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Predigt Gemeindereferentin Angela Eckart am 20.09.2026:Unser Gott ist großzügig

Grüne Trauben hängen an einem Weinstock im sommerlichen Weinberg.
Datum:
20. Sept. 2026
Von:
Angela Eckart

Liebe Schwestern und Brüder,

es war ein ungewöhnlicher Tag im Zeltlager vor vielen Jahren. Auf dem Programm stand damals der „Religiöse Tag“. Nach dem Frühstück wurden die Aufgaben verteilt. Und es war klar: Wer heute Abend etwas essen wollte, musste an diesem Tag etwas dafür tun. Schuhe putzen. Die Dixi-Klos reinigen. Gemüse schnippeln oder den Müll einsammeln. Für jede Aufgabe gab es Goldtaler. 

Und so wurde von den Kindern auch eifrig gearbeitet. Es wurde geschrubbt und gewischt, geschnippelt und geputzt. Fleißig haben die Kinder ihre Münzen gesammelt. Bis einigen bewusst wurde: "Warum bekomme ich denn nur einen Taler, während der andere drei erhält? Das ist nicht richtig. Das ist nicht fair."

Denn genau das war der Auftrag unserer Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter für diesen Tag: Sie durften die Münzen – frei Schnatze – ganz nach ihrem Belieben an die Kinder verschenken und verteilen. 

Auch abends, als wir uns zum Abendessen trafen, waren die Gemüter noch ganz erregt. Es wurde hitzig diskutiert. Einige hatten ganz viel. Andere hatten ganz wenig. Obwohl sie doch genauso viel, manchmal sogar viel mehr gearbeitet hatten. 

Und mitten in dieser Diskussion wurde plötzlich klar und deutlich: Es geht längst nicht mehr nur um die Goldtaler. Es geht um etwas viel Tieferes. Es geht um die Frage: Was bin ich eigentlich wert? Was ist mein Arbeiten, mein Tun und mein Handeln wert?

Und vielleicht auch: Warum bekommt der andere etwas, was ich nicht bekomme?

Vermutlich sind uns, liebe Schwestern und Brüder, diese Fragen aus unserem eigenen Leben, aus unserem Miteinander, vertrauter, als uns lieb ist. Meist kennen wir nämlich den Marktplatz aus dem Evangelium, von dem wir gerade gehört haben, besser, als wir denken. Nicht mit Goldtalern in der Hand. Mit unseren Blicken und mit unseren Vergleichen. Mit dem, was wir bei anderen sehen und bei uns mitunter vermissen. Wir Menschen schauen nämlich aufeinander. Und fragen uns zuweilen auch: Warum wird sie, warum wird er, gesehen und ich nicht? Warum scheint es bei anderen im Leben leichter zu gehen als bei mir? Und manchmal passiert dabei etwas ganz Seltsames: Das Gute, das einem anderen widerfährt, was er kann, was er einbringt, was ihm gehört, was er erhält, fühlt sich plötzlich an - wie etwas, das mir fehlt. Wenn der andere gelobt wird, fühlen wir uns bisweilen übersehen. Wenn der andere geliebt wird, fühlen wir uns manchmal weniger geliebt.

Genau davon erzählt Jesus uns heute in seinem Evangelium. Von Menschen, die auf einem Marktplatz stehen und auf Arbeit warten. Einige werden früh am Morgen geholt. Andere später. Und einige erst in der letzten Stunde. Die Letzten haben fast den ganzen Tag gewartet. Vielleicht mit uns vertrauten Gefühl: Warum braucht mich niemand? Bin ich zu alt? Zu langsam? Zu einfach? Nicht deutsch genug? 

Und dann kommt der Weinbergbesitzer. Und sagt: „Geht auch ihr in meinen Weinberg.“ Auch ihr, die ihr den ganzen Tag hier gewartet habt. Am Abend bekommen alle ihren vereinbarten Lohn. Die, die den ganzen Tag gearbeitet haben. Und die, die erst in der letzten  Stunde gekommen sind. Alle bekommen einen ganzen Tageslohn. Und natürlich ist der Protest, die Auflehnung nicht weit: "Das ist doch nicht richtig. Das ist doch nicht fair!"

Wir können die Arbeiter, liebe Schwestern und Brüder, vermutlich gut verstehen. Sie waren früh da. Sie haben geschwitzt. Sie haben durchgehalten. Sie haben mehr gearbeitet. Sie wollen, dass sich das irgendwo auf ihrem Gehaltszettel zeigt, dass ihr Einsatz einen Unterschied macht. 

Doch dann sagt Jesus diesen einen, diesen merkwürdigen Satz, fast am Ende seines Evangeliums, den wir so ins Heute übersetzen könnten: „Bist du neidisch, weil ich gütig bin?“ Das ist eine unbequeme Frage für uns, weil ganz tief in ihr etwas steckt, das uns herausfordern will: Was geschieht in dir, wenn es dem anderen gut geht?

Wenn wir ins heutige Evangelium und auf unseren Gott schauen, kann dies aber zugleich zu einer befreienden Frage für unser Leben werden: Denn unser Gott ist großzügig. Seine Güte, seine Barmherzigkeit werden nicht weniger, wenn sie geteilt werden.  Ganz im Gegenteil: Sie werden reich. Sie werden mehr, zeigen dann erst ihre ganze Fülle. Das dürfen wir an diesem Morgen von unserem Gott lernen. Und vielleicht ändert das auch unseren Blick. Unsere Sichtweise auf die anderen. Auf unsere Geschwister. Auf die Klassenkameradinnen und Klassenkameraden. Auf unsere Freundinnen und Freunde. Auf unsere Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen. Auf unsere Gesellschaft. Auf unsere Welt.

Es ist Gottes große Einladung an uns für die neue Woche: Gönn doch mal dem andern. Das klingt vielleicht fast etwas frech. Aber gerade darin liegt das Befreiende. Unser Gott ist unendlich großzügig. Und wir dürfen mit ganzen Herzen sagen: Gott sei Dank!

Und vielleicht beginnt genau hier etwas, dass wir als Christinnen und Christen in unseren Alltag und in unsere Gesellschaft, in unsere Welt tragen können: Großzügig zu sein. Mit uns selbst. Und mit den anderen.

Vielleicht mit einem ehrlichen Kompliment. Mit einer liebevollen Einladung. Mit einem zuhörenden Ohr. Mit einer Chance für jemanden. Mit Geduld. Mit Geduld und Verständnis. Mit einem Satz, den ein Mensch vielleicht schon lange nicht mehr gehört hat: Schön, dass wir uns sehen. Ich habe dich vermisst. Mit einer Zusage, die das Herz berührt: Gut, dass du da bist. Du bist in unserem Land willkommen. Vielleicht ist das unser kleines Stück „Himmel auf Erden“. Dass wir solche Räume der Großzügigkeit für andere öffnen:  Einen Tisch, an dem jemand gern sitzt. Ein Gespräch, in dem einer merkt: Ich werde gehört. Eine Aufgabe, bei der jemand spürt: Ich  werde noch gebraucht. Eine zweite Chance. Ein ehrliches Lob. Heimat für jemanden, der alles zurücklassen musste. 

Als Gottes Bodenpersonal auf der Erde dürfen wir seine Großzügigkeit, Gottes Großzügigkeit, mit vollen Händen und Herzen weiterschenken. 

Und da kommt mir noch einmal unser Zeltlager in den Sinn: Als viele sich noch heftig aufgeregt und diskutiert haben, hat eines der Kinder ganz einfach den Beutel geöffnet, seine Goldtaler genommen und ganz einfach unter der Zeltgruppe verteilt, weil alle ein  leckeres Abendessen bekommen sollten. Und übrigens: Nein. Es war nicht das Kind, das von den Gruppenleiterinnen und Gruppenleitern mit den meisten Goldtalern beschenkt wurde, die es an diesem Tag gar nicht für sich aufbrauchen konnte. Vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt für unser Leben. Manchmal beginnt Großzügigkeit genau dort, wo wir aufhören zu zählen.  Amen.