das ist doch nicht einfach ein Kollateralschaden unseres Konsums. Das ist die Katastrophe.

Das ist so, wie wenn wir uns kurz die Nase zuhalten und vorbeigehen und glauben, na ja, im Oktober ist das alles gegessen. So wird es nicht gehen. Wir tragen an einem Tag im Jahr in die dunkle Kirche ein Licht. Dann ruft der Diakon: Lumen Christi und dann wissen wir alle, jetzt muss ich dieses Licht ergreifen. Jetzt muss ich meine Kerze hinhalten, damit es hell wird, damit die Finsternis dieser Nacht besiegt wird.

Und das ist es doch, was dieser Jesus uns vorlebt in der Begegnung mit der Syrophinzerin. Da begreift er, ich muss mein Licht weitergeben. Ich muss mein Licht auch dieser Frau geben, die ich überhaupt nicht in meinem Horizont, nicht in meinem Blick, nicht in meinem Sinn gehabt habe, damit ihr Leben und das Leben ihrer Tochter wieder hell wird.

Wir suchen uns nicht aus, wer uns die Kerze hinhält, aber in jedem, der uns die Kerze und in jeder, der uns die Kerze hinhält und sagt: „Gib mir etwas von diesem Lumen Christi, gib mir etwas von diesem Licht.“ Da ist es Gott selber, der fragt: „Bringst du Sonnenfinsternis? oder bringst du Lumen Christi?“

Amen.